Abgeordnetenhauswahl in Berlin

KI-Wahl­pla­kate in Berlin – und jetzt?

Datum
24. September 2026
Autor*in
Alma Jung
Themen
#Politik #AGHW2026
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Jugendpresse Deutschland e.V. / Alma Jung 

KI-gene­rierte Plakate sind im Berliner Wahl­kampf ein Novum. Doch das Problem dahinter ist nicht neu: Ein Kommu­ni­ka­ti­ons­for­scher erklärt, warum weniger die Technik entschei­dend ist als die Botschaften, die mit ihr verbreitet werden.

“Gefähr­lich ehrlich” steht auf einem Wahl-Plakat, das seit Wochen in der Reginhard­straße in Reini­cken­dorf hängt. Darauf: Fried­rich Merz. Der Kanzler tritt aber keines­wegs in Berlin als Direkt­kan­didat an, statt­dessen handelt es sich um ein Plakat der Kampagne des Bündnis Sahra Wagen­knecht (BSW) im Wahl­kampf um das Berliner Abge­ord­ne­ten­haus. Darge­stellt ist der Bundes­kanzler in einem Boxring, liegend, schwit­zend, das Gesicht müde nach unten gewandt. Darüber steht ​“K.O. für Renten­kürzer!”. Direkt erkennt­lich ist, dass dieses und weitere Plakate des BSW von einer Künst­li­chen Intel­li­genz gene­riert sind. Dabei kommt die Frage auf, welchen Einfluss KI-Inhalte im Wahl­kampf auf Wähler*innen haben. 

Im Gespräch mit dem Kommu­ni­ka­tions-Forscher Tobias Scherer über Vor- und Nach­teile von KI im Wahl­kampf, stellt sich schnell heraus, dass vor allem eines entschei­dend für deren Verwen­dung ist: Effi­zienz. In einer Studie von 2025 hat Scherer mit Kolleg*innen die Wirkung und das Image der KI-Inhalte in poli­ti­scher Kommu­ni­ka­tion unter­sucht. Die Forschenden haben 1.991 Personen gefragt, wie sie Chancen und Risiken von KI im poli­ti­schen Raum einschätzen und welche Formen der Regu­lie­rung sie unter­stützen. Scherer sagt, mit KI könnten Parteien Infor­ma­tionen zusam­men­tragen und besser struk­tu­rieren oder einfach die Recht­schrei­bung korri­gieren. Es entstünden keine Kosten für Fotograf*innen und Designer*innen. 

Ob im Gegenzug das Vertrauen in die Parteien leidet, hängt von verschie­denen Faktoren ab. Scherer sagt: Menschen, die KI gegen­über bereits kritisch einge­stellt sind, bleiben dies auch bei KI-Wahl­wer­bung. Entschei­dend sei die Art der Verwen­dung, der trans­pa­rente Umgang damit und welche Inhalte über­haupt vermit­telt werden. 

Ehrliche Kenn­zeich­nung von KI 

Wenn KI von Parteien genutzt wird, um die eigene Recht­schrei­bung und Gram­matik zu korri­gieren, sehen die meisten Menschen darin kein großes Problem. Schön­heits­fehler oder ein anderer Hinter­grund in Unifarben fallen ebenso kaum auf. 

Perso­nen­ge­ne­rie­rung sorgt aller­dings für Abnei­gung: In der Studie zeigten die Teil­neh­menden beson­ders Skepsis gegen­über gene­ra­tiver KI. Außerdem geht ein Verlust von Vertrauen mit fehlender Trans­pa­renz in Form von Hinweisen der Nutzung einher. Wenn gene­rierte Inhalte als solche gekenn­zeichnet sind, fällt die Bewer­tung der Rezipient*innen also im Umkehr­schluss etwas milder aus. Die Forschenden stellten in ihrer Studie fest, dass sicht­bare Hinweise zur Verwen­dung von KI am besten direkt sichtbar auf dem Inhalt ange­bracht sein müssten. Aufklä­rende Texte halfen weniger gut. Tobias Scherer empfiehlt daher vor allem eine verpflich­tende Kenn­zeich­nung von KI-Bildern, wie es mitt­ler­weile bei Werbung schon in Form von Disclai­mern üblich ist. Darüber hinaus betont Scherer, man müsse die Medi­en­kom­pe­tenz stärken, um gene­ra­tive KI zu erkennen. Er nennt Schulen oder Erwach­se­nen­bil­dungs­pro­gramme als poten­zi­elle Lern­orte dafür. 

Gute Indi­ka­toren für KI sind aktuell beispiels­weise noch ein verschwom­mener Hinter­grund und unna­tür­lich ausse­hende Finger. Zudem können sich Wähler*innen fragen, ob die abge­bil­dete Person in einem realis­ti­schen Kontext zu sehen ist. Dass das Bild von Fried­rich Merz dafür zu unrea­lis­tisch aussieht, lässt vermut­lich die meisten Menschen erkennen, dass es sich nicht um ein echtes Foto handelt. Trotz der Indi­ka­toren gibt Scherer zu bedenken, dass durch fort­schritt­liche Programme Unge­reimt­heiten immer weniger werden und uns die Unter­schei­dung in Zukunft schwerer fallen wird. 

Der Inhalt ist wich­tiger als das Tool 

Ob KI oder nicht, die hervor­ge­ru­fenen Emotionen bei Wähler*innen durch Plakate sind dieselben, egal ob ein Plakat echte oder unechte Fotos zeigt. Der Unter­schied: Die abbild­baren Situa­tionen sprengen mit KI vorhe­rige Grenzen und bergen das Poten­zial, extre­mere Emotionen durch dras­ti­schere Bilder zu trig­gern. Auch Tobias Scherer gibt zu bedenken, dass vermehrt poli­tisch extreme Akteur*innen KI im Wahl­kampf nutzen. 

Da Wahl­kampf vor allem auf Emotionen zielt, müssen sich Wähler:innen nicht nur fragen, ob ein Bild echt sein kann. Wir täten auch gut daran, zu reflek­tieren, welche Emotionen Plakate in uns hervor­rufen und warum. Ein KI-gene­riertes Kind vor Trüm­mern, die Gaza symbo­li­sieren sollen, sieht uns von BSW-Plakaten entgegen. Außerdem ein deut­scher Dackel an US-ameri­ka­ni­scher Leine oder Wolo­dimir Selensky, Fried­rich Merz und Ursula von der Leyen, die mit Geld werfen – dazu der Claim: ​“Schluss mit der Abzocke!”. Die Gesichter der Abge­bil­deten sind verzerrt, sie zeigen klare Feind­bilder und die Forde­rungen wirken popu­lis­tisch. 

Die Plakate eint das Dagegen-Sein 

Aktuell würde die Gesamt­be­völ­ke­rung die Verwen­dung von KI z.B. im Wahl­kampf noch eher ablehnen, bemerkt Tobias Scherer. Eine Studie von ARD und ZDF zeigt, dass die Mehr­heit der Menschen Ergeb­nissen der Tools skep­tisch gegen­über­stehen und trotzdem können wir in zukünf­tigen Wahl­kämpfen öfter mit ihrer Verwen­dung rechnen. Egal ob mit oder ohne Disclaimer, eine Frage bleibt: Wo wird die Grenze gezogen, wenn beispiels­weise Politiker*innen verhöhnt oder Gewalt­szenen impli­ziert werden? Von der Leyen und Selensky waren im Früh­jahr 2026 bereits für Plakate des ehema­ligen unga­ri­schen Minis­ter­prä­si­denten Viktor Orban gene­riert und darauf in ähnli­cher Weise mit offener Hand als geld­gierig verun­glimpft worden wie nun auf Plakaten des BSW. Die KI-Plakate sind sich vor allem darin ähnlich, dass sie einen Schul­digen für alle Probleme ausma­chen; posi­tives Framing ohne Anti-Thesen sucht man verge­bens. Vermut­lich könnten die Aussagen der Plakate auch alle mit Sätzen ausge­drückt werden, die Bilder sind als Eyecat­cher aber zugäng­li­cher. Auch im Wahl­kampf ist KI nur ein Tool und die Parteien bleiben dafür verant­wort­lich, womit sie werben wollen. Nach jedem dieser Bilder hat ein Mensch gefragt


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