Politik wird davon profi­tieren, wenn sich mehr junge Menschen betei­ligen“

Datum
08. September 2026
Autor*in
Leon Ecker
Thema
#Politik
Claudio schwarz ox K Ct S r Q unsplash

Foto: Unsplash / Claudio Schwarz

Mit 23 Jahren fürs Berliner Abge­ord­ne­ten­haus kandi­dieren? Für Tim Junge ist das genau der rich­tige Zeit­punkt. Der Grünen-Poli­tiker studiert noch, enga­giert sich in der Gaming-Szene und tritt als Direkt­kan­didat an. Im Video­call-Inter­view erzählt er einen Monat vor der Wahl, wie er zur Politik kam, warum er sich behaupten muss und weshalb er sich mehr junge Menschen in der Politik wünscht.

Du bist 23 Jahre alt und trittst als Direkt­kan­didat für das Berliner Abge­ord­ne­ten­haus an. Wirst du trotz deines jungen Alters immer ernst genommen?

Ich glaube schon, dass ich ernst genommen werde. Wir haben aller­dings noch nicht so viel Haus­tür­wahl­kampf gemacht. Wie die Reak­tionen an der Tür sind werde ich jetzt erst heraus­finden. Aber auch wenn ich nicht ganz für voll genommen werde, kann man daraus ja nicht unbe­dingt ablesen, was gerade in den Köpfen der Menschen vorgeht.

Bei den Kandi­daten, mit denen ich konkur­riere, gibt es aber auch andere Probleme. Beispiels­weise löschen CDU-Admins einer großen Face­book-Gruppe in Lich­ten­berg regel­mäßig Posts von mir. Ich bin dann zu ihnen gegangen und habe gefragt, was da los ist. Trotzdem wurden meine Posts weiter gelöscht. Da hatte ich schon das Gefühl, dass sie mich nicht ganz ernst nehmen.

In der Partei merke ich dagegen, dass ich auf jeden Fall ernst genommen werde. Da macht das Alter keinen Unter­schied mehr. Das ist manchmal fast ein biss­chen anstren­gend, weil ich mir manchmal etwas mehr Welpen­schutz wünschen würde. Dort wird eher anhand der poli­ti­schen Erfah­rung geschaut, wie lange man schon in der Partei ist, und weniger auf das eigene Alter.

Tim Junge, 23, kandidiert für die Grünen in Berlin-Lichtenberg

Tim Junge, 23, kandidiert für die Grünen in Berlin-Lichtenberg

Foto: privat

Du studierst noch. Wie bekommst du das neben dem Wahl­kampf hin?

Der Wahl­kampf ist extrem. Es basiert nicht nur darauf, wer die besten Inhalte hat, sondern auch darauf, wer die meisten Ressourcen hat, um vor Ort Präsenz zu zeigen. Dazu kommt das Voll­zeit­stu­dium mit viel projekt­ba­siertem Arbeiten. Ich habe meinem Team von Anfang an gesagt: Ich bin Direkt­kan­didat, ich muss hin und wieder mehr Frei­zeit nehmen. Trotzdem schaffe ich es teil­weise nicht, das konti­nu­ier­lich zu machen. Dazu kommen andere poli­ti­sche Aufgaben, ich bin zum Beispiel Spre­cher von Pixel­grüne, einer grünen Gaming-Orga­ni­sa­tion.

Du sagst, dass du in einem unpo­li­ti­schen Umfeld aufge­wachsen bist. Wie bist du zur Politik gekommen?

Ich wurde im Zuge der Bundes­tags­wahl poli­ti­siert, als ich zum ersten Mal wählen konnte. Ich musste mir Gedanken darüber machen: Wem gebe ich jetzt meine Stimme? Ich habe ange­fangen, Wahl­pro­gramme zu lesen und mir anzu­schauen, was die Parteien machen und wofür sie stehen. Anhand dessen habe ich fest­ge­stellt, dass ich mich den Grünen vom Profil her am ehesten zuordnen kann. Irgend­wann bin ich dann in die Jugend­or­ga­ni­sa­tion gegangen. Das hatte aber gar nicht den Grund, dass ich Karriere machen wollte. Meine Thera­peutin hatte mir das empfohlen, weil ich im länd­li­chen Raum aufge­wachsen bin und es dort kaum Menschen gab, die ähnliche progres­sive Einstel­lungen wie ich hatten.

Wie kam es dann dazu, dass du als Direkt­kan­didat aufge­stellt wurdest?

Die Aufstel­lung läuft in der Regel über eine Kreis­mit­glie­der­ver­samm­lung. Gerade in umkämpf­teren Wahl­kreisen ist aber oft schon vorher klar, wer wahr­schein­lich kandi­dieren wird. In meinem Fall kommt dazu, dass ich nicht in meinem Wahl­kreis wohne. Ich wusste, dass ich kandi­dieren möchte, wusste aber noch nicht, wo. In meinem Wahl­kreis in Berlin-Lich­ten­berg habe ich mich, obwohl er für die Grünen eher unbe­liebt ist, sehr wohl­ge­fühlt. Ich komme aus einer Gegend, in der die Gesell­schafts­struk­turen ähnlich sind. Ich habe das Gefühl, dass ich die Leute in Lich­ten­berg besser nach­voll­ziehen kann und sie mich viel­leicht auch besser nach­voll­ziehen können. Ich habe meine Unter­lagen einge­reicht, und tatsäch­lich hat sich keine andere Person gefunden, die dort kandi­dieren wollte. Dann wurde ich zum Direkt­kan­di­daten gewählt.

Es gibt auch Leute, die im länd­li­chen Raum im Osten aufwachsen und nicht stock­kon­ser­vativ sind.“

Was hat dich dazu bewogen, über­haupt für das Abge­ord­ne­ten­haus zu kandi­dieren?

Ich hatte mir damals gesagt, dass ich, wenn ich nicht umziehe in Meck­len­burg-Vorpom­mern kandi­diere, um zu zeigen: Es gibt auch Leute, die im länd­li­chen Raum im Osten aufwachsen und nicht stock­kon­ser­vativ sind. Wir sehen insbe­son­dere im länd­li­chen Raum, wie die Gesell­schaft konser­va­tiver wird. Da wollte ich gerne dage­gen­halten und ein Zeichen setzen. Auch wenn man nicht aus einer links-grünen Familie kommt und einem das nicht in die Wiege gelegt wurde, hält das einen nicht davon ab, sich zu infor­mieren, welche Partei einen am besten vertritt und wer die eigenen Lebens­ver­hält­nisse am ehesten verbes­sern würde.

Warum braucht es deiner Meinung nach mehr junge Menschen in der Politik?

Ich würde hundert­pro­zentig sagen, dass Politik davon profi­tieren würde, wenn sich mehr junge Menschen betei­ligen würden. Ich glaube, junge Menschen haben andere Perspek­tiven als ältere Menschen. Ich sehe nicht, dass das im Parla­ment ausrei­chend abge­bildet wird. Mir wäre es extrem wichtig, dass sich junge Menschen mehr betei­ligen – aber auch Menschen, die nicht die Ressourcen haben, sich so stark einzu­bringen. Wenn immer nur die Personen an einem System teil­nehmen, das auf sie zuge­schnitten ist, kommt es zu Verzer­rungen. Was mir außerdem auffällt, ist der Mangel an Digi­tal­kom­pe­tenz im Parla­ment. Junge Menschen sind Digital Natives. Auch da findet eine Verzer­rung statt.

Ich weiß, in Games kann ich neu starten, im echten Leben geht das nicht.“

Welche poli­ti­schen Themen beschäf­tigen dich beson­ders?

Gaming ist ein wich­tiges Thema. Wenn ich gewählt werden würde, wäre ich der einzige direkte Kandidat mit einem Hinter­grund in Game­desig in Deutsch­land, viel­leicht sogar welt­weit. Das wäre eine sehr einzig­ar­tige Perspek­tive, die ich einbringen könnte.

Mobi­lität ist mir eben­falls wichtig. Ich bin in Mobi­li­täts­armut aufge­wachsen. In Berlin sind die Verhält­nisse natür­lich besser als im länd­li­chen Raum, trotzdem ist es eine Struk­tur­frage. Es gibt auch in Berlin viele Menschen, die fast nur in ihrem Kiez bleiben, weil ihnen beispiels­weise das Ticket zu teuer ist. Das sieht man auch an Initia­tiven wie Frei­fahren. Es gibt sehr viele Menschen, die sich das Ticket nicht leisten können. Dafür setze ich mich auf Landes- oder Bundes­ebene für eine Art Mobi­li­täts­ver­si­che­rung ein. Also dafür, dass Mobi­lität ähnlich wie bei einer Sozi­al­ver­si­che­rung über einen Prozent­satz des Einkom­mens ermög­licht werden könnte.

Und natür­lich sind Nach­hal­tig­keit und Klima­schutz wichtig. Was mich poli­ti­siert hat, war auch die Klima­krise. Das ist eigent­lich der Kern meines Handelns. Ich habe extrem Angst vor der Klima­krise und möchte alles tun, um darauf aufmerksam zu machen, dass wir wirk­lich aggressiv schauen müssen, was wir machen können. Uns geht die Zeit aus. Ich weiß, in Games kann ich neu starten, im echten Leben geht das nicht.

Was würdest du anderen jungen Menschen raten, die sich auch poli­tisch einbringen wollen?

Partei­struk­turen sind oft intrans­pa­rent und für junge Menschen schwer verständ­lich. Zum Beispiel wissen viele nicht, dass man nicht eine Legis­latur abwarten muss, wenn man kandi­dieren möchte, da man dann zu spät ist. Man sollte sich schon nach einer Wahl infor­mieren und in der Partei nach­fragen. Junge Menschen sollten mutig sein, sich nicht hinten­an­stellen und sich nicht klein­ma­chen lassen. Man muss aber auch wissen, dass leider oft die Ellen­bo­gen­kultur vorherrscht und man manchmal wegge­drängt statt unter­stützt wird.

Der Artikel ist im Rahmen der offenen Redaktion entstanden. Bei Fragen, Anregungen, Kritik und wenn ihr selbst mitmachen mögt, schreibt uns eine Mail an redaktion@jugendpresse.de 


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