Wer will Wachstum?

Datum
27. Juni 2022
Autor*in
Jonas S
Themen
#Klima #Neueste
Von Robert Habeck bis zu den Finanz­märkten – alle träumen vom unend­li­chen Grünen Wachstum. Dagegen regt sich Wider­stand. Lassen Klima­neu­tra­lität und begrenzte Ressourcen ein ständig sich erwei­terndes Wirt­schaften zu?

Immer mehr grün, aber in grün

Woran muss sich der Erfolg einer Wirt­schaft messen? Die schnellste Antwort darauf lautet: Wachstum. Wirt­schafts­wachstum meint, dass das Brut­to­in­lands­pro­dukt (kurz: BIP) ständig wächst. Das bedeutet nichts Anderes, als dass immer mehr Güter und Dienst­leis­tungen pro Jahr geschaffen und verkauft werden. Zum Beispiel steigt das BIP, wenn jähr­lich statt hundert Fahr­räder zwei­hun­dert Fahr­räder fertig­ge­stellt werden. Über die Vertei­lung, Nütz­lich­keit oder Nach­hal­tig­keit ist dabei noch nichts gesagt. Für das BIP ist es egal, ob wir Verbrenner-Motoren, Elektro-Autos oder Regio­nal­züge herstellen. Die Wirt­schaft wächst, wenn Unter­nehmen immer mehr produ­zieren können und dabei auf willige Konsument*innen stoßen. Doch geht damit meist ein höherer Ressourcen- und Ener­gie­ver­brauch einher und dadurch ein größerer Ausstoß von Treib­haus­gasen.

In den letzten Jahren wuchs die Hoff­nung auf ein soge­nanntes Decou­pling. Das meint, dass trotz wach­sendem BIP der Ausstoß klima­schäd­li­cher Gase viel schwä­cher wächst oder sogar zurück­geht. Der Traum, der sich dahinter verbirgt, hat das Ziel, durch tech­ni­sche Effi­zi­enz­stei­ge­rungen und Einsatz erneu­er­barer Ener­gien das Wirt­schafts­wachstum von Treib­hausgas-Emis­sionen loszu­lösen. Hinter der Idee des Grünen Wachs­tums steckt der Glaube daran, dass eine klima­neu­trale Wirt­schaft möglich ist, die ewig weiter­wachsen kann. Mithilfe von fort­schritt­li­cher Technik, wie Recy­cling, Wind- und Solar­energie, sollen wir weiterhin mehr Fahr­räder und Regio­nal­züge herstellen können, ohne das Klima zu schä­digen. Verzicht ist nicht nötig. Auch die derzei­tige Bundes­re­gie­rung hat nicht den Plan vom Wirt­schafts­wachstum abzu­wei­chen.

Mehr geht nicht

Für die soge­nannten Wachstumskritiker*innen ist Grünes Wachstum eine Unmög­lich­keit. Aus ihrer Sicht ist jede Stei­ge­rung des BIP verbunden mit Klima­schäden. Aus verschie­denen Gründen glauben sie nicht an eine reali­sier­bare Entkopp­lung von Wirt­schafts­wachstum und Umwelt­schäden. Der Anthro­po­loge Jason Hickel gibt zwar zu, dass in letzter Zeit die Wirt­schaften der Indus­trie­länder deut­lich schneller gewachsen sind als der CO2-Ausstoß. Aber dieses Decou­pling ist viel zu langsam, so dass es Jahr­zehnte bräuchte, um even­tuell zu einer Klima­neu­tra­lität zu gelangen – zu spät, um die Klima­krise aufhalten zu können. Die Wirt­schafts­jour­na­listin Ulrike Herr­mann bezwei­felt über­haupt, dass eine Wirt­schaft, die nur auf erneu­er­baren Ener­gien beruht, unend­lich wachsen kann. Für sie sind auch diese Ener­gien aufgrund von fehlenden Spei­cher­ka­pa­zi­täten knapp. Wenn die immer mehr erzeugten Güter, wie Elek­tro­autos, vor allem auf Wind- und Solar­energie basieren sollen, stoße die Auswei­tung der Ener­gie­er­zeu­gung irgend­wann auf ihre Grenzen.
Die Wachstumskritiker*innen wollen Wirt­schaft auf eine andere Art gestalten: als eine Post­wachs­tums­ge­sell­schaft. In dieser sollen die zur Verfü­gung stehenden Ressourcen und Güter auf einem klima­freund­li­chen Niveau beschränkt bleiben. Es wäre dann Aufgabe der Gesell­schaft oder des Staates, sie möglichst gerecht unter den Unter­nehmen und Bürger*innen zu verteilen. Nur noch so viele Fahr­räder und Güter­züge sollen neu produ­ziert werden, wie recy­cle­bares Mate­rial zu Verfü­gung steht. Was wegge­schmissen wird, muss wieder in den Wirt­schafts­kreis­lauf einfließen. Statt endloser Konsum soll Repa­rieren, Teilen und nach­hal­tige Nutzung von Gütern im Fokus stehen. Wenn der Abbau von natür­li­chen Ressourcen und Ausstoß von CO2 gestoppt werden sollen, müssen wir uns auf den vorhan­denen Reichtum beschränken. Die Wachstumskritiker*innen betonen, dass ein gutes Leben dennoch möglich ist. Glück der Gesell­schaft darf nicht im wach­senden BIP gesucht werden, sondern in sozialer Fürsorge und gemein­schaft­li­cher Arbeit, zum Beispiel in der ökolo­gi­schen Land­wirt­schaft.

Ist Wachstum notwendig?

Wenn über ein Ende des Wachs­tums gespro­chen wird, müssen einige Aspekte beachtet werden. Der Fokus der Wirt­schafts­po­litik auf das sich vergrö­ßernde BIP exis­tiert nicht ohne Grund. Sobald die Wirt­schaft stagniert, kann die Krise beginnen. Im Kapi­ta­lismus inves­tieren Unter­nehmer ihr Geld, um mehr Geld durch den Verkauf herge­stellter Waren zu erhalten. Wenn im großen, gesell­schaft­li­chen Maß der Kauf dieser Produkte ausbleibt, geht eine breite Reihe an Firmen und Anleger*innen pleite, weil sie ihr Geld fehl­in­ves­tiert haben. Das hat Auswir­kungen auf die Gesamt­wirt­schaft. Zahlungen und Schulden können nicht mehr begli­chen werden, viele Menschen verlieren den Wert ihrer Anlagen, Entlas­sungen und Massen­ar­beits­lo­sig­keit können folgen. Der Ökonom Mathias Bins­wanger spricht deshalb auch vom Wachs­tums­zwang im Kapi­ta­lismus“.

Glei­ches gilt, wenn mit dem Ziel einer Post­wachs­tums­ge­sell­schaft die Ressourcen zur Waren­pro­duk­tion streng begrenzt wären. Plötz­lich steht das bishe­rige Inves­ti­ti­ons­mo­dell vor dem Aus. Inves­tiert wird norma­ler­weise nur, wenn man dadurch gewinn­stei­gend eine größere Menge Produkte herstellen kann – dies bedeutet Wachstum und ist bei begrenzten Ressourcen, laut den Wachstumskritiker*innen, nicht möglich. Getä­tigte Inves­ti­tionen lösen sich in verlo­renes Geld auf. Ist der sich ständig erwei­ternde Fluss der Waren und des Geldes unter­bro­chen, steht die Wirt­schafts­krise vor der Tür.

Doch theo­re­tisch kann man sich eine Wirt­schaft ohne Wachstum vorstellen. In der wachs­tums­freien Gesell­schaft würde jedes Jahr eine gleich­blei­bende Anzahl von Fahr­rä­dern produ­ziert. Als Rohstoff dürfen dafür nur alte, verschrotte Metalle und Kunst­stoffe dienen, die wieder­ver­wendet werden. Auch hier bleiben den Fahrradhersteller*innen und Reparateur*innen ein Gewinn, indem sie eine Bezah­lung für ihre Arbeit fordern, doch den Profit können sie lang­fristig nicht stei­gern. Der Knack­punkt ist nur, dass unser heutiges Wirt­schafts­system auf einer anderen Grund­lage basiert: Investor*innen suchen nach Möglich­keiten ihren Profit zu stei­gern. Bei ausblei­benden Profiten ziehen sie ihre Gelder ab, sodass Unter­nehmen und Arbeiter*innen ihre wirt­schaft­liche Grund­lage verlieren.
Eine funk­tio­nie­rende Post­wachs­tums­ge­sell­schaft ist also mehr als eine Auftei­lung der vorhan­denen Güter im jetzigen Wirt­schafts­system. Einfach nur zu kriti­sieren, dass wir zu viel konsu­mieren und auf mehr verzichten sollen, genügt daher nicht. Breiter Konsum­ver­zicht wäre im Kapi­ta­lismus sogar selbst­zer­stö­re­risch. Nichts­des­to­trotz bleibt unser jetziges Konsum- und Wirt­schafts­mo­dell eben­falls eine unhalt­bare Bedro­hung. Es zerstört die Umwelt, erhitzt das Klima, beutet knappe Ressourcen aus und raubt uns lang­fristig die Exis­tenz­grund­lage. Noch ist nicht entschieden, ob Grünes Wachstum real möglich ist oder nicht. Die Ausar­bei­tung eines konkreten Konzepts, einer nicht auf Wachstum basie­renden Wirt­schafts­weise wird andern­falls nötig sein.


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