Gedan­ken­reise vor der Wahl

Datum
01. September 2019
Autor*in
Charlie Wien
Thema
#sltw19
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Europa

Die Land­tags­wahl in Sachsen beschäf­tigt viele Menschen. po-Redak­teurin Charlie Wien sogar so sehr, dass sie zwei Tage vorher an nichts anderes mehr denken konnte. Ein paar persön­liche Gedanken und Erleb­nisse zur Wahl im Erlebnis-Proto­koll.

Freitag, 15 Uhr

Ich stehe am Leip­ziger Haupt­bahnhof. Über das Wochen­ende werde ich nach Dresden fahren. Am Sonntag finden in Sachsen Land­tags­wahlen statt und ich bin bei einer poli­ti­ko­range-Redak­tion dabei, um darüber zu berichten. Obwohl ich noch zur Schule gehe und aufgrund meines Alters nicht wählen darf, möchte ich teil­haben an dem, was die Gesell­schaft prägt: An Demo­kratie und Meinungs­äu­ße­rung. Ich möchte vor Ort sein, wenn darüber entschieden wird, wer die nächsten fünf Jahre die Entschei­dungen trifft. Der Zug ist voll, es sind fast 30°C. Auf Insta­gram reiht sich Wahl­wer­bung an Wahl­wer­bung. In weniger als zwei Tagen öffnen die Wahl­lo­kale. Wie in einem Film flackern in meiner Erin­ne­rung die vielen Schlag­zeilen der letzten Wochen vor meinen Augen: ​„Entschei­dungs­wahl im Osten“, ​„Kaum eine Koali­tion möglich“, ​„Kret­schmer lehnt Koali­tion mit AfD ab“, ​„Klima­wahl 2019 – Jetzt muss gehan­delt werden.“ Ich fühle eine Mischung aus Wut und Angst, es ist keine gute Mischung. Angst vor den Wahl­er­geb­nissen, dem Einfluss des Rechts­rucks, Wut über die Parteien, Frus­tra­tion, dass ich mich von keiner wirk­lich vertreten fühle.

Freitag, 18 Uhr

Als ich bei der Cocker­wiese in Dresden ankomme, sitzen hundert Jugend­liche im Gras. Sie reden in kleinen Gruppen von drei bis zehn Leuten, überall liegen Plakate herum und neben einer Gruppe Studie­render liegen Mega­fone auf dem Boden. Von einer großen Bühne schallt Musik, daneben locken Stände mit Essen. Es ist die Abschluss­ver­an­stal­tung von Fridays for Future Sachsen. Aber trotz Musik und dem sonnigen Wetter scheint die Stim­mung gedrückt. Die Frage ​„Was, wenn…“ ist überall zu hören. Was, wenn die AfD in die Regie­rung kommt? Was, wenn es Neuwahlen gibt? Was, wenn der Klima­schutz in Sachsen unter den Tisch fällt? Ich höre zu, mein Unbe­hagen wächst. Diese poli­ti­schen Diskus­sionen und Vermu­tungen der gesamten vergan­genen Zeit sind ermü­dend, manchmal denke ich mir: ​„Ich kann doch eh nichts verän­dern, warum also damit beschäf­tigen?“ Ande­rer­seits gibt es auch diese leise aber unüber­hör­bare und immer wieder­keh­rende Stimme in meinem Kopf: ​„Nicht aufgeben! Nicht aufgeben! Nicht aufgeben!“

Freitag, 20 Uhr

Um von den poli­ti­schen Gesprä­chen wegzu­kommen, gehe ich mit ein paar Bekannten in den Alaun­park. Die Ärzte schallen laut über die Wiese, es ist trotz Sonnen­un­ter­gang immer noch warm. Überall wird laut gelacht, gegessen und getrunken. Die Stim­mung ist ausge­lassen, einige Jugend­liche haben ange­fangen, zu tanzen. Ich kenne die Menschen um mich herum nicht, weiß nicht, ob sie sich über­haupt mit Politik beschäf­tigen. Auf einmal scheint es mir so, als wären die ganzen Gedanken und sinn­losen Speku­la­tionen über die Wahl wegge­fegt worden von der sorg­losen Freude am Sommer.

Freitag, 22:30 Uhr

Irgendwie bin ich an den Elbwiesen gelandet. Es ist inzwi­schen komplett dunkel. Hier sind bestimmt 300 Leute und feiern einen Geburtstag von jemanden, die oder den keiner wirk­lich zu kennen scheint. Ich kenne kaum jemanden, doch die Stim­mung ist auch hier gut. Dann ruft plötz­lich jemand laut: ​„Die Bullen sind da!“. Im Augen­winkel fällt mir auf, dass er schwarze Sprin­ger­stiefel mit weißen Schnür­sen­keln trägt, ein Symbol der Neonazis, bei dem die Stahl­kappen mit dem Weiß für die über­le­gene Stärke der weißen Gesell­schaft stehen. Urplötz­lich hat sich die Party aufge­löst. Verwirrt stehe ich irgendwo im Dunkeln und fühle mich brutal aus meiner guten Stim­mung heraus­ge­rissen. Durch den bloßen Anblick von Schuhen, Schuhe von jemanden, den ich nicht einmal kenne, fange ich wieder an zu zwei­feln: Ist Sachsen wirk­lich so, wie die großen Medien berichten: Ein braunes Nazi-Land? Oder doch eher, wie ich es aus Leipzig kenne: Viel­fältig, enga­giert, diskurs­be­reit? Lebe ich tatsäch­lich in meiner komfor­ta­blen Blase mit Menschen, die für die Demo­kratie einstehen, oder sind die vielen Meldungen über Sachsen einfach Schwarz­ma­lerei?

Freitag, 23 Uhr

Auf dem Weg in mein Hotel komme ich an eine Halte­stelle, an der viele junge Menschen sitzen und auf die Stra­ßen­bahn warten. Ein Mädchen, viel­leicht 16 Jahre alt, zeigt auf ein Wahl­plakat der AfD, auf dem steht: ​„Bunte Viel­falt? Haben wir schon!“. ​„Lass uns das abreißen“, ruft sie wütend einem Jungen zu, er winkt ab, das Plakat sei zu hoch befes­tigt. Eine weitere Jugend­liche mischt sich ein: ​„Man könnte auf den anderen Plakaten hoch­klet­tern!“. Sie beginnen, laut­stark über weitere Möglich­keiten zu disku­tieren. Der Versuch, eine Räuber­leiter aus fünf Leuten zu bilden, schei­tert als die Bahn einfährt.

Samstag, 14 Uhr

Ich stehe mitten in der Dresdner Neustadt und habe mich verlaufen. Ich sehe Aufkleber mit der Aufschrift ​„Kein Viertel für Nazis!“. Aus einem Fenster hängt die Euro­pa­flagge. Ist das das Pegida – Dresden, das vor drei Jahren dauernd in den Nach­richten war? Ich muss lächeln. Kurz ist es so, als sei ganz Sachsen für Europa.

Samstag, 22 Uhr

Ich komme an einer Stra­ßen­kreu­zung vorbei. Dutzende Leute sitzen auf der Bürger­steig­kante. Bier­fla­schen werden herum­ge­reicht und vor den erleuch­teten Schau­fens­tern spielen drei Frauen Skat. An einer Ecke stehen zwei Männer, die scheinbar zu den Grünen gehören. Mit Bauch­laden, Wahl­pro­grammen, Kugel­schrei­bern und kleinen Tüten voll Sonnen­blu­men­samen spre­chen sie die Passanten an und machen Werbung für morgen. Es ist eine schöne Atmo­sphäre und ich fühle mich, als würde ich nach Hause kommen. Jeder unter­hält sich mit jedem, alle lachen und selbst die beiden Poli­tiker sehen locker und entspannt aus, als wären sich alle einig, als würde morgen alles gut ausgehen.

Sonntag, 2:45 Uhr

Ich liege im Bett in meinem Hotel. Von der Straße hallt eine ange­trun­kene Frau­en­stimme in mein Zimmer hinein und hält mich vom Schlafen ab: ​„Wisst ihr, meine Mutter wählt die FDP. Ich bin stolz auf sie, auch wenn die FDP nicht gut ist, denn mein Vater wählt die AfD.“

Sonntag, 7:34 Uhr

Nach dem Aufwa­chen schaue ich auf die Uhr und mein erster Gedanke ist, dass in weniger als einer halben Stunde die Wahl­lo­kale öffnen. Auf Insta­gram poste ich noch bevor ich aufstehe: ​„Bitte geht wählen!“. Ich komme mir kurz etwas albern vor, denn alle großen Parteien mit so viel mehr Reich­weite haben seit Wochen bereits das selbe getan. Aber immerhin gibt es mir das Gefühl, etwas tun zu können.

Sonntag, 14:15 Uhr

Ich schaue Nach­richten. Die Wahl­be­tei­li­gung ist deut­lich höher als bei der Land­tags­wahl vor fünf Jahren. Verläss­liche Hoch­rech­nungen gibt es noch nicht, aber in den Schlag­zeilen geht es fast durch­ge­hend um die ​„Wahl im Osten“, mit frag­wür­digen Erklä­rungen, wie sich die neuen Bundes­länder von den alten unter­scheiden. Ob sie recht haben, weiß ich nicht. Aber ich habe die Hoff­nung, dass Sach­sens Gesell­schaft mit dieser hohen Wahl­be­tei­li­gung zeigt, dass die demo­kra­ti­schen Grund­rechte, die wir hier in Deutsch­land glück­li­cher­weise haben, auch auf demo­kra­ti­schen Wege vertei­digt werden.

Mir wird manchmal gesagt, dass ich mit 16 Jahren kaum etwas weiß und zu wenig Erfah­rung habe, um Politik zu verstehen. Vermut­lich stimmt das, aber ich habe eine sehr klare Vorstel­lung von meiner Zukunft und sie heißt Demo­kratie. Eine Demo­kratie, in der gemeinsam nach Lösungen gesucht wird. Eine tole­rante, welt­of­fene Demo­kratie, in der man frei mitein­ander redet, anstatt sich anzu­f­einden.


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