Bereits seit Anfang 2023 gab es 20 Wahlumfragen zu den Landtagswahlen 2026 in Baden-Württemberg. Besonders die letzten Erhebungen haben den Fokus des Wahlkampfs stark auf die Spitzenkandidaten und damit auf eine strategische Wahlentscheidung gesetzt.
Wahlumfragen sind nach der Bundeszentrale für politische Bildung eine Methode, um aktuelle Stimmungsbilder von den Wahlabsichten der Wähler*innen zu erhalten. Dazu befragen Meinungsforschungsinstitute im Auftrag von Parteien oder Medien, je nach Kostenrahmen circa 1.000 bis 2.000 repräsentativ ausgewählte Kandidat*innen telefonisch, persönlich oder schriftlich zu ihrer Wahlentscheidung.
Wahlumfragen seien aber nur Momentaufnahmen von Wahlabsichten, die sich im Verlauf des Wahlkampfes auch noch ändern und eine Fehlertoleranz zwischen zwei und vier Prozent, je nach Umfang und Methode, aufweisen können.
Mittlerweile gäbe es nach Angaben der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung statt Telefonumfrage auch Online-Alternativen. Bei diesen bestünde jedoch das Problem, dass sich Menschen bei online Pools erst eigeninitiativ registrieren müssen, um somit ihre Bereitschaft für eine zukünftige Umfrage zu zeigen und dann repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ausgewählt zu werden. Diese Form der Rekrutierung wäre nicht mehr zufällig und verzerre die Repräsentativität der Umfrage, durch ein systematisches Ausschließen alle Menschen, ohne Internetzugang.
Keine Stimme soll umsonst gewesen sein
Stimmverluste durch strategisches Wählen entstüden dann, wenn Parteien nahe an der Fünf-Prozent-Hürde liegen oder der Wahlkampf stark auf einzelne Spitzenkandidat*innen zugeschnitten sei. „Ich denke, dass seitdem der Vorsprung in den Umfragen zwischen den Grünen und der CDU geringer wurde, sich mehr Leute überlegt haben, ob sie eine Fortsetzung einer grüngeführten Kiwi-Koalition wollen und damit das funktioniert, die Grüne wählen müssen, obwohl sie lieber die SPD oder Linke gewählt hätten,“ sagt Patrick Bernhagen, Professor und Leitung der Sozialwissenschaften an der Universität Stuttgart.
Auch Anna Stubert, Landesvorsitzende das junge liberale Baden-Württemberg, nah bei ihrem Wahlkampf ähnliche Wählertendenzen war. „Wir hatten das Phänomen, dass uns die Bürger*innen an jedem Infostand fragen, ob es sich bei knapp 5 Prozent überhaupt noch lohnt seine Stimme für diese Partei abzugeben, wenn diese dann nicht in den Landtag reinkommen.” So verliere die FDP massig Stimmen, was zu einem Verlust einer breiten Parteienlandschaft und damit zu einem Verlust oppositioneller Politik führe, obwohl diese genauso wichtig für die Demokratie wäre. Dass sich damit die Parteienlandschaft im Landesparlament verkleinert, wurde deutlich nach den Ergebnissen dieser Landtagswahl mit nur 4 Parteien, die in den Landtag einziehen konnten.
Der Einfluss von Wahlumfragen zeigt sich auch unter den Stimmen der Wähler. „Mich beeinflussen die Umfragen teilweise, vor allem, wenn es darauf ankommt, ob meine Stimme am Ende wirklich einen Wert hat oder nicht,“ sagt Fabio (22). Jede Stimme ist gleichwertig, aber bei knappen Umfragewerten der Spitzenkandidaten oder an der 5‑Prozent-Hürde, kann jede Stimme entscheidend für das Endergebnis sein.
Gleichzeitig wollen sich viele Wähler*innen nicht von den Umfragen beeinflussen lassen so wie Maya (20): „Wahlumfragen beeinflussen mich nicht, denn ich orientiere mich lieber danach, was die Parteien in der vorherigen Amtsperiode getan haben.“ Ähnlich wie Theresa (21), die findet, dass Umfragen hilfreich seien können und es gut ist, wenn man sie in seine Entscheidung miteinbeziehen kann, sie sich aber lieber nochmal selbst informiert.
Ein Kampf um Inhalte und nicht um Zahlen
Wahlumfragen sind nicht nur für Wähler*innen zur Orientierung relevant, sondern auch zur Weiterentwicklung der Wahlkampfstrategien der Parteien. „Generell finde ich Wahlumfragen wichtig, um das politische Feld analysieren zu können, aber als Parteimitglieder sollten wir uns eher daran orientieren, was wir im direkten Kontakt mit dem Bürger*innen gespiegelt bekommen“, sagt Anna Stubert. Auch Daniel Krusic, Landesvorsitzender der Jusos Baden-Württemberg, merkt an, dass es beim Wahlkampf um einen Wettstreit über die Zukunft des Landes gehen solle und diese Fähigkeit durch eine starke Personifizierung von Wahlkämpfen und einer starken Zentrierung auf Umfragen, immer weiter verloren gehen würde.
Gerade bei dem Duell von Grünen und CDU, die in diesem Wahlkampf die Spitzenkandidaten gestellt haben und in den Wahlhochrechnung am weitesten vorne und zuletzt gleich auf waren, sei es strategisch schwierig, überhaupt noch so kurzfristig auf die Wahlumfragen zu reagieren. „Es ist schwer zu entscheiden, was man dann macht: geht man nochmal auf Angriff oder wartet man eher ab und versucht keine großen Schlagzeilen mehr zu reißen,“ erklärt die Landessprecherin der Grünen Jugend BW Theresa Fidušek.
Mehr Chance als Manipulation
Wahlkämpfe, in denen der Abstand zwischen der stärksten und der zweitstärksten Partei sehr gering ist, bewirke eine höhere Weilbeteiligung und Mobilisierung von Wähler*innen, dies gelte vor allem für die beiden Parteien, die in Konkurrenz stehen. „Um so mehr Aufmerksamkeit auf dem Rennen zwischen den Spitzenkandidaten*innen liegt, umso weniger Zeit und Platz ist für Inhalte und Wahlversprechen“, erklärt Patrick Bernhagen. Solange das Resultat einer Wahl eine Regierungskoalition mit politisch unterscheidbaren Fraktionen und einer Opposition sei, wären Wahlumfragen dem Demokratiegehalt im Land nicht abträglich und deswegen kein Grund das Stimmungsbild der Wahlumfragen als wahlschädlich zu definieren.
