Dagegen hilft keine Impfung

Datum
06. Mai 2020
Autor*in
Anna Abraham
Themen
#pressefreiheit20 #Leben
Canva - Person Reading Newspaper

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Gleich­zeitig mit der Anzahl der Infek­tionen steigt die Anzahl der Angriffe gegen­über Journalist*innen in mehreren Ländern. Unsere Repor­terin Anna Abraham sprach unter anderem mit Sylvie Ahrens-Urbanek von Reporter ohne Grenzen, die erklärt, welche Auswir­kungen die Coro­na­krise auf die Medi­en­welt hat.

Während des Inter­views sitzt Sylvie Ahrens-Urbanek (Team­lei­terin Kommu­ni­ka­tion, bei Reporter ohne Grenzen) zu Hause. Wegen des Coro­na­virus arbeitet sie jetzt im Home­of­fice. Für sie kein Grund, zu entspannen. Im Hinter­grund hängt die Welt­karte der Pres­se­frei­heit. Sie fällt auf vor der schlichten Wand, denn nur wenige Länder strahlen in der weißen Farbe, die für guten Zustand“ steht. Statt­dessen blickt man auf all die gelben, orangen, roten und schwarzen Abschnitte. Eine Moment­auf­nahme, aber die Zeichen, dass es 2020 besser wird, stehen nicht gut. Ahrens-Urbanek berichtet, dass die Coro­na­krise vor allem wie ein Brenn­glas wirke. In Ländern, in denen die Pres­se­frei­heit eh schon einge­schränkt war, verschlim­mere sich die Situa­tion noch. Auf der Webseite von Reporter ohne Grenzen fällt der Name Bangla­desch. Erst vor kurzem wurde dort der Fern­seh­re­porter Sajal Bhuiyan und sein Kollege Baten Biplob mit Stöcken geschlagen, nachdem sie über die Unter­schla­gung von Lebens­mit­tel­hilfen der Regie­rung recher­chiert hatten. In dem Land steige die Gewalt gegen­über Journalist*innen, manche, die über die Krise berichten wollten, seien gar ange­klagt. Der Vorwurf: Nega­tive Propa­ganda. Ein beson­derer Fokus bei der Welt­karte lag dieses Jahr auf China, Platz 177 von 180. In dem Land brach das Coro­na­virus Anfang des Jahres das erste Mal aus. Sie erzählt von einge­schränkter Bericht­erstat­tung über die Fall­zahlen, Bürgerjournalist*innen, die am Besuch von Krema­to­rien gehin­dert wurden. Bekannt wurde der Fall von dem Arzt Li Wenliang, der schon früh vor einem neuen Erreger gewarnt und den die Regie­rung zum Schweigen gebracht hatte. Am Ende starb er selbst an der Krank­heit. Gleich­zeitig macht die Infek­ti­ons­ge­fahr es fast unmög­lich, sich vor Ort zu infor­mieren. Viele Inter­net­seiten wie Google oder Face­book sind in China nicht erreichbar, seit kurzem müssen auch wissen­schaft­liche Arbeiten vor der Veröf­fent­li­chung dem Staat vorge­legt werden. Anderswo, zum Beispiel in der Türkei, sitzen hunderte Journalist*innen im Gefängnis. Dort konfron­tiert sie eine neue Gefahr. Zusammen mit den schwä­chenden Haft­be­din­gungen seien sie im Fall einer Virus­er­kran­kung beson­ders anfällig, zumal nicht in allen Anstalten auf Social Distancing geachtet werde, fürchtet Ahrens-Urbanek.

Schutz vor Viren oder Über­wa­chung

Im Umgang mit Zoom ist sie noch etwas ungeübt, norma­ler­weise verwendet sie Jitsi – Aus Daten­schutz­gründen“. Als kritisch stuft die Mitar­bei­terin der NGO inner­halb der Krise vor allem soge­nannte Corona Apps ein. Auf der einen Seite sollen sie Menschen vor einer Anste­ckung bewahren, auf der anderen Seite könnten tracking oder tracing apps anonyme Treffen mit Quellen erschweren. In Deutsch­land schlug Bundes­mi­nister Jens Spahn zunächst ein zentrales Konzep für eine solche App vor, nach starker Kritik und Sorgen um die Daten­si­cher­heit, soll die Anwen­dung jetzt dezen­tral erst in ein paar Wochen erscheinen. Auch netz​po​litik​.org-Akti­vist und Chef­re­dak­teur Markus Becke­dahl sorgt sich vor allem um den Schutz soge­nannter Whist­le­b­lower, also anonymer Informant*innen. Es sei weitaus schwerer als in der analogen Welt, Über­wa­chung im Internet zu bemerken oder zurück­zu­ver­folgen.

Der freie Jour­na­list Oskar Vitlif erklärt: Wenn jemand mit einer Zeitung mit Löchern vor der Nase am Nach­bar­tisch sitzt, erkennt man die Person leicht als Spion.“ Im Netz sehe das anders aus. Zum Thema Inter­net­si­cher­heit bietet Reporter ohne Grenzen norma­ler­weise mehr­mo­na­tige Ausbil­dungen für Journalist*innen aus aller Welt in Berlin an. Leider wird der neue Jahr­gang im Mai nicht wie gewohnt starten“, berichtet Ahrens-Urbanek aus dem Home­of­fice.

Lang­fristig weniger Viel­falt

Eine weitere Folge ist vermut­lich eher lang­fristig zu bemerken. In den letzten Jahren regis­trieren wir in Deutsch­land eine starke Konzen­trie­rung der Verlags­häuser. Das führt zu einer gerin­geren Medi­en­viel­falt.“, erklärt Ahrens-Urbanek. Große Redak­tionen würden etwa die Mantel­blätter“, also die über­re­gio­nalen Seiten jeweils vieler Zeitungen produ­zieren. Dadurch legen wenige Menschen die Auswahl der Themen für eine große Leser­schaft fest. Eine Befürch­tung sei, dass durch eine Wirt­schafts­krise im Zuge des Coro­na­virus sich dieser Prozess noch beschleu­nige. Neue Platt­formen wie Social Media ermög­li­chen zwar einer großen Menge an Menschen, ihre Gedanken zu veröf­fent­li­chen. Das hätten jedoch schon die Regie­rungen vieler Länder bemerkt, in China etwa ist Face­book verboten.

Soweit ist es in Europa noch nicht, manche Staaten wie etwa Ungarn nutzen jedoch die Gele­gen­heit, restrik­tive Gesetze durch­zu­setzen. Ein von dem Minis­ter­prä­si­denten vorge­brachter Entwurf ermög­licht bis zu fünf Jahren Haft für die Veröf­fent­li­chung falscher oder verzerrter Berichte“, schreibt Reporter ohne Grenzen. Auf der eigenen Seite ließ sich ROG-Chef Chris­tian Mihr mit folgenden Worten zitieren: Gerade in einer Krise wie der Corona-Pandemie ist Pres­se­frei­heit unver­zichtbar.“ Denn, wer nicht richtig infor­miert ist, schätze die Lage viel­leicht nicht richtig ein und stecke sich leichter an.


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