Zwischen Lähmung, Hoff­nung und Ratio­na­lität

Datum
19. November 2021
Autor*in
Hannah Prasuhn
Thema
#Gesellschaft
Unter dem Appell „Klimajournalist*innen braucht das Land" geben Leonie Sontheimer und Lalon Sander einen Workshop zu u.a. klimagerechter Sprache.

Foto: Jugendpresse Deutschland / Josephine Pöge

Die Grat­wan­de­rung Klima­kom­mu­ni­ka­tion wirft grund­le­gende jour­na­lis­ti­sche Fragen auf. Wie weit können wir gehen, um Bewusst­sein in unserer Gesell­schaft zu schaffen?

Ein befrei­endes Lachen geht durch die Runde, als Leonie Sont­heimer, freie Jour­na­listin, vom klima­neu­tralen Puder­zu­cker“ erzählt, der ihr im Super­markt aufge­fallen war. Green­wa­shing!“, werfen die Teil­neh­menden der Dialog­insel How to: Klima­kom­mu­ni­ka­tion“ bei der Youth Media Conven­tion (YouMeCon) in Berlin ein. Nick Heubeck, Fridays for Future-Akti­vist und freier Jour­na­list, fragt, wie falsche Bilder im Kopf wieder zurecht­ge­rückt werden könnten. So sei nicht Plastik das Problem, sondern das Kohle­kraft­werk. Die Exis­tenz der menschen­ge­machten Klima­krise ist eindeutig belegt, es herr­sche ein über­wäl­ti­gender wissen­schaft­li­cher Konsens, sagt Lalon Sander, Teil des Klima­hubs der taz. Die Beschrän­kung auf wissen­schaft­liche Fakten gelte in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung als Posi­tio­nie­rung, sei aber in diesem Fall Neutra­lität.

Das Oxford Dictionary defi­niert Green­wa­shing“ als die Akti­vi­täten eines Unter­neh­mens oder einer Orga­ni­sa­tion, die den Anschein erwe­cken sollen, dass sie sich um die Umwelt kümmern, auch wenn ihre tatsäch­liche Tätig­keit der Umwelt schadet.

Neutra­lität und kriti­sche Distanz: zwei Begriffe, die schnell fallen, wenn Klima­kom­mu­ni­ka­tion thema­ti­siert wird, und Emotionen. Um lösungs­ori­en­tiert und konstruktiv schreiben zu können, befreit sich Sont­heimer erst von ihren Emotionen und geht dann rational an ihre Texte. Heubeck sieht den Schlüssel gerade in der Nutzung von Emotionen: Sie würden die Gefühle der Leute akti­vieren. Akti­vis­ti­sche Kommu­ni­ka­tion muss schon etwas Beson­deres sein.“ Ihm fehlen Formate, die seine Eltern errei­chen.

Doch diese Formate gibt es. Klima­jour­na­lismus außer­halb von Insta­gram exis­tiert, abseits von akti­vis­ti­schen Blogs, für die breite Masse aufbe­reitet. Aber reicht das, um die gesell­schaft­liche Debatte anzu­treiben? Sont­heimer sagt am Telefon, dass es ein immer größeres Bewusst­sein dafür gäbe, konstruk­tive Recher­chen und Artikel zu veröf­fent­li­chen – Beiträge, die keine Emotionen vorschreiben würden.

Angst und Apoka­lypse

Im Raum glei­chen die Argu­mente der Teil­neh­menden und Gäst*innen einem Tauziehen. Am Ende steht immer wieder die Frage im Mittel­punkt, wie Klima­wis­sen­schaft ehrlich, aber auch alar­mie­rend vermit­telt werden kann. Um die Klima­wis­sen­schaft zu stärken, müssen Unsi­cher­heiten laut Sander zwangs­läufig deut­lich gemacht und Wahr­schein­lich­keiten heraus­ge­stellt werden, aber nicht zu abstrakt: viele Leute finden es total wichtig, dass über die Klima­krise berichtet wird, wollen das aber nicht unbe­dingt selbst lesen.“

Marius Hasen­heit, Biogeo­wis­sen­schaftler und Heraus­geber des trans­form Maga­zins, glaubt, Menschen außer­halb der jungen, akti­vis­ti­schen Ziel­gruppe zu errei­chen, indem wir über das gute Leben schreiben.“ Ohnmacht und Hilf­lo­sig­keit sollten durch visio­näre Zukunfts­bilder ersetzt werden. Klima­angst, die entscheiden kann, ob sich am Ende beim Shoppen eine Person schlecht fühlt“, sagt Heubeck. Er plädiere dafür, Leute abzu­holen, Verständnis ihnen gegen­über aufzu­bringen, und trotzdem zu appel­lieren. Aktivist*innen nähmen sich natür­lich eher die Fakten, die in die Argu­men­ta­tion passen.“ Leonie Sont­heimer hingegen trennt strikt zwischen Akti­vismus und Jour­na­lismus: Du kannst nicht einen Text schreiben, deine Agenda vertreten und gleich­zeitig objektiv sein.“

Müssen wir emoti­onslos sein, um objektiv zu bleiben? Überall da, wo es um Menschen geht, geht es auch immer um den Stand­punkt der Forschenden“, sagt Sont­heimer. Das sei aber kein Frei­fahrt­schein, um seine eigene Meinung zu schreiben. Im Fokus stünde die große gesell­schaft­liche Rolle, die auch Sont­heimer als Jour­na­listin tragen würde.

Hoff­nung für den Klima­jour­na­lismus

Man müsse sich die Frage stellen, wer eigent­lich für wen kommu­ni­ziert, sagt Heubeck. Privi­le­gien müssen ange­spro­chen werden, die Debatten sind häufig auch sehr elitär.“ Gerade wenn Jour­na­lismus und Fridays for Future aufein­an­der­treffen, seien wieder­keh­rende und etablierte Gesichter im Vorder­grund der Darstel­lungen. Eindi­men­sio­na­lität seitens der Medi­en­schaf­fenden? Ihre Verant­wor­tung hätte sich in den letzten Jahr­zehnten verän­dert, sagt Heubeck. Das zentrale Problem seien aber die fest­ge­fah­renen Struk­turen. Auch Sander stellt fest, dass wir junge Leute damit nicht errei­chen“, trotz einer hinrei­chenden Klima­be­richt­erstat­tung und dem offen­sicht­li­chen Inter­esse vieler junger Leute für den Klima­jour­na­lismus.“ Die taz hat daher ein publi­kums­ori­en­tiertes Team einge­richtet, um kanal­ab­hängig zu berichten.

Sont­heimer spricht sich eben­falls dafür aus, dass sowohl ziel­grup­pen­an­ge­passte Beiträge als auch Jour­na­lismus für die ganze Gesell­schaft neben­ein­ander bestehen müssten. Aller­dings störe sie, dass vor allem Lösungen ange­boten würden, die den Status quo erhalten. Das Welt­bild bräuchte eine sozial-ökolo­gi­sche Trans­for­ma­tion, die der Jour­na­lismus nicht genug abbildet.

Die neue Gene­ra­tion an Medi­en­ma­chenden bringt die dafür notwen­dige Moti­va­tion mit. Ideen, kriti­sche Konver­sa­tionen, provo­zie­rende Nach­fragen und das Gefühl, dass sich etwas verän­dern muss, prägen den Work­shop und die Gesprächs­runde auf der Youth Media Conven­tion. Die Jungjournalist*innen möchten Stimme, Fakten und Emotionen nutzen, um die zum Teil beängs­ti­gende und unschöne Wahr­heit realis­tisch abzu­bilden und gene­ra­tio­nen­über­grei­fend zu berichten.


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