KI-generierte Plakate sind im Berliner Wahlkampf ein Novum. Doch das Problem dahinter ist nicht neu: Ein Kommunikationsforscher erklärt, warum weniger die Technik entscheidend ist als die Botschaften, die mit ihr verbreitet werden.
“Gefährlich ehrlich” steht auf einem Wahl-Plakat, das seit Wochen in der Reginhardstraße in Reinickendorf hängt. Darauf: Friedrich Merz. Der Kanzler tritt aber keineswegs in Berlin als Direktkandidat an, stattdessen handelt es sich um ein Plakat der Kampagne des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) im Wahlkampf um das Berliner Abgeordnetenhaus. Dargestellt ist der Bundeskanzler in einem Boxring, liegend, schwitzend, das Gesicht müde nach unten gewandt. Darüber steht “K.O. für Rentenkürzer!”. Direkt erkenntlich ist, dass dieses und weitere Plakate des BSW von einer Künstlichen Intelligenz generiert sind. Dabei kommt die Frage auf, welchen Einfluss KI-Inhalte im Wahlkampf auf Wähler*innen haben.
Im Gespräch mit dem Kommunikations-Forscher Tobias Scherer über Vor- und Nachteile von KI im Wahlkampf, stellt sich schnell heraus, dass vor allem eines entscheidend für deren Verwendung ist: Effizienz. In einer Studie von 2025 hat Scherer mit Kolleg*innen die Wirkung und das Image der KI-Inhalte in politischer Kommunikation untersucht. Die Forschenden haben 1.991 Personen gefragt, wie sie Chancen und Risiken von KI im politischen Raum einschätzen und welche Formen der Regulierung sie unterstützen. Scherer sagt, mit KI könnten Parteien Informationen zusammentragen und besser strukturieren oder einfach die Rechtschreibung korrigieren. Es entstünden keine Kosten für Fotograf*innen und Designer*innen.
Ob im Gegenzug das Vertrauen in die Parteien leidet, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Scherer sagt: Menschen, die KI gegenüber bereits kritisch eingestellt sind, bleiben dies auch bei KI-Wahlwerbung. Entscheidend sei die Art der Verwendung, der transparente Umgang damit und welche Inhalte überhaupt vermittelt werden.
Ehrliche Kennzeichnung von KI
Wenn KI von Parteien genutzt wird, um die eigene Rechtschreibung und Grammatik zu korrigieren, sehen die meisten Menschen darin kein großes Problem. Schönheitsfehler oder ein anderer Hintergrund in Unifarben fallen ebenso kaum auf.
Personengenerierung sorgt allerdings für Abneigung: In der Studie zeigten die Teilnehmenden besonders Skepsis gegenüber generativer KI. Außerdem geht ein Verlust von Vertrauen mit fehlender Transparenz in Form von Hinweisen der Nutzung einher. Wenn generierte Inhalte als solche gekennzeichnet sind, fällt die Bewertung der Rezipient*innen also im Umkehrschluss etwas milder aus. Die Forschenden stellten in ihrer Studie fest, dass sichtbare Hinweise zur Verwendung von KI am besten direkt sichtbar auf dem Inhalt angebracht sein müssten. Aufklärende Texte halfen weniger gut. Tobias Scherer empfiehlt daher vor allem eine verpflichtende Kennzeichnung von KI-Bildern, wie es mittlerweile bei Werbung schon in Form von Disclaimern üblich ist. Darüber hinaus betont Scherer, man müsse die Medienkompetenz stärken, um generative KI zu erkennen. Er nennt Schulen oder Erwachsenenbildungsprogramme als potenzielle Lernorte dafür.
Gute Indikatoren für KI sind aktuell beispielsweise noch ein verschwommener Hintergrund und unnatürlich aussehende Finger. Zudem können sich Wähler*innen fragen, ob die abgebildete Person in einem realistischen Kontext zu sehen ist. Dass das Bild von Friedrich Merz dafür zu unrealistisch aussieht, lässt vermutlich die meisten Menschen erkennen, dass es sich nicht um ein echtes Foto handelt. Trotz der Indikatoren gibt Scherer zu bedenken, dass durch fortschrittliche Programme Ungereimtheiten immer weniger werden und uns die Unterscheidung in Zukunft schwerer fallen wird.
Der Inhalt ist wichtiger als das Tool
Ob KI oder nicht, die hervorgerufenen Emotionen bei Wähler*innen durch Plakate sind dieselben, egal ob ein Plakat echte oder unechte Fotos zeigt. Der Unterschied: Die abbildbaren Situationen sprengen mit KI vorherige Grenzen und bergen das Potenzial, extremere Emotionen durch drastischere Bilder zu triggern. Auch Tobias Scherer gibt zu bedenken, dass vermehrt politisch extreme Akteur*innen KI im Wahlkampf nutzen.
Da Wahlkampf vor allem auf Emotionen zielt, müssen sich Wähler:innen nicht nur fragen, ob ein Bild echt sein kann. Wir täten auch gut daran, zu reflektieren, welche Emotionen Plakate in uns hervorrufen und warum. Ein KI-generiertes Kind vor Trümmern, die Gaza symbolisieren sollen, sieht uns von BSW-Plakaten entgegen. Außerdem ein deutscher Dackel an US-amerikanischer Leine oder Wolodimir Selensky, Friedrich Merz und Ursula von der Leyen, die mit Geld werfen – dazu der Claim: “Schluss mit der Abzocke!”. Die Gesichter der Abgebildeten sind verzerrt, sie zeigen klare Feindbilder und die Forderungen wirken populistisch.
Die Plakate eint das Dagegen-Sein
Aktuell würde die Gesamtbevölkerung die Verwendung von KI z.B. im Wahlkampf noch eher ablehnen, bemerkt Tobias Scherer. Eine Studie von ARD und ZDF zeigt, dass die Mehrheit der Menschen Ergebnissen der Tools skeptisch gegenüberstehen und trotzdem können wir in zukünftigen Wahlkämpfen öfter mit ihrer Verwendung rechnen. Egal ob mit oder ohne Disclaimer, eine Frage bleibt: Wo wird die Grenze gezogen, wenn beispielsweise Politiker*innen verhöhnt oder Gewaltszenen impliziert werden? Von der Leyen und Selensky waren im Frühjahr 2026 bereits für Plakate des ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban generiert und darauf in ähnlicher Weise mit offener Hand als geldgierig verunglimpft worden wie nun auf Plakaten des BSW. Die KI-Plakate sind sich vor allem darin ähnlich, dass sie einen Schuldigen für alle Probleme ausmachen; positives Framing ohne Anti-Thesen sucht man vergebens. Vermutlich könnten die Aussagen der Plakate auch alle mit Sätzen ausgedrückt werden, die Bilder sind als Eyecatcher aber zugänglicher. Auch im Wahlkampf ist KI nur ein Tool und die Parteien bleiben dafür verantwortlich, womit sie werben wollen. Nach jedem dieser Bilder hat ein Mensch gefragt
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