Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern

„Konfron­ta­tion und Kontakt“ – wie die Grünen die Fünf-Prozent-Hürde meis­terten

Datum
24. September 2026
Autor*in
Daria Bittig
Themen
#LTWMV26 #Politik
Daria B

Jede der anderen Parteien aus dem aktu­ellen Landtag Meck­len­burg-Vorpom­merns wäre bestürzt gewesen, doch für die Grüne ist das Ergebnis von 5,7 Prozent Grund zur Freude. Wenn sie ins Parla­ment einziehen, werden sie sehr wahr­schein­lich auch Teil der nächsten Landes­re­gie­rung. Wie konnten sie das schaffen? 

Es ist der Sonn­tag­abend der Land­tags­wahlen in Meck­len­burg-Vorpom­mern, kurz vor 18 Uhr und die letzten Wahl­lo­kale schließen gerade. Während­dessen tummeln sich auf der Wahl­party von Bündnis 90/​die Grünen die Menschen in einem hellen läng­li­chen Raum, der sonst als Café genutzt wird. Doch hier wird jetzt Apfel­saft und Prosecco getrunken und die Anwe­senden stehen dicht an dicht vor der provi­so­ri­schen Bühne, der Mode­rator des dort laufenden Live-Streams kündigt gerade erste Prognosen für den Abend an. Die Partei­spitze steht Arm in Arm, einige der Anwe­senden halten sich an den Händen, langsam verstummt das Gemurmel und in diesem Moment kleben alle Augen auf dem Bild­schirm. Da verkündet eine Stimme: ​„Und die Grünen…“ Der Rest ist nicht mehr verständ­lich. Beim Anblick des neuen Balkens auf der Grafik jubeln die Partei­mit­glieder auf. Nach den ersten Hoch­rech­nungen erzielen die Grünen ein Ergebnis von 5,5 Prozent, für sie: ein Grund zum Aufatmen. 

Obwohl es die Partei in dieser Form bereits seit 1993 im MV gibt, gelang ihr erst zwei Mal der Einzug ins Landes­par­la­ment: 2011 und 2021. Dass die Grünen aktuell im Schwe­riner Landtag vertreten sind, möchten sie fort­setzen und so war das Über­schreiten der Fünf-Prozent-Hürde auch dieses Mal für sie wichtig. ​„Das Etap­pen­ziel für uns Grüne hier in MV ist es, in den Landtag rein­zu­kommen, das nächste Ziel ist es, das auszu­bauen“, sagt Sebas­tian Hüller. Der 26-jährige Listen­kan­didat der Grünen trägt zu dem beson­deren Anlass am Wahl­abend Hemd und Anzug­hose und scheint kein einziges Mal still zu stehen. Bekannt ist er vor allem wegen seiner Präsenz in den Sozialen Medien: Dort postet er Videos von Wahl­kampf-Aktionen, wie sich selbst auf einem Techno-Fahrrad oder auf Video­spiel-Turnieren. Die Ziel­gruppe: immer primär junge Menschen. 

Trotz der Bemü­hungen im Wahl­kampf lag die Grüne in den Umfragen vor der Wahl nur sehr knapp über den magi­schen fünf Prozent. Aber auch trotz der tradi­tio­nell nied­rigen Ergeb­nisse findet Hüller, er habe sich für die rich­tige Partei entschieden. Im Gespräch sagt er: ​„Die SPD war mir einfach zu mächtig. Das fand ich ein biss­chen dröge.“ Er wolle auch auf etwas hinar­beiten, denn: ​„Hier in MV ist es ja als Grüner so ein biss­chen Selbst­greiß­lung. Das macht auch Spaß, da hat man noch Konfron­ta­tion und Kontakt und da kann man für was kämpfen.“ So ist er also auch gerade wegen der weniger popu­lären Posi­tion in die Partei einge­treten. 

Laut der Bundes­zen­trale für poli­ti­sche Bildung haben die Mitglieder der Grünen von allen Parteien des Land­tags den nied­rigsten Alters­durch­schnitt. Das spie­gelt sich auch in den Anwe­senden auf der Wahl­party wider: Es sind mehr Köpfe mit blau-gefärbten Haaren zu sehen als solche mit weißen. Ihre Inhalte sind auch klar danach ausge­richtet. Neben der prozen­tualen Verrin­ge­rung der AfD, dem Einsatz für Klima und Nach­bar­schaft­lich­keit stünde die Jugend ganz vorne mit auf dem Partei­pro­gramm, so Hüller weiter. 

Eine Analyse der Forschungs­gruppe Wahlen zeigt, dass diese Ziel­gruppe auch erreicht wurde: Die meisten Wähler der Grünen sind unter 30 und unter 44 Jahre alt. Poli­tik­wis­sen­schaftler Chris­tian Pfeiffer der Univer­sität Rostock verortet die Wahl­er­geb­nisse aber auch an anderen Punkten: ​„Die Grünen haben Inhalts-Wahl­kampf gemacht, die Linken haben versucht Inhalts-Wahl­kampf zu machen, die SPD hat das ja auch ein biss­chen versucht, aber am Ende ging es da vor allem um das Ober­fläch­liche, also, wie sympa­thisch man wen findet.“ 

So habe insbe­son­dere die SPD den Wahl­kampf um ihre Spit­zen­kan­di­datin genutzt. Pfeiffer ergänzt: ​„Die Grünen haben von Manuela Schwesig profi­tiert.“ Vorher rief sogar die Spit­zen­kan­di­datin der Grünen Claudia Müller: ​„Wer Schwesig will, wählt Grün!“ Auch die Orga­ni­sa­tion Campact habe zum Über­schreiten der 5‑Pro­zent-Hürde beigetragen, so Pfeiffer weiter. Kurz vor der Wahl hat sie dazu aufge­rufen, die Zweit­stimmen taktisch für die Grüne abzu­geben, um so eine rot-rot-grüne Regie­rung zu ermög­li­chen. Haar­scharf hat es damit die Grüne nicht nur in den nächsten Landtag, sondern auch in die nächste Regie­rung geschafft. ​„Ich freue mich total auf die Zusam­men­ar­beit mit Linken und der SPD“, sagt auch Sebas­tian Hüller. ​„Man ist eigent­lich quasi auf der glei­chen Linie.“ 

Um 19:30 Uhr verlassen bereits die ersten Gäste die Wahl­party der Grünen, doch für die meisten ist der Abend noch nicht vorbei: Alle gewon­nenen 0,1 Prozent­punkte, aber auch alle stabilen Werte nach neuen Aktua­li­sie­rungen werden mit Applaus und Jubel gefeiert und es sammelt sich noch immer ein Grüpp­chen vor der Bühne. So wartet man weiter, bis schließ­lich kurz nach acht Uhr Claudia Müller, die Grünen-Spit­zen­kan­di­datin, die Bühne zum zweiten Mal am Abend betritt. Nach ihrem minu­ten­langen Begrü­ßungs­ap­plaus mahnt sie: Sie möchte den Wahl­sieg nicht vorzeitig feiern. Dennoch ist sie sich inzwi­schen sicher: Die Grünen sind im Landtag. Sie feiern heute einen Erfolg. 


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