Abgeordnetenhauswahl in Berlin

Ist das Hoch­kultur oder kann das weg? 

Datum
24. September 2026
Autor*in
Tabea Neu
Themen
#Kultur #AGHW2026
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Pexels / Paula Schmidt 

Berlin ist Kultur. Und doch werden Kultur­schaf­fenden seit mehr als zwei Jahren reihen­weise die Förder­mittel gestri­chen. Bietet die Abge­ord­ne­ten­haus­wahl Grund zur Hoff­nung? Ein Kommentar.

Kaum zu glauben, aber alle sind sich einig: Berlin steht für Kultur. Für Viel­falt. Okay, Letz­teres gilt wahr­schein­lich nur für den verfas­sungs­treuen Teil der Partei­en­land­schaft. Doch selbst dessen harmo­ni­sche Einig­keit scheint bei der Frage, durch wen diese kultu­relle Viel­falt entsteht und wem sie dient, schon wieder hinfällig. 

Nach den von Rot-Schwarz 2024 beschlos­senen Kürzungen im Kultur­etat mussten zahl­reiche Orga­ni­sa­tionen und Initia­tiven mit einem Bruch­teil ihrer bishe­rigen Förde­rung über­leben oder sogar voll­ständig schließen. Im Doppel­haus­halt für 2026/2027 sieht es nicht besser aus. Bei gut acht Prozent im Kultur­sektor beschäf­tigten Berliner*innen macht das circa 150.000 mäßig bis schlecht­be­zahlte Menschen, die täglich Projekte für den Zusam­men­halt unserer Gesell­schaft aus dem Boden stampfen und dann statt einem Danke­schön den Geld­hahn abge­dreht bekommen. 

Da wirkt es eher unau­then­tisch, wenn die CDU in ihrem Wahl­pro­gramm zur Berliner Abge­ord­ne­ten­haus­wahl 2026 ihr Lob für die kultu­relle Viel­falt der Haupt­stadt ausschüttet und mit großen Worten ihre zukünf­tige Unter­stüt­zung versi­chert. Die ​„Strahl­kraft“ Berlins wird im Programm auf den drei Seiten zur Kultur unver­hält­nis­mäßig oft erwähnt. Dort ist die Rede von Berlin als ​„Kultur­me­tro­pole von Welt­rang“. Kultu­relle ​„Spit­zen­leis­tungen“ sollen geför­dert und der Erhalt ​„bedeu­tender Kultur­stand­orte“ gesi­chert werden. Frei nach dem Motto: Ist das Hoch­kultur oder kann das weg? 

Dass Kultur nicht nur prak­ti­sche Einnah­me­quelle, sondern in erster Linie lebens­not­wen­dige Alltags­rea­lität von Menschen bedeutet, kommt im Wahl­pro­gramm der Christdemokrat*innen deut­lich zu kurz. Insbe­son­dere für Jugend­liche ohne stabilen, finan­zi­ellen Hinter­grund spielen kultu­relle Ange­bote wie Musik, Theater oder Tanz eine zentrale Rolle. Dabei entstehen Räume, in denen sich junge Menschen auspro­bieren, austau­schen und vernetzen können. Erfah­rungen, die zur poli­ti­schen Teil­habe beitragen: Stich­wort kultu­relle Bildung. Ja, Demo­kratie kann man lernen. Und nichts wäre in diesen Zeiten kurz­sich­tiger, als ihre Lern­felder zu verrin­gern. 

Wie geht’s jetzt also weiter?  

Die Grünen setzen auf ein Kultur­för­der­ge­setz. Das entspre­chende Gutachten wurde im Juni 2026 von ihnen vorge­stellt. ​„Die öffent­liche Kultur­för­de­rung muss bislang, im Gegen­satz zu fast allen anderen Poli­tik­be­rei­chen, ohne eine norma­tive Grund­lage auskommen“, schreiben sie im Einlei­tungs­text auf ihrer Website. Das heißt, Kultur­ver­eine und ‑initia­tiven bangen jedes Jahr aufs Neue, ob sie und ihre Projekte im nächsten Förder­jahr noch exis­tieren. Insbe­son­dere in der Arbeit mit Jugend­li­chen sind das Bedin­gungen, unter denen lang­jäh­rige Prozesse der Bezie­hungs­ar­beit und Projekt­ent­wick­lung stark erschwert werden. 

Für die Linke sind diese Themen Heim­spiel. Sie unter­stützt den Geset­zes­vor­schlag der Grünen und verspricht zudem einen Anstieg des Haus­halts­an­teils für Kultur auf drei Prozent. Wie immer ist die lauteste Gegen­frage, wie sie das finan­zieren wollen. 

Zuge­geben, die Ideen der Linken sind nichts für schwache Nerven. Viele von ihnen fordern eine Verän­de­rung des Systems und das kommt bei Gewohn­heits­tieren einfach über­haupt nicht gut an. 

Mode­rate Anpas­sungen, ja. Struk­tu­relle Verän­de­rungen, nein. 

Wenig über­ra­schend hält daher die CDU dagegen. Sie behauptet von sich, anders als die anderen Parteien mache sie keine falschen Verspre­chungen, sondern konfron­tiere die Bevöl­ke­rung mit realis­ti­schen Szena­rien. Geld müsse aufge­trieben und Prio­ri­täten nun mal gesetzt werden. 

Natür­lich wird es der Komple­xität von poli­ti­scher Zusam­men­ar­beit nicht gerecht, wenn man nur einer Partei die Schuld zuschiebt. Wer aller­dings Milli­arden lostritt, um junge Menschen wieder zum Militär schi­cken zu können und das auf dem Rücken demo­kra­tie­för­dernder Frei­zeit­pro­jekte eben­dieser jungen Menschen austrägt, ist mit dem neuen Partei­türkis viel­leicht doch etwas zu nah an das Blau von rechts heran­ge­rückt. 

Ginge es nach der AfD, kämen Kultur­schaf­fende übri­gens an letzter Stelle. Vorrang hat für sie laut Wahl­pro­gramm die ​„origi­nal­ge­treue Rekon­struk­tion stadt­bild­prä­gender Bauwerke“, Denk­mäler stärker vor dem ​„Protest von Bürgern“ zu schützen und vor allen Dingen an den Stra­ßen­namen proble­ma­ti­scher Vorfahren fest­zu­halten. 

Wofür die SPD einsteht, ist unklar. Das muss sie offenbar erst selbst neu erör­tern. 

Kürzungen rück­gängig machen – das Best-Case-Szenario?  

Jein. Natür­lich wäre die sofor­tige Rück­gän­gig­ma­chung der Kürzungen ein wich­tiger Start. Doch selbst wenn schon heute alle Gelder wieder fließen würden, wäre nicht alles beim Alten. Denn wenn langer­ar­bei­tete, heran­ge­reifte Orte des sozialen Mitein­an­ders von heute auf morgen die Türen schließen, zerbricht mehr als man von außen sieht. Da sind Sozialarbeiter*innen, die sich neue Jobs suchen mussten und nicht einfach auf Knopf­druck wieder verfügbar sind; Orte, die mitt­ler­weile für etwas anderes genutzt werden; Orga­ni­sa­tionen, das heißt, Menschen, die sich das unsi­chere Hin und Her nicht noch einmal leisten können. Und nicht zuletzt sind da Vertrauen, Zuver­sicht und Hoff­nung auf eine bestän­dige Zukunft, die erst wieder neu aufge­baut werden müssen. 

Kultu­relle Bildung ist nicht die Kirsche auf der Demo­kra­tie­torte. Sie ist Teil des Torten­bo­dens. Das anzu­er­kennen, wäre von Seiten der nächsten Regie­rung ein guter Anfang. Viel­leicht ist dann auch Hip Hop endlich Hoch­kultur. 


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