Es war einmal ein Dorf

Datum
01. November 2022
Autor*in
Johanna W
Themen
#Aktivismus #Klima
Häuser, die die Aktivist*innen aus Paletten gebaut haben, um dort zu wohnen.

Häuser, die die Aktivist*innen aus Paletten gebaut haben, um dort zu wohnen.

Johanna W

Lützerath ist wahr­schein­lich das letzte Dorf, dass aufgrund des Abbaus von Kohle in Nord­rhein-West­falen abge­rissen werden muss. In diesem Artikel lernt ihr Klimaaktivist*innen, die diesen Ort nicht aufgeben und einen Foto­grafen aus Öster­reich kennen, der es sich zu Aufgabe gemacht hat, all das für die Nach­welt fest­zu­halten.

Es war einmal ein Dorf, das Lützerath hieß.

Viel­leicht wird das einmal ein Opa zu seinem Enkel­kind sagen. Das Enkel­kind, gerade erst 10 Jahre alt geworden, sitzt auf dem Schoß des Opas und hört gespannt zu. Opa erzählt wieder vom Dorf.

Die umste­henden Verwandten stöhnen genervt auf: Zu oft haben sie diese Geschichte schon gehört. Doch der Opa erzählt sie immer wieder. Die Geschichte hat sich in sein Gedächtnis einge­brannt. Er denkt an den Ort zurück. An das Dorf, das es jetzt nicht mehr gibt. Denkt an die Häuser, die Dorf­ge­mein­schaft, die Land­wirte und an all die guten und schlechten Tage, die er dort erlebt hat.

Für das Kind ist es eine span­nende Geschichte, doch für uns ist es im Moment Realität.

Was ist eigent­lich das Problem?

Wir befinden uns südwest­lich von Düssel­dorf. Lützerath war eigent­lich ein Ort wie so viele andere auch, mit unter 100 Einwohner*innen, reihte sich die Ortschaft in die unzäh­ligen kleinen Dörfer in NRW ein.

Doch eins unter­scheidet die Ortschaft von den anderen Dörfern: Sie wird vermut­lich eine der letzten sein, die aufgrund des Tage­baus Garz­weiler 2 abge­bag­gert wird.

Der Tagebau Garz­weiler 2 liegt zwischen Aachen und Düssel­dorf und ist die west­liche Erwei­te­rung des Tage­baus Garz­weiler 1.

Nach geolo­gi­schen Schät­zungen liegen im Gebiet von Garz­weiler circa 1,3 Milli­arden Tonnen Kohle­re­serven und diese Kohle­re­serven werden seit 2006 abge­bag­gert. Dafür müssen nicht nur Dörfer weichen, sondern auch Fried­höfe, Denk­mäler, Flüsse, Seen und Wälder.

Von 2006 bis 2038 sollten eigent­lich 12 Orte in der Nähe von Düssel­dorf abge­rissen werden.

Doch Anfang Oktober einigte sich Robert Habeck mit der Wirt­schafts­mi­nis­terin von NRW Mona Neubaur und dem Ener­gie­ver­sor­gungs­kon­zern RWE darauf, den Kohle­aus­stieg auf 2030 vorzu­ziehen. Dadurch bleibt der dritte Umsied­lungs­ab­schnitt erhalten und fünf Ortschaften werden gerettet.

Doch Lützerath ist nicht unter diesen fünf, denn es gehört zum zweiten Umsied­lungs­ab­schnitt und soll deswegen noch abge­rissen werden. Hinzu kommt auch, dass die beiden Kraft­werke Neurath D und E zwei Jahre länger am Netz bleiben als geplant.

Robert Habeck hat diese Entschei­dung mit der Gasknapp­heit, ange­sichts des Krieges in der Ukraine, begründet.

Wider­stand und niemals Aufgeben

Lützerath ist längst umge­sie­delt. Die meisten Bewohner*innen sind in das neu entstan­dene Dorf Immerath Neu umge­zogen. Bis Anfang Oktober lebten nur noch Klimaaktivist*innen und der letzte Land­wirt Eckardt Heukamp in diesem Ort. Eckardt ist jahre­lang gegen die geplante Enteig­nung von RWE vor Gericht gezogen. Doch nach dem Beschluss des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Münster im März 2022 verließ auch er Anfang Oktober notge­drungen das Dorf und ließ die Klimaaktivist*innen allein zurück. Die Aktivist*innen wollen den Abriss des Dorfes verhin­dern und Aufmerk­sam­keit auf die Konse­quenzen des Kohle­ab­baus richten.

Die Häuser, die noch nicht abge­rissen wurden, sind jetzt mit Graf­fiti besprüht, mit Stickern beklebt und mit Bannern behangen. Lützi bleibt“ liest man auf fast jedem dieser Gebäude. Auf den frei­ste­henden Flächen haben die Aktivist*innen Hütten und Baum­häuser aus alten Paletten selber gebaut. Sie wirken etwas verfallen und leicht gebrech­lich. Dort im kalten Herbst zu wohnen, ist bestimmt nicht immer ange­nehm.

Wenn man einmal durch Lützerath durch­geht, kommt man auf der anderen Seite beim Tagebau raus. Dort kann man an der Böschung stehen und hinab in das große, schwarze Loch blicken, das auch bald Lützerath verschlingen wird. An dieser Grenze ist auch die ange­mel­dete Mahn­wache aufge­baut. Eine Möglich­keit für alle legal zu demons­trieren“, erzählt mir eine Klima­ak­ti­vistin bei einem Rund­gang durch das Dorf.

Laut ihr lebt Lützerath, weil hier eine Alter­na­tive zu den gesell­schaft­li­chen Struk­turen ange­boten wird und man so etwas erschaffen kann. Lützerath lebt also als Protestort weiter. Ein Protestort, den die Aktivist*innen geschaffen haben. Dort haben sie nicht nur die Möglich­keit bekommen gegen den Kohle­abbau zu demons­trieren, sondern auch sich eine eigene Utopie, im sonst menschen­leeren Lützerath, zu bauen. Hier muss keiner Miete zahlen, jeder ist will­kommen und das Gemüse wurde sich im Sommer selber auf den unbe­nutzten Feldern ange­baut.

Wenn die Kohle unter Lützerath abge­bag­gert wird, kann auf keinen Fall das 1,5 Grad Ziel erreicht werden, erklärt sie mir weiter.

Um das 1,5°C Ziel noch einhalten zu können muss, laut einer Studie des Deut­schen Insti­tuts für Wirt­schafts­for­schung, noch 100 Millionen Tonnen ab Januar 2021 abge­baut werden. Dies könnte ohne weitere Zerstö­rung von Lützerath und den Dörfern des dritten Umsied­lungs­ab­schnittes geschehen. Laut der Studie wäre jede Über­schrei­tung nur dann mit den Klima­schutz­zielen vereinbar, wenn andere Kraft­werke oder Sektoren dies durch entspre­chend stär­kere Klima­schutz­maß­nahmen kompen­sieren“. Das wird aller­dings vom Institut als unwahr­schein­lich ange­sehen, deswegen muss RWE einen Kohle­aus­stieg bis spätes­tens 2028 anvi­sieren, um die Klima­schutz­ziele noch einzu­halten.

Frei­raum schaffen und machen worauf man Lust hat, das liebt auch ein anderer Klima­ak­ti­vist an der neu entstan­denen Utopie. Er glaubt auf keinen Fall, dass das Dorf Lützerath noch zu retten ist.

Doch aufgeben ist für ihn keine Option, auch nicht, wenn die Polizei kommt und mit der Räumung beginnt, auch nicht, wenn er Angst davor hat, dass sein Zuhause abge­rissen wird. Auch dann gibt er nicht auf. Sein mora­li­scher Kompass wäre zu groß, erzählt er mir. Er könnte nicht mehr in den Spiegel schauen, wenn er jetzt aufgeben würde. Was er nach der Räumung machen will, weiß er noch nicht. Viel­leicht zieht er zur nächsten Räumung, zur nächsten vorüber­ge­henden Utopie.

Der Tagebau Garzweiler 2 an der Grenze zu Lützerath.

Der Tagebau Garzweiler 2 an der Grenze zu Lützerath.

Johanna W

Einer kennt sie alle

Die meisten Dörfer, die von 2006 bis 2038 abge­rissen werden sollten, sind heute entweder verlassen oder schon voll­ständig abge­rissen. Bei den meisten kann man nur noch erahnen, wie sie früher ausge­sehen haben, als dort noch Menschen wohnten. Doch einer, der fast von Anfang an den Umsied­lungs­pro­zess und den Abriss der Dörfer begleitet hat, kennt alle Dörfer. Es ist Arne Müseler.

Arne ist Foto­graf und 2006 fing er an, die Dörfer zu doku­men­tieren. Aus seinen Bildern sind ein Buch und eine Website entstanden. Beide zeigen eindrucks­voll die Verän­de­rung von leben­digen zu verlas­senen Dörfern.

Laut Arne war 2006 die Entschei­dung, dass die Dörfer abge­rissen werden sollen, ziem­lich endgültig. Die Bewohner*innen hatten wenig Hoff­nung, dass sich das noch ändern kann.

Als Garz­weiler 2 in den 90er Jahren beschlossen wurde, gab es Proteste, aber die sind auch schnell wieder erlo­schen. Denn Arne sagt: Die Leute müssen ja auch mit der Umsied­lung klar­kommen und sich damit abfinden. Sonst wirst du ja deines Lebens nicht mehr glück­lich, wenn du nicht versuchst damit abzu­schließen. Viele Leute haben gesagt, das wird jetzt passieren. Wir siedeln jetzt um und schauen, dass der neue Ort so gut wie möglich wird. Als dann die Diskus­sion losging, dass doch die Möglich­keit besteht, den dritten Umsied­lungs­ab­schnitt in Garz­weiler zu verschonen, erwachte auch bei den Bewohner*innen stel­len­weise wieder der Kampf­geist.“

Doch trotzdem stehen die Dörfer des dritten Umsied­lungs­ab­schnittes jetzt seit 7 bis 8 Jahren leer. Einige Dörfer müssen sogar aufgrund der baufäl­ligen Substanz dennoch abge­rissen werden.

Circa 10 Jahre vor dem Abriss des Dorfes, wenn der neue Umsied­lungsort fest­steht und die ersten Grund­stücke für den Hausbau zur Verfü­gung stehen, bekommen die Bewohner*innen des alten Ortes den Umsied­ler­status. Von dort an können bzw. müssen sie ihre Grund­stücke an RWE verkaufen.

Dafür kommt ein Gutachter und schätzt den Wert des Hauses. Entweder bezahlt man selber den Gutachter oder man kann sich einen Gutachter von RWE aussu­chen.

Der Gutachter schätzt aber immer nur den Verkehrs­wert. Der Verkehrs­wert ist die Summe, die dein Haus aktuell wert ist. Es wird nicht die Summe geschätzt, die man bräuchte, um das Haus wieder eins zu eins aufzu­bauen.

Für viele stellt genau das eine Heraus­for­de­rung dar, sagt Arne Müseler. Denn oft müssen die Bewohner*innen zusätz­lich einen Kredit aufnehmen, um neu zu bauen oder sie bauen kleiner oder ziehen in eine Wohnung um.

In den Verhand­lungen mit RWE bekommt man den Verkehrs­wert plus eine Summe X. Diese Summe entsteht aus Zulagen und Neben­ent­schä­di­gungen und die kann man noch verhan­deln.

Arne erzählt: Dann gibt es eben Leute, die verhan­deln besser oder schlechter. Ein fünf­zig­jäh­riger Versi­che­rungs­makler verhan­delt natür­lich anders, als eine neun­zig­jäh­rige allein­ste­hende Omi und da kann man sich natür­lich auch fragen: Ist das fair?“

Entweder sind die Dörfer jetzt leer oder abge­rissen. Doch Arne hat sie alle doku­men­tiert. Für die Bewohner*innen sicher­lich ein Stück Heimat, wenn auch nur auf einem Blatt Papier.

Und was sagt RWE?

RWEs State­ment zu der Verein­ba­rung mit Robert Habeck und Mona Neubaur ist, dass sie durch den vorge­zo­genen Kohle­aus­stieg einen maßgeb­li­chen Beitrag für die deut­schen Klima­schutz­ziele leisten. Bereits vor dieser Entschei­dung soll sich die Unter­neh­mens­stra­tegie im Einklang mit dem Pariser Klima­ab­kommen befunden haben.

Sie seien bereit, 2030 aus der Braun­kohle auszu­steigen. Außerdem trügen sie mit dem verstärkten Einsatz der Braun­koh­le­kraft­werke zur Versor­gungs­si­cher­heit in Deutsch­land bei.

Wenn man am Tagebau steht und in das schwarze Loch hinab­schaut, ist das schwer zu glauben und auch die Klima­ak­ti­vistin nennt einen ganz anderen Grund für die Verein­ba­rung: RWE macht das vor allem aus Profit­in­ter­esse, da sie mit Lützerath noch Geld verdienen können, wollen sie das Dorf auch noch abreißen.“

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