Krankes Gesund­heits­system

Datum
15. Mai 2023
Autor*in
Emilia Schäfer
Themen
#JPT23 #Politik
AG „Krankes Gesundheitssystem"

AG „Krankes Gesundheitssystem"

AG „Krankes Gesundheitssystem" bei der Arbeit
@Jugendpresse e.V./Emilia Schäfer
Alle Menschen machen die Erfah­rung, wie wichtig eine gute Gesund­heits­ver­sor­gung ist“, so steht es in einer Info­bro­schüre zum deut­schen Gesund­heits­system. Teilnehmer*innen der JPT haben Probleme des Systems diagnos­ti­ziert.

Alle Menschen machen im Laufe ihres Lebens früher oder später die Erfah­rung, wie wichtig eine gute Gesund­heits­ver­sor­gung ist“. So steht es in einer Info­bro­schüre zum deut­schen Gesund­heits­system, die auf der Website des Bundes­mi­nis­te­riums für Gesund­heit (BMG) zu finden ist. Kein Wunder also, das das Thema auch die junge Gene­ra­tion beschäf­tigt. In der AG Krankes Gesund­heits­system“ haben einige Teilnehmer*innen der JPT23 Probleme des Systems diagnos­ti­ziert und gemeinsam nach Lösungen gesucht.

AG „Krankes Gesundheitssystem"

AG „Krankes Gesundheitssystem" bei der Arbeit. Foto: Jugendpresse Deutschland e.V./ Emilia Schäfer

Leis­tungs­stark, sicher, bewährt“ soll die gesund­heit­liche Versor­gung in Deutsch­land laut der Minis­te­ri­ums­bro­schüre sein. Dagegen spre­chen 307.000 Pfle­ge­kräfte, die nach einer Studie des Insti­tuts der deut­schen Wirt­schaft bis 2035 fehlen werden. Zudem können sich nur 30% der Ärzt*innen und Pfle­ge­kräfte vorstellen, ihren Beruf bis zur Rente auszu­üben. Doch Pfle­ge­not­stand und Fach­kräf­te­mangel sind bei weitem nicht das einzige Problem. Viele der gesetz­li­chen Kran­ken­kassen sind verschuldet, wie AG-Leiter Ben Grell erzählt. Er schließt gerade sein Staats­examen zum Pfle­ge­fach­mann ab und berichtet, dass eine zehn bis zwölf Tages­woche in diesem Berufs­zweig der Stan­dard sei. Arbeits­be­din­gungen, Versor­gungs­mangel, Liefer­eng­pässe oder Gender Health Gap – die Liste an weiteren Problemen, die von Teilnehmer*innen während des Einstiegs­ge­sprächs aufge­zählt werden, ist lang. Und das, obwohl die Pflege nach wie vor der Größte Berufs­zweig in Deutsch­land ist.

Symptome und Diagnose

Wie all diese Probleme sich auf die Realität von Patient*innen auswirken können, veran­schau­licht Ben an eindrück­li­chen Beispielen aus dem Kran­ken­haus, in dem er selbst arbeitet. So kann beispiels­weise ein aufgrund von Perso­nal­mangel verges­senes EKG dazu führen, dass ein Herz­in­farkt nicht mehr recht­zeitig erkannt wird. Und dann wären da noch die Unter­schiede zwischen Kassen- und Privatpatient*innen. Viele der AG-Mitglieder haben selbst schon Erfah­rungen mit dieser Ungleich­be­hand­lung machen müssen.

AG-Leiter Ben Grell

Die Probleme, da ist sich die AG einig, bleiben trotzdem und müssen verbes­sert werden. Die Ursa­chen? Viel­fältig. Zu hohe Anfor­de­rungen an den Nach­wuchs, geringe Bezah­lung von Pfle­ge­kräften, oder nach Profit stre­bende Kran­ken­häuser. Auch, dass poli­ti­sche Entscheider*innen oft wenige reale Berüh­rungs­punkte mit dem Gesund­heits­system haben, sei ein Problem: Eigent­lich müsste jeder, der in der Politik Entschei­dungen trifft, mal auf Station gewesen sein“, findet Ben.

Und nun? Welche Lösungen gibt es also?

Diese Fragen wurden am zweiten AG-Tag gemeinsam von der Gruppe disku­tiert. Dies ist sicher­lich ein erster Schritt in die rich­tige Rich­tung, denn um Bedürf­nisse darzu­stellen und Probleme zu verbes­sern braucht es Pati­en­ten­be­tei­li­gung. Das gilt natür­lich auch für Kinder und Jugend­liche“ findet Dr. med. Theda Wessel vom BMG, die seit Januar das Referat für Kinder- und Jugend­me­dizin leitet. In ihrem Vortrag stellen sie und ihre Kollegin Judith Scherr, fünf Hand­lungs­felder der Kinder-und Jugend­me­dizin vor, für die eine inter­mi­nis­te­ri­elle Arbeits­gruppe (zusammen mit dem BMFSJ) einen Plan erar­beitet hat. So sollen zum Beispiel ab dem Schul­jahr 2023/24 Mental Health Coaches an den Schulen bereit­stehen und lange Warte­zeiten im länd­li­chen Raum redu­ziert werden. Auch ein Liefer­eng­pass-Geset­zes­ent­wurf, der bereits vom Kabi­nett verab­schiedet wurde, soll nun umge­setzt werden. 

Die Entmo­ne­ta­ri­sie­rung des Gesund­heits­sys­tems“

… antwortet ein Teil­nehmer auf die Frage, was er tun würde, wenn er eine Sache am Gesund­heits­system sofort verän­dern könnte. Auch bessere Arbeits­be­din­gungen und Löhne für das Personal“ und weniger Zentra­li­sie­rung von großen Kran­ken­haus­kom­plexen“ wünschen sich Teilnehmer*innen im Gespräch mit der poli­ti­ko­range-Redak­tion. Zu sieben Berei­chen wurden in der letzten AG-Phase konkrete Lösungs­vor­schläge gesucht – und gefunden. Um die Versor­gungs­si­cher­heit in der Kinder- und Jugend­me­dizin sicher­zu­stellen, sollen euro­päi­sche Firmen geför­dert und die gesund­heit­liche Bildungs­ar­beit in Schulen ausge­weitet werden. Außerdem schlagen die Teilnehmer*innen vor, das Erste-Hilfe-Angebot zu verbes­sern. Das könnte z.B. durch einen Erste-Hilfe-Ausweis passieren, der ähnlich wie ein Blut­spende-Ausweis funk­tio­nieren würde. Um die Unter­schiede zwischen Kassen- und Privatpatient*innen abzu­schaffen, könnten Termin­ver­gaben anony­mi­siert und verhält­nis­mäßig verteilt werden. Im Bezug auf gender­spe­zi­fi­sche Forschung wünscht sich die Jugend vor allem mehr Geld und ein brei­teres Forschungs­spek­trum, bei dem alle Menschen berück­sich­tigt werden sollen. Und dann wäre da zuletzt noch die mangelnde Attrak­ti­vität von medi­zi­ni­schen Berufen. Bessere Bezah­lung, fixe und plan­bare Arbeits­zeiten, die durch eine unab­hän­gige Kommis­sion kontrol­liert werden, sowie verpflich­tende Sozi­al­prak­tika an Schulen sollen hier zu einer Lösung des Problems beitragen.

Die zentrale Forde­rung an die Politik, die bei allen diesen Vorschlägen anklingt, wird von einer Teil­neh­merin in zwei Worten zusam­men­ge­fasst: mehr Gerech­tig­keit.


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