Wie ukrai­ni­sche Geflüch­tete ankommen

Datum
03. April 2023
Autor*in
Jan Wöller
Thema
#Gesellschaft
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Foto: Moritz Heck

Victoria hat im letzten Jahr am Berliner Haupt­bahnhof gear­beitet. Im Inter­view erzählt sie, was sich seitdem verän­dert hat und warum plötz­lich nur noch halb so viele Geflüch­tete ankamen.

Ein Portrait der Ukrainerin, Victoria. Sie trägt eine schwarze Brille, eine lilafarbene Winterjacke und hat die schwarzen Haare zu einem Zopf nach hinten gebunden. Außerdem trägt sie eine bronzene Kette mit dem Trysub der Ukraine.

Seit April 2022 hilft die Ukrainerin, Victoria, den Geflüchteten am Berliner Hauptbahnhof als Übersetzerin

Foto: Jugendpresse Deutschland / Moritz Heck

Wie hat deine Arbeit am Haupt­bahnhof ange­fangen?

Ich bin kurz nach Ausbruch des Krieges aus Czer­no­witz im Westen der Ukraine nach Deutsch­land gereist. Kurz zuvor hatte ich noch meinen Geburtstag gefeiert und alles war gut. Wir hatten zwar gehört, dass es Krieg geben soll, aber niemand dachte, es würde wirk­lich passieren. Dann ist es doch passiert und ich bin losge­fahren. Das war ein, zwei Tage nach Kriegs­be­ginn. Am Anfang konnte ich das alles gar nicht reali­sieren. Es hat sich so unecht ange­fühlt. In Deutsch­land bin ich bei meinen Verwandten unter­ge­kommen. Wir haben jeden Tag Nach­richten gesehen. Dann wurde es immer realer und wir haben alle geweint. Damals dachten wir noch, es würde nach einem Monat aufhören. Aber das tat es nicht. Deshalb habe ich im April als Frei­wil­lige am Haupt­bahnhof ange­fangen.
Was genau hast du dort gemacht?Wir haben Ukrai­nern auf der Flucht Gratis-Tickets ausge­stellt, mit denen sie weiter­reisen konnten. Früher gab es Tickets für Fahrten außer­halb Deutsch­lands. Jetzt sind die Tickets nur für Inlands­fahrten. Außerdem haben wir die beraten, die nicht wussten, wo sie hin sollten. Wir haben sie zum Flücht­lings­zen­trum nach Tegel geschickt. Wenn es noch Plätze gab, konnte sie dort ein paar Tage unter­kommen und es wurde über­legt, wie es für sie weiter­geht. Waren keine Plätze mehr frei, wurden sie einem anderen Ort zuge­wiesen. Das läuft auch heute noch so.


Machst du das immer noch?

Nein, ich habe nach ein paar Wochen eine Stel­len­aus­schrei­bung bei der Deut­schen Bahn im Reise­zen­trum als Über­set­zerin gesehen. Da ich deutsch spreche, habe ich mich beworben und gleich am nächsten Tag ange­fangen. Zunächst war mein Vertrag auf einen Monat befristet und ich dachte wirk­lich, dass danach alles vorbei wäre. Ich hatte sogar Flug­ti­ckets nach Italien. Aber ich hab mich geirrt. Jetzt bin ich schon fast ein Jahr hier. Ich habe dann irgend­wann eine Umschu­lung zur Reise­be­ra­terin gemacht. So konnte ich vor Ort bleiben und den Ukrai­nern hier helfen.
 

Wie hat sich die Situa­tion am Berliner Haupt­bahnhof seit April verän­dert?

Als ich im April ange­fangen habe, kamen täglich drei oder vier Züge, in jedem davon über 700 Menschen. Die Schlange am Reise­zen­trum war riesig und die Ausgabe der Tickets musste sehr schnell gehen. Und obwohl es früher noch viel mehr Helfer gab, haben wir keine Pausen gemacht. Von einem Tag auf den anderen kamen dann nur noch halb so viele Geflüch­tete. Jetzt geben wir durch­schnitt­lich vierzig Tickets pro Tag raus. Mal mehr, mal weniger. Nicht, weil weniger Menschen fliehen, sondern weil sie in Polen keine Gratis-Tickets mehr nach Deutsch­land bekommen. Viele bleiben dort, weil die Tickets so teuer sind. Aber sie bekommen in Polen nur wenig Geld und finden oft keine Arbeit. Deshalb kommen heute viele an, die ein halbes Jahr in Polen gelebt haben und es jetzt in Deutsch­land probieren wollen. Mitt­ler­weile sind das die meisten.


Was für Menschen kommen hier an?

Meis­tens sind es Fami­lien, Mütter mit Kindern. Väter und Männer im Allge­meinen kommen deut­lich seltener. Männer dürfen ja nur in Ausnah­me­fällen das Land verlassen, beispiels­weise wenn sie mehr als drei Kinder haben, schwer­be­hin­dert sind oder als Soldaten Ausgang haben. Das ist selten, kommt aber vor. Ich bin immer beein­druckt, wie stark und furchtlos die Soldaten wirken. Als ich das erste Mal alleine Schicht hatte, habe ich eine Gruppe betrun­kener Soldaten getroffen, die zurück an die Front wollten. Trotz der harten Situa­tion waren sie sehr ausge­lassen, weil sie wussten, dass sie für einen guten Zweck kämpfen.
Wie ist die Stim­mung der Menschen, die hier ankommen?Die Stim­mung hat sich sehr verän­dert. Früher haben die Menschen ihre Geschichten erzählt. Niemand hat geweint. Wenn ich mich ein biss­chen mit den Menschen unter­halten habe, haben sie erzählt, was sie durch­ge­macht haben. Es war sehr hart, all die Geschichten zu hören. Alle sind sehr stark und freuen sich, hier andere ukrai­ni­sche Menschen zu treffen.


Haben die Menschen, die hier ankommen, irgend­welche Wünsche?

Sie erwarten nichts. Die meisten sind einfach nur dankbar, dass wir da sind. Denn in vielen anderen Städten gibt es keine Frei­wil­ligen mehr. Am Anfang war das noch ein wenig anders: Das Flücht­lings­zen­trum in Polen war nicht so ausge­baut wie das in Deutsch­land. Umge­kehrt haben sie in Polen warmes Essen bekommen und hier gab es Stullen. Solche Klei­nig­keiten eben.
Gab es auch Probleme bei der Ankunft?Früher, als noch viel mehr Geflüch­tete ankamen, gab es eine Extra-Schlange für die Ukrainer. Das hat manchmal zu Konflikten geführt. Einige Deut­sche waren nicht glück­lich, dass die Ukrainer eine Sonder­be­hand­lung bekommen haben. Diese Menschen gibt es leider immer noch. Es werden auch viele Vergleiche mit den syri­schen Flücht­lingen gemacht. Viele haben nicht verstanden, warum die Syrer nichts bekommen haben und die Ukrainer so viel. Sie fanden es unfair.
Du hast gesagt, es kommen immer noch Frei­wil­lige her, um zu helfen. Wie ist die Stim­mung unter ihnen?Am Anfang hat man sie noch sehr unter­stützt. Jetzt wird ihnen sogar der Container wegge­nommen. Es wird gesagt, dass kaum noch Ukrainer ankommen, aber das stimmt nicht. Doch ist die Zusam­men­ar­beit mit den Frei­wil­ligen sehr schön. Manche kommen immer noch jeden Tag. Als ich nach Deutsch­land kam, hatte ich eine sehr feind­liche Meinung gegen­über russi­schen Menschen. Aber es gibt auch russi­sche Frei­wil­lige, die jeden Tag herkommen und helfen. Dadurch hat sich meine Meinung geän­dert. Ich bin ihnen für ihre Hilfe sehr dankbar.


Wie reagieren die ankom­menden Ukrainer*innen auf die russi­schen Frei­wil­ligen?

Die Mehr­heit reagiert sehr positiv. Viele Ukrainer haben Russisch als Mutter­sprache. Andere weigern sich, mit ihnen zu spre­chen, und wenden sich lieber an ukrai­nisch­spra­chige Frei­wil­lige.


Wie blicken die Ukrainer*innen auf die Zukunft?

Wir werden den Krieg gewinnen. Wir müssen einfach. Wir haben keine andere Wahl. Aber dafür brau­chen wir Waffen. Wir sind Deutsch­land sehr dankbar für die Unter­stüt­zung. Alles, was wir uns wünschen, ist, dass wir die Waffen bekommen, um die wir bitten. Nur so können wir uns alle vertei­digen.


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