In der Mainzer Neustadt schließt Jakub seine WG-Zimmertür hinter sich. Ein paar Straßen weiter sitzt Hanna in einem Café. In Trier läuft Aleyna durch die Innenstadt, noch regnet es nicht. Lara blickt auf ihre Stadt, auf den Betze. Was sie gemeinsam haben? Sie sind alle von hier. Aufgewachsen irgendwo zwischen Rheinland und der Pfalz. Ansonsten? Fragen wir sie!
Lara, 22, studiert Biologie an der RPTU Kaiserslautern
Oskar Stempfle
Später sitzt Lara auf einem WG-Balkon und raucht. Die Sonne sticht ihr ins Gesicht, es ist Anfang März und warm. Sie blickt auf die Innenstadt von Kaiserslautern, die Fruchthalle, das große Einkaufszentrum. Sie ist hier geboren, aufgewachsen, erwachsen geworden. Dass sie sich hier zuhause fühlt, kam erst spät, sagt sie. Sie sei immer ein bisschen anders gewesen als die anderen, im Kindergarten, der Grundschule. „Weil das direkt mit meinem Nachnamen rauskommt – du bist keine Deutsche.“ Keiner habe ihn aussprechen können. Das „wo kommst du her?“ machte sie zur Fremden – in der eigenen Stadt. Ihre Eltern stammen aus Polen. „Dort“, sagt sie, „ist eher Heimat als hier.” Erst mit der Zeit, dem Unterwegssein und Heimkommen habe sich das geändert. „Dann habe ich mich doch in der Region hier, in der Pfalz, mehr zu Hause gefühlt, als ich es woanders in Deutschland tun würde.“ Wenn Lara an ´Lautern denkt, sehe sie den Wald. Und das, sagt sie, sei dann doch Heimat, wenn sie durch die Baumreihen fährt, das finde sie schön. Trotzdem verbinde sie die Region nicht mit Rheinland-Pfalz. Die Pfalz sei für sie so, wie sie dargestellt werde – mit Weingut und so. Lautern sei da ganz am Rand. „Wir sind so nah am Saarland dran. Uns wird auch oft vorgeworfen, wir wären Saarländer.“ Regionale Identität? Spürt sie nicht. Politisch spielt das keine Rolle. „Ob regional oder bundesweit – meine Stimme kann etwas Gutes tun.“ Egal, ob sie sich dem nun verbunden fühle oder nicht. An der Wahlurne am wichtigsten? Gleichberechtigung. Und Integration. Sie weiß, worum es geht. Und, dass ihre Stimme zählt.
Aleyna, 20, macht ein FSJ-Kultur am Theater Trier
Oskar Stempfle
An einem anderen Wochenende – es ist nun noch eine Woche bis zur Wahl – sitzt Aleyna in einem Trierer Café und rührt in ihrem Latte Macchiato. Draußen peitscht der Wind Regen durch die Einkaufsstraße. In der Innenstadt sei sie früher nie gewesen. Zuhause, sagt sie, verbindet sie mit Trier-Feyen – dem Viertel ihrer Kindheit. Dem Mehrfamilienhaus, Einsteinstraße eins, mit rosafarbenen Wänden, ein bisschen dreckig, der Himmel blau und wolkig. „Wie so ein Bilderbuch“, lacht sie. Sie wohnt nicht mehr da. Viel prägender als der Ort sei ihr soziales Umfeld. Ihre besten Freunde lernt sie in der Oberstufe kennen, erschließt sich mit ihnen die Stadt – und sich selbst. „Sie hatten einen riesigen Einfluss darauf, wer ich heute bin.” Auch politisch. „Das liegt nicht an der Region, in der ich lebe, sondern einfach an unserer Bubble.“ Andere Menschen in ihrem Alter seien ganz anders. Und auch sie, sagt Aleyna, wäre ganz anders, wenn sie mehr Zeit mit anderen Menschen verbracht hätte. Mit Rheinland-Pfalz fühlt sie sich nicht verbunden. Aber mit den Menschen, die sie umgeben, ihren Freundis, der Familie, dem Trierisch, das ihre Mutter spricht und ihre Oma. „Ich wähle gerne für dieses Bundesland, weil ich halt gerade hier lebe.“ Was sie vor der Wahl bewegt? Kultur! Und ihre Mitmenschen. Wäre die Renovierung des Trierer Theater – in dem sie arbeitet – nicht beschlossen worden, hätte es schließen müssen. Generell solle für allgemeinnützige Einrichtungen mehr Geld übrigbleiben. Sie wünsche sich, dass jeder Mensch – egal woher stammend oder wie viel leistend – gut leben könne. Und, dass die Gesellschaft dies respektiere. Sich das Leben verdienen zu müssen, sagt sie, sei krank.
Jakub, 22, studiert Jura an der JGU Mainz
Oskar Stempfle
Jakub setzt sich an den Küchentisch seiner WG. Vor ihm dampft eine Teetasse. Die Fenster sind deckenhoch, draußen die große Allee, zweispurig, Richtung Innenstadt. In Mainz, rechnet er, lebt er bald fünf Jahre. „Es fühlt sich schon wie zuhause an, aber nicht ganz.“ Wenn er Heim fahre, nach Ludwigshafen, spüre er, DAS ist zuhause. In Mainz wohne er – nur. Die Stadt, sagt er, fühle sich an wie ein großes, liebes Dorf. Seine Heimatstadt sei dagegen vor allem grau: Baustellen, Leerstand, Gewerbeflächen, Industrie. Trotzdem mag er sie. „Wegen dem Zuhause-Gefühl – nicht wegen dem, was sie ist oder wie´s da läuft.“ Seine beiden Heimaten seien auch zwei verschiedene Welten – die nicht ganz miteinander vereinbar seien. Mit der regionalen Kultur, dem Pfälzischen, sei er groß geworden. Mit dem Wurstmarkt in Bad Dürkheim, den Dorffesten, der Weinschorle. Wenn auch nicht vom Elternhaus her. Jakub hat polnische Wurzeln, ist Gastarbeiterkind, seine Eltern bauten sich hier eine Existenz auf. Viele seiner Freundis hätten ähnliche Biografien, manche seien selbst Geflüchtete. „70 Prozent von denen haben wirklich Probleme“, sagt er. Manche von ihnen hätten 10 Jahre auf ihren Pass warten müssen. Andere seien armutsgefährdet. Politisch repräsentiert fühlen sie sich nicht. Es sei immer dieses „Wir helfen euch, wir wissen, was ihr braucht“ – aber sie wissen es gar nicht, sagt er. Ein Blick von oben herab, Gerede, das den sozial Schwächeren nicht helfe. Allgemein fehle es an politischer Konsequenz. An Lösungen. „In Politik habe ich, was soziale Sachen angeht, kaum Vertrauen.“ Wen er wählen soll, wisse er nicht. Oder ob. Seine beiden Heimaten seien eben auch politisch verschiedene Welten.
Hanna, 23, studiert Publizistik und Komparatistik an der JGU Mainz
Gerade war auch die Sonne noch da.“ Hanna schaut in den Himmel. Das Café in der Mainzer Neustadt ist freitagnachmittagsvoll. Es sind die letzten Tage vor der Wahl, die Plakate an den Straßenrändern sind bereits mehrfach beklebt. Hanna lebt hier seit fünf Jahren. Eigentlich kommt sie vom Land. Aus dem Rheinland, Vordereifel, 20 Minuten von der Mosel. Teilweise gebe es dort mehr Kühe als Menschen, scherzt sie. „Die Hälfte der Leute, mit denen ich groß geworden bin, kam aus Landwirtschaftsbetrieben.” Vieles bleibe dort beständig. Sie sei nun oft die Städterin – gerade in politischen Debatten. Dabei sei auch sie verbunden mit ihrer Heimat, manchmal sogar mehr, als ihr lieb sei. Gerade, wenn sie in der Stadt ist. „Diese Land-Stadt-Mentalität ist schon prägnanter, als man sich eingestehen will“ sagt sie. Dorftrottelwitze? Kennt sie. Macht sie mittlerweile selbst. Politisch sei das Verhältnis nicht auf Augenhöhe. „Leute auf dem Land fühlen sich vernachlässigt.“ Debatten würden an ihrer Realität vorbeigeführt, zum Beispiel bei der Mobilität. Bei ihr fahren drei Busse pro Tag – alles Schulbusse. „Ohne Auto geht´s halt nicht.“ Dieser Konflikt, sagt sie, sei viel größer als regionale Unterschiede, ob jemand Eifler sei oder Westerwälder. Auf dem Land herrsche eine besondere politische Kultur. „Es ist SPD oder CDU.“ Und jeder wisse, wer wen unterstützt. Ihre Familie, Mama, Opa hätten immer schon CDU gewählt. Bei ihrer ersten Wahl, Landtag 2021, bestimmt das auch ihre Entscheidung. Heute ist das anders. Ihr gehe es um Demokratie, Rechte, für alle und jeden, Klimawandel. Um Haltung. „Man streitet sich über Haltung und nicht über spezifisch politische Themen“ sagt sie. Das habe sich verändert.
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