Wählen kann für wohnungs- und obdachlose Menschen eine bürokratische Hürde und zusätzlicher Aufwand sein. Ein neues Projekt in Berlin soll dabei helfen. Denn: Jede Stimme ist wichtig und auch wohnungslose Menschen sollten mitbestimmen können, wie Berlin aussieht.
„Wieder bezahlbar wohnen“ oder „Mieten bezahlbar machen“. Das sind unter anderem die Wahlplakat-Slogans der SPD und der Linke zur Abgeordnetenhauswahl in Berlin 2026.
Diese Wahl drehte sich stark um die Themen Mieten und Wohnen. Schließlich sind 84% aller Wohnungen in Berlin Mietwohnungen, so die Senatsverwaltung für
Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen. Doch eine Gruppe von Berliner*innen wird besonders mit der Frage des Wohnraums konfrontiert: Wohnungs- und obdachlose Menschen.
Als wohnungslos gilt jemand, laut Wohnungslosenberichterstattungsgesetz, wenn die Nutzung einer Wohnung weder durch einen Mietvertrag oder einen Pachtvertrag noch durch ein anderes Recht abgesichert ist oder eine Wohnung einer Person aus sonstigen Gründen nicht zur Verfügung steht. Obdachlos ist, wer auch nachts draußen ist. Angaben der Sozialverwaltung aus 2024 zeigen, dass rund 60.000 Personen wohnungslos sind, während ca. 6.000 bis 10.000 Personen obdachlos sind.
Wer von ihnen wählen will, braucht eine Wahlbescheinigung. Doch ohne Meldeadresse gestaltet sich dieser Prozess schwierig. Denn wer nirgendwo gemeldet ist, wird nicht automatisch ins Wählerverzeichnis aufgenommen und erhält keine Wahlbenachrichtigung. Um trotzdem wählen zu können, müssen Betroffene persönlich beim Wahlamt vorsprechen.
Von Montag, dem 17. August 2026 an, hatten Wohnungslose bis zum 28. August Zeit, sich in ein Wählerverzeichnis eintragen zu lassen. Dafür mussten wohnungslose Menschen sich mit einem amtlichen Lichtbildausweis beim Wahlamt des Bezirkes melden, bei dem sie sich in der Nacht vom 15. zum 16. August (dem 35. Tag vor der Wahl) aufgehalten haben.
„Jede Stimme zählt“ ist ein Pilotprojekt, das wohnungs- und obdachlosen Menschen nun niedrigschwellige Hilfe bei diesem Wahlprozess angeboten hat. Das Bezirkswahlamt Pankow, die Immanuel-Beratung, die Berliner Diakonie, Union für Obdachlosenrechte e.V. und die Landesarmutskonferenz Berlin haben sich dafür zusammengetan. Mitarbeitende besuchten hierfür am 17. August eine Tagesstätte für Wohnungslose in Pankow. Sie halfen den Menschen vor Ort bei der Eintragung ins Wählerverzeichnis und bei Fragen zum Wahlprozess. Wer dort ins Wählerverzeichnis aufgenommen wurde, konnte die Wahlbenachrichtigung für den Wahltag mitnehmen oder die Unterlagen direkt vor Ort in der Wahlkabine ausfüllen und abgeben.
„Mit dem Pilotprojekt bringen wir die Verwaltung und soziale Einrichtungen zusammen: Das Wahlamt gewährleistet das rechtssichere Verfahren, die soziale Arbeit schafft den Zugang zu den Wähler:innen“, erzählt die Tagesstätten-Leiterin Simona Barack.
Ziel war es, den Prozess einfacher, zugänglicher und weniger bürokratisch zu gestalten. „Wir erleben jeden Tag, wie wichtig niedrigschwellige Angebote zur Unterstützung und Beratung für die Betroffenen sind. Dass das Wahlamt heute die Teilnahme an der Wahl für sie vereinfacht, ist ein bedeutender Schritt für die Teilhabe wohnungsloser Menschen“, sagt Tagesstätten-Leiterin Simona Barack. Viele wüssten nicht, dass sie wählen dürfen oder wie, so die Einschätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Dabei hat die eigene Stimme in Bezug auf Landes- und Kommunalpolitik, im Vergleich zu Bundeswahlen, eine direkte Auswirkung auf die eigene Lebensrealität.
Inhaltlich hat jede Partei dem Thema Wohnungslosigkeit und vor allem Obdachlosigkeit einen Platz in ihrem Wahlprogramm gewidmet. Die SPD, Grüne, Linke, FDP und CDU setzen in ihrem Programm vorrangig auf die „Housing-First-Strategie“.
„Housing First“ will Wohnungslosigkeit unmittelbar beenden, indem obdachlosen Menschen eine eigene Wohnung mit Mietvertrag und ohne Vorbedingungen angeboten wird. Damit die Menschen ihre Wohnung auch langfristig halten können, können sie wohnbegleitende Hilfen in Anspruch nehmen, deren Inhalt und Umfang sich, laut der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung, an ihren Bedürfnissen orientiert. Diese Strategie wurde bereits in einer deutschen Stadt umgesetzt. Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) hat das Ziel, Düsseldorf zur ersten deutschen Großstadt „ohne Obdachlose auf der Straße“ zu machen. Seit dem Start von „Housing First Düsseldorf“ im Oktober 2021 konnte bereits 150 ehemals wohnungslosen Menschen eine eigene Wohnung vermittelt werden.
Die Berliner Parteien setzen sich in ihren Programmen auch stark für präventive Hilfsangebote ein. Die FDP und die CDU behandeln das Thema aus der Perspektive von Sicherheit und Ordnung des öffentlichen Raums. Die CDU will Strukturen weiterentwickeln und dabei Erkrankungen sowie Behinderungen berücksichtigen. Bei der AfD wird das Thema stärker mit Migration und Ordnung verbunden. AfD, CDU und FDP nennen in dem Zusammenhang die Möglichkeit, Obdachlosen die freiwillige Rückkehr in ihre Heimatländer anzubieten.
Die SPD, Grüne und Linke wollen mehr bezahlbaren Wohnraum, gezielte soziale Hilfen, Beratungs- und Versorgungsangebote bieten. Die SPD will bis 2030 die Wohnungs- und Obdachlosigkeit beenden und ein Sozial-Wohnwerk gründen. Die Linke wollen Wohnraum als soziales Recht einführen und sind gegen Zwangsräumungen.
Die Parteien haben das Problem und die Not der Wohnungs- und Obdachlosigkeit wahrgenommen. Manche Pläne wie „Housing First“ bestehen schon jetzt. Es ist vorerst unklar, ob soziale und behördliche Projekte wie „Jede Stimme zählt“ in Zukunft bei Wahlen in Berlin oder anderen Bundesländern übernommen oder erweitert werden, um Wohnungslosen die demokratische Teilhabe zu erleichtern.
In der Zwischenzeit sollte die zukünftige Berliner Regierung nicht vergessen, an diese vulnerable Gruppe Menschen zu denken. Auch, wenn nicht alle von ihnen gewählt haben. Auch wenn sie keine eigene Lobby haben. Wohnungslosigkeit ist nicht nur ein strukturelles Problem. Es sind Einzelschicksale, die betroffen sind und die nicht vergessen werden sollten.
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