Marktsamstag in der Mainzer Altstadt, die Sonne lacht. Zwischen Schobbeglas und Eisbecher kann man sich hier einen Tag vor der Landtagswahl sein eigenes politisches Meinungsbild erstickern und herausfinden, welche Partei die eigene Position am besten vertritt. Hannah Sturm hat sich ins Marktgetummel begeben und fragt nach, wie jene Wahlbeteiligungsprojekte bei den Bürger*innen ankommen.
Ein Frühlingstag in Mainz. Auf der Ludwigsstraße scheint die Sonne. Es ist Marktsamstag, dementsprechend finden sich in den Händen einiger Passant*innen Schobbegläser und Eisbecher. Kinder mit Luftballons bahnen sich ihren Weg durch die Menge. Auf den Ballons sind die Logos verschiedener Parteien zu erkennen, denn: Morgen wird der neue Landtag in Rheinland-Pfalz gewählt. In der Altstadt verteilt sind die Infostände der Parteien zu finden. Ein weiterer Stand, der viele Mainzer*innen zu einem Stopp bewegt ist der gemeinsame Demokratiestand der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) und des Landtags. Zu erkennen ist er an der Wand aus gelber LKW-Planen, auf die unzählige rote und grüne Punkte geklebt wurden. Menschen stehen allein und in Kleingruppen davor und unterhalten sich angeregt: Sie durchlaufen den analogen Wahl-O-Mat. Nebenan ein blauer Pavillon in dem Mitarbeiter*innen des Landtags über die Wahlen informieren. Beide Angebote sind Teil des Projekts „Wahltour“.
Eine der Personen, die am Stand stehen geblieben sind, um den Wahl-O-Mat auszuprobieren, ist Lukas. Er ist 30 Jahre alt. „Ich habe heute Morgen schon den online Wahl-O-Mat gemacht und dann fand ich sehr interessant, dass man hier auch sehen kann, was andere Leute so hinkleben“, sagt er. Johanna und Paula sind 25 und 26. „Ich finde das Projekt sehr sinnvoll“, sagt Johanna. „Man wird nochmal zum Nachdenken angeregt. Vor allem, weil ich den Wahl-O-Mat dieses Jahr nicht nochmal gemacht habe, weil ich mir recht sicher bin, was ich wähle. Jetzt schaue ich mir das Ergebnis hier an und hinterfrage das vielleicht nochmal.“ Paula findet vor allem den Austausch mit den anderen Standbesucher*innen spannend:
„Ich finde es cool, dass man die Möglichkeit hatte, mit anderen über einzelne Sachen zu quatschen, darüber was die so denken.“
Der 65-jährige Gerhard ist ebenfalls zufällig am Stand vorbeigelaufen. „Man kann sehen wie abgestimmt wird und wie sich die Antworten verteilen, das finde ich super“, sagt er.
In den Wochen vor der Landtagswahl haben bei der „Wahltour“ der analoge Wahl-O-Mat und der Demokratiestand Halt in acht Ortschaften des Bundeslands gemacht, um Menschen über die Wahlen zu informieren. Mit dabei waren unter anderem Stopps in Westerburg, Ludwigshafen und Trier.
Menschen vor dem gemeinsamen Demokratiestand des Landtags Rheinland-Pfalz und der Landeszentrale für politische Bildung
Jugendpresse Deutschland e.V. / Caroline Sauter
Nicole Lieder ist Referentin im Bereich Demokratie- und Erwachsenenbildung im Landtag Rheinland-Pfalz und hat das Projekt zusammen mit der Landeszentrale organisiert. „Plan war es, ein überparteiliches, niedrigschwelliges Angebot zu schaffen, mit dem viele Zielgruppen erreicht werden können und ins Gespräch gekommen werden kann.“ Der Landtag und die LpB stehen in regelmäßigem Austausch. Bereits bei der letzten Bundestagswahl wurde der „Wahl-O-Mat zum Aufkleben“ der Bundeszentrale für politische Bildung eingesetzt, um damit gezielt Erstwähler*innen anzusprechen, sagt sie. Inspiration für eine Tour durch Rheinland-Pfalz war eine Infotour der LpB, welche anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Institution 2024 veranstaltet wurde.
Der Wahl-O-Mat ist ein Informationsangebot über Wahlen und Politik, welches Wähler*innen dabei helfen soll ihre eigenen Standpunkte mit denen der Parteien zu vergleichen. Das passiert mit der Hilfe verschiedener Thesen, auf welche die Nutzer*innen mit Zustimmung, Ablehnung oder Unentschlossenheit reagieren können. In der Regel handelt es sich bei Wahl-O-Mat um Onlineangebote. Die User*innen klicken sich durch die Aussagen und im Anschluss wird das individuelle Ergebnis angezeigt. Die LPB brachte dieses Konzept nun in die Fußgängerzonen und auf die Marktplätze des Bundeslandes.
Thematisch spannen sich die Thesen von der Abschaffung der Mietpreisbremse bis zum ökologischen Weinbau. Aber auch zu Handyverboten an Grundschulen und Schwangerschaftsabbrüchen wird abgefragt. Erarbeitet wurden die Thesen an zwei Workshopwochenenden von einem ausgewählten Team bestehend aus 30 Fachleuten, Professor*innen, Journalist*innen und Jugendlichen. Nachdem zunächst 80 Sätze formuliert wurden, welche die relevanten Themen dieser Landtagswahl abbilden sollten, wurden diese zur Positionierung an die Parteien versendet. Im Anschluss wurden die Thesen auf die bestehenden 38 gekürzt und in den Wahl-O-Mat mit aufgenommen.
Der Wahl-O-Mat spuckt die Ergebnisse einer Person aus, die vorher ihre Sticker auf die Plane geklebt hat
Jugendpresse Deutschland e.V. / Caroline Sauter
In der analogen Version werden die Thesen auf gelbe Planen gedruckt. Jede Person, die das Angebot wahrnehmen möchte, kann sich am Stand einen Stickerbogen mit einem roten und einem grünen Punkt für jede Aussage abholen. Dann wird These für These abgearbeitet. Stimmt man zu, wird ein grüner Punkt geklebt, lehnt man das gesagte ab, ein roter. Bei Unentschlossenheit finden beide Punkte ihren Weg auf die Plane. Sind alle Sprechblasen beklebt, kann man durch das Anbringen von schwarzen Stickern entscheiden mit welchen Parteien die eigene Einstellung verglichen werden soll. Auf dem Bogen entsteht durch das Aufkleben ein Lochmuster, welches von einer Maschine ausgewertet werden kann. Nach dem Einscannen spuckt der Automat einen Kassenzettel aus, der die prozentuale Übereinstimmung mit den ausgewählten Parteien aufzeigt.
Sebastian Spiller ist studentische Aushilfe im rheinland-pfälzischen Landtag und arbeitet am Infostand, der neben dem Wahl-O-Mat aufgebaut ist. Sebastian findet:
„Das Wahlrecht wird derzeit nicht von allen wertgeschätzt, wir befinden uns leider in Zeiten, in denen nicht so viele Menschen wählen gehen.“
Deshalb sei es dem Projekt ein wichtiges Anliegen überparteilich und neutral auf die Wahlen aufmerksam zu machen. Mit Quizzen, Infomaterial und einer Demokratiewand wollen sie mit den Menschen ins Gespräch kommen. Vor allem soll die Initiative Raum zum Zusammenkommen schaffen. Dieser Vorsatz wird von den Bürger*innen sehr gut aufgenommen. „Die Rückmeldungen waren gut. Dass auch außerhalb des Landtags Präsenz gezeigt wird, dass zu den Menschen gekommen wird, das wurde positiv bewertet“, sagt er.
Am Demokratiestand des Landtags Rheinland-Pfalz liegt Infomaterial aus.
Jugendpresse Deutschladn e.V. / Caroline Sauter
Dr. Sarah Scholl-Schneider ist stellvertretende Direktorin der LpB. Auf die Frage, wie das Angebot von den Bürger*innen aufgenommen wird, sagt sie: „Zu sehen, was andere punkten, regt das eigene Hinterfragen an, da bekommen wir rückgemeldet, dass das spannend ist.“ Sie berichtet, dass die Menschen den Wahl-O-Mat häufig zu zweit oder in Kleingruppen durchlaufen, dass es zu einer gemeinschaftlichen Sache gemacht wird. Sie erzählt von Eltern, die ihren Kindern die Thesen erklären und sie mit Hilfe der Standmitarbeiter*innen einordnen. „Es ist auch eine Möglichkeit, um uns Feedback zu geben. Wir finden es schön, wenn etwas zurückkommt. Wir bekommen auch Rückmeldung zu den Thesen: Was sind wichtigen Themen für Rheinland-Pfalz? Welche Themen fehlen den Menschen? Wo brauchen sie zusätzliche Infos?“ Laut ihr gehe es vor allem darum, die Wahlbeteiligung anzuheben und Menschen mit Informationen auszustatten. Dazu liegt am Stand verteilt Infomaterial aus. Broschüren in leichter Sprache und Zeitungen mit interaktiven Bestandteilen können kostenlos mitgenommen werden.
Die Wahlbeteiligung in Rheinland-Pfalz lag bei der Landtagswahl 2021 bei 64,4 Prozent. 1,96 Millionen Menschen stimmten ab – rund 204.000 weniger als bei der vorherigen Wahl. Immerhin ist die Wahlbeteiligung für die aktuelle Landtagswahl angestiegen. 68,5 Prozent der Rheinland-Pfälzer*innen haben bis zum Wahlsonntag gewählt. Aber woran liegt das? Und können Projekte wie die „Wahltour“ wirklich etwas an der Wahlbeteiligung ändern?
Laut dem Mainzer Politikwissenschaftler Dr. Alexandru Filip ist das ein Trend, der auch schon bei der letzten Bundestagswahl zu beobachten war. „2025 hatte die höchste Wahlbeteiligung seit 1987. Das zeigt unter anderem das die Gesellschaft polarisiert ist. Wenn Menschen denken, dass die Lage ernst ist, gehen sie wählen“, sagt er in Bezug auf die Wahlbeteiligung in Deutschland.
„Viele Leute sind überraschend uninformiert. Viele Menschen wissen wenig über die Inhalte der Wahlprogramme der politischen Parteien. Leider geht es in der Politik viel um Vibes“
‚so Dr. Filip. Er erzählt von einer eigenen Erfahrung in einer Dorfturnhalle, in die er eingeladen wurde, um Bürger*innen über die Parteiprogramme aufzuklären. „Es gefällt mir zu denken, dass diese Art von Inhalten eigentlich helfen.“ Weiter meint er, dass viele Menschen sehr bequem seien: „Auch wenn sie geneigt sind, wählen zu gehen. Oft kommt aber etwas dazwischen. Wenn einen dann jemand auf der Straße anspricht oder an die Tür klopft, bringt es manche Menschen vielleicht doch dazu ins Wahllokal zu gehen. Wenn das auch nur zu einem Prozent mehr Wahlbeteiligung führt, hat es sich gelohnt.“
Was lässt sich aus der „Wahltour“ mitnehmen? Es bleibt offen, ob wir uns den Weg zu einer höheren Wahlbeteiligung erstickern können. Unsere Demokratie können wir aber stärken, solange wir die Sticker gemeinsam kleben. Ein gemeinsamer Austausch, in dem unterschiedliche Ansichten gehört und diskutiert werden, ist dafür ein wichtiger Grundpfeiler. Außerdem: Die Menschen da abholen, wo sie sind. Komplizierte Sachverhalte in einer Sprache erklären, welche die Bürger*innen verstehen. Denn von den Auswirkungen politischer Entscheidungen sind sie unmittelbar betroffen. Informieren, einordnen und zuhören. Das alles sind Prozesse, welche die „Wahltour“ in die rheinland-pfälzischen Fußgängerzonen bringt. So kann den Wähler*innen das Werkzeug für eine informierte Wahlentscheidung in die Hand gegeben werden. So können Menschen zur Teilnahme an demokratischen Prozessen ermutigt werden.
Empfohlene Beiträge
Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: Zwischen Weinschorle, „Wahlgym“ und Wahlurne
Felicia Holtkamp , Noel Firmenich
Bildung von morgen: Wie will die Landespolitik junge Menschen fit für die Zukunft machen?
Elisabeth Friedmann
