Nicht nur Parteien und ihr Wahlprogramm führen Wahlkämpfe, sondern auch die bekannten Gesichter der Parteispitzen. Welche Rolle die Sozialen Medien dabei einnehmen, beurteilen die Vorstände der Jungparteien aus Baden-Württemberg.
Lieber ein konservativer Grüner als ein sexistischer Konservativer – das schien das dominierende Wahlkampfthema der diesjährigen Landtagswahl in Baden-Württemberg gewesen zu sein. In den Medien wurden in erster Linie die beiden Ministerpräsident-Kandidaten Manuel Hagel und Cem Özdemir beleuchtet – und die Aufreger-Debatte, um das „Rehaugen”-Interview Hagels. Auch auf Kanälen wie Instagram und TikTok präsentierten die Parteien ihre eigenen Kandidat*innen und verschoben konkrete Wahlversprechen in den Hintergrund. Das sei aber keine Baden-Württembergische Eigenheit, sondern ein deutschlandweiter Wahlkampf-Trend: „Politiker und Politikerinnen bekommen mehr Aufmerksamkeit als die konkreten politischen Inhalte“, sagt Patrick Bernhagen, Politikwissenschaftler an der Universität Stuttgart.
Es handelt sich um eine Wahlkampfstrategie, die von Seiten der Parteien aktiv eingesetzt wird und sich in der Berichterstattung der Medien widerspiegelt. Es sei psychologisch verankert, dass sympathische und offene Menschen vertrauensvoll wirken, erklärt der Politikwissenschaftler. In dieser Prägung haben Parteien einen Vorteil entdeckt und nutzen nun die sozialen Plattformen, um ihre Inhalte zu vermitteln und eine Bindung zu ihren Wähler*innen aufzubauen.
Politikwissenschaftler Prof. Dr. Patrick Bernhagen fokussiert sich auf den Forschungsbereich langfristige Wahltrends
Jugendpresse Deutschland e.V. / Liz Hoeser
Mehr Geld und Einsatz für die Sozialen Medien
Daniel Krušič (SPD), Vorstand der Jusos Baden-Württemberg, kritisiert, dass bei diesen Landtagswahlen die politischen Inhalte zu kurz gekommen seien: „Es wurde zu wenig darüber diskutiert, in welchem Land wir leben wollen und zu viel, wer Ministerpräsident werden sollte“. Zudem sei ihm im Nachgang der jüngsten Bundestagswahl aufgefallen, dass die mediale Präsenz der Parteien nach der Wahl wieder gesunken sei. „Das ist ein Riesenfehler, weil man so eigentlich eine langfristige Verbindung zu den Wähler*innen schaffen könnte, die es braucht”, sagt er. Der Juso-Chef sehe in den Sozialen Medien eigentlich eine Chance für die Parteien. Dafür bräuchte es aber noch eine wichtige Veränderung: Das veraltete Denken, dass beispielsweise auf TikTok nur Tanzvideos Reichweite generieren, müsse abgelegt werden.
Auch Theresa Fidušek (GRÜNE), Vorstandsmitglied der Grünen Jugend BW sieht mehr Potential in den Sozialen Medien. „Wir investieren inzwischen mehr finanzielle Mittel in Social Media“, erklärt sie. Die Partei und sie erhoffen sich, dass Wählende Vertrauen zu bekannten Gesichtern ihrer Partei aufbauen. Dadurch steige die Chance nachhaltig politische Inhalte vermitteln zu können. Fidušek nehme wahr, wie die Parteien im Allgemeinen immer mehr auf ihre Repräsentation auf Instagram, TikTok und Co setzten und diese Kanäle im Wahlkampf an Bedeutung gewinnen.
Die Vorstände der Jungparteien aus Baden-Württemberg stellen sich den Fragen der Politik Orange-Redaktion. Von links nach rechts: Anna Stubert, Ezra Greiner, Nils Wagner, Theresa Fidušek und Daniel Krusic.
Jugendpresse Deutschland e.V. / Liz Hoeser
Nicht jede Partei kann sich ein PR-Team für den Wahlkampf leisten
Als einer der Landessprecher der Links-Hohenzoller-Baden-Württemberg sieht Nils Wagner (LINKE) eine Chancenungleichheit in dem Wahlkampf auf den Sozialen Medien. „Wir haben im Gegensatz zu den anderen Parteien nicht so einen großen Mitarbeiterstamm und sind finanziell enger geschnallt“, sagt Wagner. Nicht jede Partei könne sich ausgereifte PR-Agenturen und Beratung für die Bespielung der Plattformen leisten. Zudem sieht er die Gefahr, dass über diese Kanäle eine verfassungsfeindliche Politik beworben werden kann. Denn Beiträge, mit denen viel interagiert wird, werden von dem Algorithmus als relevanter eingestuft und häufiger ausgespielt. So werden Informationen durch die Technik gefiltert bis noch Bruchstücke übrigbleiben.
Anna Stubert (FDP), Vorstand der Jungen Liberalen BW, weist auf ein weiteres Problem der Debatte hin: „Wir als Parteien müssen Präsenz zeigen und auch an Schulen für mehr Aufklärung über die Gefahren der Plattformen sorgen“. Der Wahlkampf solle nicht ausschließlich über Soziale Medien stattfinden, sondern es müsse auch auf klassische Methoden wie Haustürwahlkampf, Telefongespräche und Events gesetzt werden.
Die Landtagswahl in Baden-Württemberg zeigt, wie sich politische Kommunikation verändert hat. Reichweite entsteht dort, wo Inhalte emotional anschlussfähig sind und Gesichter im Mittelpunkt stehen. Für Parteien bleibt die Aufgabe, aus kurzfristiger Aufmerksamkeit eine langfristige politische Kommunikation zu entwickeln. Gelingt die Balance zwischen inhaltlicher Tiefe und digitaler Reichweite könnten Soziale Medien den Zugang zu politischer Teilhabe positiv beeinflussen.
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Linda Niedermüller , Jess Mukeba
