Jugend­liche, das Rück­grat der Demo­kratie von morgen

Datum
07. November 2023
Autor*in
Jonathan Dusse
Thema
#Politik
Beitragsbild Jonathan

Foto: Pixabay / Bastian Wiedenhaupt

Immer mehr junge Menschen wählen die AfD. Der Trend ruft die poli­ti­sche Bildung und Einbin­dung Jugend­li­cher auf den Prüf­stand. Ein Kommentar von Jona­than Dusse. 

Hessen und Bayern haben gewählt – und die AfD hat hohe Stimm­an­teile errungen. Beson­ders junge Wähler*innen scheinen angetan von der AfD, einer Partei, in der mehr als jedes dritte Mitglied als rechts­extrem gilt und die offen ethni­sche und kultu­relle Minder­heiten angeht. Trotzdem haben sie 18 Prozent der unter 30-Jährigen in Bayern gewählt und auch in Hessen erhielt sie acht Prozent Zuwachs bei Personen unter 24 Jahren.

Rechtes Gedan­kengut ist in der Jugend ange­kommen. Es stellt sich die Frage: Woran liegt das? Und: Kann man der Entwick­lung mit mehr poli­ti­scher Bildung und Einbin­dung Jugend­li­cher entge­gen­wirken?

Poli­tisch inter­es­siert, aber nicht gut genug betei­ligt

Dass die Gene­ra­tion Z poli­tisch ist, wissen wir mitt­ler­weile aus vielen Studien: So geben in der Jugend­studie der Voda­fone-Stif­tung aus dem Jahr 2022 64 Prozent der Jugend­li­chen zwischen 14 und 24 Jahren an, sich für Politik zu inter­es­sieren. Aber 74 Prozent sagen auch, dass ihre Inter­essen nicht gut vertreten sind. Den Jugend­li­chen fehlt ein Sprach­rohr. Daran kann die AfD anknüpfen.

Bei TikTok ist die AfD, was die Follower angeht, die stärkste Partei in ganz Deutsch­land“, sagt Max Kindler (CDU), Stadtrat für Jugend, Familie und Gesund­heit in Fried­richs­hain-Kreuz­berg. Das mache etwas mit jungen Menschen: Es ist wichtig für sie, nicht vergessen zu werden.“ Kaweh Mansoori, Bundes­tags­ab­ge­ord­neter der SPD, ergänzt, dass die AfD bei der Jugend weniger mit Themen und mehr mit Stil punktet: Es geht darum, Problem­lö­sungen in den Vorder­grund zu stellen.“ Das kann die AfD beson­ders gut – wenn auch unter­kom­plex und popu­lis­tisch.

Kindler sagt, man müsse Jugend­liche mit Politik für ihr alltäg­li­ches Leben über­zeugen und ihnen konkrete Zukunfts­vi­sionen aufzeigen. Vor allem in Hessen hat der perso­nen­nahe Wahl­kampf der AfD zum Erfolg verholfen. Wenn sie Jugend­liche von den Altpar­teien nicht ange­spro­chen und abge­holt fühlen, könnte sie das direkt in die offenen Arme der AfD treiben.

Bildungs- und Parti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­keiten ausbau­fähig?

Bildungs­ni­veau und anti­de­mo­kra­ti­sche Tendenzen wie Rechts­extre­mismus korre­lieren. Das geht aus einer Studie der Hans-Böckler-Stif­tung aus dem Jahr 2021 hervor. Von den befragten Erwerbs­tä­tigen mit Abitur zeigten nur drei Prozent anti­de­mo­kra­ti­sche Tendenzen, von denen mit mitt­lerer Reife hingegen 12 und mit Haupt- oder Volks­schul­ab­schluss sogar 21 Prozent. In der Studie ging es zwar nicht explizit um Jugend­liche, sie führt aber trotzdem zu der Frage, ob man rechten Tendenzen mit mehr Bildung und beson­ders mit mehr poli­ti­scher Bildung entge­gen­wirken kann.

An den meisten weiter­füh­renden Schulen in Deutsch­land gibt es ein oder mehrere Fächer, in denen sich Schüler*innen mit Politik ausein­an­der­setzen und gerade in Hessen ist Politik und Wirt­schafts­un­ter­richt längst in den Lehr­plan inte­griert. Aller­dings vari­ieren Dauer und Niveau je nach Schul­stufe. Eine lernende Person auf einer Haupt­schule hat weniger Jahre Poli­tik­un­ter­richt als eine auf einem Gymna­sium. Doch auch der schützt nicht vor hohen Wahl­er­geb­nissen der AfD, zumal auch Björn Höcke in Hessen Geschichte unter­richten durfte. Auch die hessi­sche Landes­re­gie­rung sieht Hand­lungs­be­darf und nimmt deshalb unter anderem an dem Pilot­pro­jekt Starke Lehrer – starke Schüler“ teil, bei dem Fort­bil­dungen für Lehr­kräfte an beruf­li­chen Schulen ange­boten werden.

Aber nicht nur mehr und bessere poli­ti­sche Bildung könnte helfen: Auch die Frage nach der poli­ti­schen Einbin­dung Jugend­li­cher ist noch offen. An sich gebe es mitt­ler­weile mehr Ange­bote, sagt eine Spre­cherin der Service­stelle Jugend­be­tei­li­gung, einer Anlauf­stelle für junges Enga­ge­ment und Parti­zi­pa­tion in Berlin. Aber das erhöht nicht den Grad der Betei­li­gung. Dafür braucht es Veran­ke­rungen, recht­liche und psycho­lo­gi­sche”, sagt sie. Denn viele Ange­bote würden nicht auto­ma­tisch zu viel Einbin­dung führen: Wenn man sich enga­giert, läuft man gegen Wände.“ Zudem gebe es gerade in länd­li­chen Gebieten noch Aufhol­be­darf, dort machen meis­tens die Kirche oder die Nazis Jugend­ar­beit, und das nicht nur im Osten.“ Auch die linke Jugend sei zwar laut, sei aber gleich­zeitig nicht barrie­re­frei und oft ausschlie­ßend. Dies ist nur eine Meinung, aber dennoch ist die Frage nach Parti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­keiten in der Stadt und im länd­li­chen Raum ein Thema, zu dem es noch viel Gesprächs­be­darf gibt.

Anti-demo­kra­ti­sche Tendenzen bei Jugend­li­chen 

Aber ist es mit mehr Einbin­dung getan? Eine Daten­ana­lyse des progres­siven Zentrums zeichnet ein anderes Bild. So finden 29 Prozent der befragten jungen Menschen, die Bundes­re­pu­blik sei durch Personen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund in einem gefähr­li­chen Maß über­fremdet. An dieser Stelle muss fest­ge­halten werden, so ein Wir-Gegen-Die-Denken darf nicht zu einer plura­lis­ti­schen Gesell­schaft gehören. Eine demo­kra­ti­sche Gesell­schaft muss inklusiv sein. Eine Ableh­nung gegen­über Viel­falt und kultu­rellem Plura­lismus sind entspre­chend Zeugnis mangelnder Aufklä­rung und Vermitt­lung der Grund­werte in Deutsch­land. Diese Ansichten bespielt die AfD mit ihrem poli­ti­schen Programm. Frus­tra­tion wegen mangelnder Einbin­dung durch Altpar­teien oder in der klas­si­schen demo­kra­ti­schen Poli­tik­land­schaft ist ein Grund für den Zuspruch der AfD. Ein weiterer ist die mangelnde Bildung und Radi­ka­li­sie­rung junger Menschen. Anti­de­mo­kra­ti­sche Tendenzen und Denk­weisen sind demnach schon in der jugend­li­chen Gesell­schaft veran­kert und werden weiterhin norma­li­siert.

Die Wahl­er­folge der AfD stehen sinn­bild­lich für die zuneh­mende Akzep­tanz anti­de­mo­kra­ti­scher Tendenzen. Die Partei bekommt zwar in fast jeder Alters­gruppe viel Zuspruch, aller­dings lässt sich aufgrund des zuneh­menden Zuspruchs unter Jugend­li­chen eine Prognose für die Zukunft abgeben. Wenn anti­de­mo­kra­ti­sche Tendenzen bereits früh verwur­zelt sind, gefährden diese die Zukunft der Demo­kratie. Um die Zukunft demo­kra­ti­scher Parteien zu sichern, fordert Kindler: Parteien müssen aktiv attrak­tive Ange­bote für junge Menschen gestalten, um sie einzu­binden.“

Mansoori ergänzt: Ich glaube, wichtig ist, dass wir uns alle etwas bewusst machen: Die Privi­le­gien dieses libe­ralen Rechts­staats, in dem wir leben, sind nicht in Stein gemei­ßelt.“ Weiterhin appel­liert er daher an Demo­kra­tinnen und Demo­kraten, nicht nur an junge Menschen, sondern an alle“, sie sollen etwas tun und die Betä­ti­gungs­mög­lich­keiten, die es gibt, nutzen.

Disclaimer: Der Artikel spie­gelt ausschließ­lich die Meinung der Autorin/​des Autors wider und nicht die der Projektpartner*innen des Jugend­me­di­en­work­shops im Deut­schen Bundestag 2023 (Jugend­presse e.V., Bundes­zen­trale für poli­ti­sche Bildung, Deut­scher Bundestag).

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Jugendmedienworkshops 2023 entstanden. Das Projekt wird von der Jugendpresse Deutschland, dem Deutschen Bundestag und der Bundeszentrale für politische Bildung organisiert.


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