In Stuttgart wird künftig Landespolitik ohne Kretschmann und die FDP gemacht. Erstmals wird das Bundesland von einem Ministerpräsidenten mit Migrationsbiografie regiert. Cem Özdemir geht als Wahlsieger aus dem Rennen.
Während am Sonntag ein Demonstrationszug zum Internationalen Frauentag durch die Landeshauptstadt Stuttgart zog, findet in Baden-Württemberg ein weiteres demokratisches Ereignis statt. Die erste von fünf Landtagswahlen in diesem Jahr. Dabei könnte es fast schon als ironisch wahrgenommen werden, dass die Wähler*innen nur bei den Linken ihre Erststimme an diesem Tag einer Frau geben konnten. Dafür wird der Frauenanteil im Landesparlament mit 33,8 % ein Rekordhoch erreichen. Die SPD schafft mit 5,5 % überraschend knapp den Einzug in den Landtag und fährt damit das schlechteste Ergebnis seit 1952 ein. Die allgemeine Wahlbeteiligung stieg an und das Wahlalter wurde auf 16 herabgesetzt, womit rund 650.000 Erstwählende stimmberechtigt waren. Die Stimmen der jüngsten Wähler*innen sahnten im „Ländle” vor allem die Grünen ab. Der historische Einzug ins Parlament blieb der Linken verwehrt, denn sie scheiterte, wie die FDP auch, an der 5 %-Hürde.
Die AfD konnte ihren Wahlerfolg im Vergleich zur vorherigen Landtagswahl nahezu verdoppeln und wird mit 18,8 % die stärkste Oppositionspartei im Parlament. Zu diesem Ergebnis bezieht Özdemir klar Stellung.
„Was die AfD angeht, ist für mich völlig klar: Der Auftrag des Regierens ist, alles dafür zu tun, dass die AfD beim nächsten Mal schwächer ist“.
(Landtagswahl: Özdemir nach Wahl: „Alles tun, dass AfD schwächer wird“ | news.de)
Der Landesverband der AfD steht unter Beobachtung. Der Verfassungsschutz stuft ihn als „rechtsextremen Verdachtsfall“ ein.
Zum Feministischen Kampftag fand am Wahltag eine Demonstration durch die Stuttgarter Innenstadt statt.
Jugendpresse Deutschland e.V. / Liz Hoeser
Junge Perspektiven am Wahlwochenende
Mittendrin in diesem politischen Wochenende war auch unsere politikorange-Redaktion unterwegs. Mit fünf Redakteurinnen, einer Fotografin sowie zwei Chefredakteur*innen stellte sie, im Gegensatz zu den Spitzenkandidat*innen, eine fast ausschließlich weibliche Redaktion dar. Den Wahlkampf begleiteten wir aus der kritischen Perspektive junger Journalist*innen. Bei einem Besuch der Stuttgarter Zeitung und dem ZDF-Wahlstudio erfuhr die Redaktion, wie etablierte Medienhäuser Wahlkämpfe begleiten und welche Themen für ihre Berichterstattung relevant sind.
Die erlernte Theorie kam dann am Wahlabend zum Einsatz, an welchem sich unsere Redaktion auf den Weg zu verschiedenen Wahlpartys machte. Dort wurden die ersten Hochrechnungen verfolgt und in spannenden Interviews die Ergebnisse diskutiert. Neben Parteimitgliedern begleiteten auch Newsfluencer, Politik-Sternchen und Engagierte, den Wahlabend aus verschiedenen Perspektiven.
Ob nach 15 Jahren Winfried Kretschmann entweder Cem Özdemir (Grüne) oder Manuel Hagel (CDU) Ministerpräsident wird, polarisierte politisch und medial. Umfragen deuteten lange auf ein enges Ergebnis hin. Junge Inhalte rückten dabei oft in den Hintergrund.
Die Landesflagge Baden-Württembergs weht vor dem Landesparlament.
Jugendpresse Deutschland e.V. / Liz Hoeser
Diesen Eindruck teilten auch junge Vertreter*innen der politischen Jugendorganisationen, die sich im Interview unseren Fragen stellten:
Bildung, Mobilität, Klimaschutz und politische Beteiligung spielten dabei eine Rolle. Wie ist die Stimmung der Gen Z vor dem Wahllokal? Beeinflussen Umfragen das Wahlergebnis? Spielen neue Kommunikationsformen und Soziale Medien eine Rolle im politischen Wettbewerb? Und inwiefern beeinflusst eigentlich die Europäische Union politische Entscheidungsprozesse auf Landesebene – und was hat das mit Wahlversprechen zu tun?
Mit diesen und vielen weiteren Themen setzen sich die folgenden Artikel unserer Redakteurinnen auseinander. Was bleibt, ist ein Wochenende voller journalistischer Eindrücke zwischen Politik und Dialog.
