Beide wollen Deutsche Wohnen enteignen und sozialen Wohnungsbau. Beide wollen mehr Klimaschutz und die Klimaneutralität bis 2040 erreichen. Beide wollen die Verkehrswende voranbringen. Die Linke wurde bei der Abgeordnetenhauswahl 2026 die stärkste Kraft. Dagegen verzeichnet Die Grüne trotz vieler Überschneidungen im Wahlprogramm Verluste von 4,1 Prozentpunkten. Woran liegt das und was kann Die Grüne sich von der Linken abschauen?
Am 24. August nahmen die Berliner Spitzenkandidatinnen, darunter auch Werner Graf, an der Pressekonferenz zum Launch des Wahl-O-Mat 2026 der Berliner Landeszentrale für politische Bildung teil. Grafs Ergebnis: hundertprozentige Übereinstimmung mit der eigenen Partei, gefolgt von der Tierschutzpartei und an dritter Stelle Die Linke. Graf gehört zum linken Flügel der Grünen und betonte wiederholt seine Präferenz für ein rot-rot-grünes Bündnis. Trotzdem gab es eine große Wähler*innenwanderung, vor allem unter jungen Menschen. Schätzungsweise 57 000 Wähler*innen, die bei der vorherigen Abgeordnetenhauswahl Die Grünen wählten, entschieden sich bei dieser Wahl stattdessen für Die Linke.
Obwohl Die Grünen viele Überschneidungen haben mit der Linken, was soziale Themen angeht, hat Die Linke immer noch den Vorteil, dass der Themenkomplex vor allem mit ihr assoziiert wird. Bei dieser Wahl spielten soziale Sicherheit (22 Prozent) und Wohnen (18 Prozent) für die Wahlentscheidung vieler Wähler*innen die größte Rolle. Davon profitierte Die Linke. Wie Politikwissenschaftler Dr. Aiko Wagner beschreibt: „Das linke Thema ist klar Bezahlbarkeit“.
Vor allem bei jungen Wähler*innen punktete Die Linke. 46 Prozent der Wähler*innen zwischen 16 und 24 Jahren haben Die Linke gewählt. Nur 10 Prozent wählten Die Grünen. Fast die Hälfte der Linken-Wähler*innen sind unter 30 Jahre alt, während die meisten Grünen-Wähler*innen 45 bis 59 Jahre alt sind. Ein Gast der Linken-Wahlparty vermutet, dass der wichtigste Programmpunkt „Mietabzocke stoppen“ vor allem bei jungen Menschen gut ankäme. Das liege daran, dass Die Linke die Sorgen und Nöte junger Menschen anspreche, die sich um ihre Zukunft sorgen würden und sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten könnten.
Dagegen wird Die Grüne am häufigsten mit Klima- und Umweltthemen assoziiert, welche für die Mehrheit der Wähler*innen nicht wahlentscheidend waren. „Manche Leute haben gerade halt mehr Angst vor dem Ende des Monats als vor dem Ende der Welt“, erklärt Dr. Wagner. Teil des Grundes für die Wähler*innenwanderung sei laut der 27-jährigen Selin, Gästin bei der Linken-Wahlparty, dass die Wahlversprechen der Grünen nicht eingehalten worden seien. Im Jahr 2021 erzielte Die Grüne mit 18,9 Prozent ihr höchstes Ergebnis bei einer Berliner Wahl. „Vor ein paar Monaten waren wir in den Umfragen gleichauf mit der Linken und der CDU. Die Macht lag also auf der Straße, wir haben dieses Momentum aber verpasst. Wir werden jetzt nicht mehr als das Gegenangebot zu rechts gesehen, sondern das ist eher die Linkspartei.“, folgert Enad Altaweel, der für Friedrichshain-Kreuzbergs Wahlkreis 3 kandidierte.
Außerdem kommunizierten Die Grünen nicht „die klare Kante und die klare Forderung wie Die Linke“, wie Elina Schumacher, Mitglied der Grünen Jugend und auf Listenplatz 9 für Die Grünen, reflektiert. Die Linke fokussierte sich nach Vorbild des Bürgermeisters von New York, Zohran Mamdani, auf drei zentrale Forderungen: Einfrierung der Mieten, kostenlose Kinderbetreuung und Ausbau des ÖPNVs. Im Vergleich war es unklarer, wofür Die Grünen genau standen. Werner Graf verzichtet diese Wahl bewusst auf zugespitzte Forderungen. Insgesamt zeichnete sich das Auftreten der Grünen durch Moderation aus. Im vorherigen Wahlkampf für die Abgeordnetenhauswahl im Jahr 2023 wollte Graf als Grünen-Fraktionschef noch die Hälfte der Berliner Parkplätze in zehn Jahren abschaffen.
Schumacher schlägt vor, der Zusammenhang zwischen Klimaschutz und finanzieller Auslastung solle bei den Grünen im Mittelpunkt stehen. Auch Altaweel findet, die Themen Klimaschutz und Bezahlbarkeit müssen im Fokus stehen, jedoch müsse man schauen, wie man dieses Angebot besser konkretisieren könne. „Es ging bei unserer Kampagne um Schule, um Kita, um Straßen und Verkehr, um Klima, um Umwelt, um Soziales, um Kultur, um Bildung, um alles. Es waren 20 Themen, und dann fragt man sich: Okay, wofür stehen sie dann genau?“ Ob die Berliner Grünen es schaffen, einen neuen Kurs einzuschlagen, wird sich erst bei der nächsten Abgeordnetenhauswahl im Jahr 2031 zeigen.
Quellen:
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Daria Bittig
