Homo­se­xua­lität und Reli­gion – ein Annä­he­rungs­ver­such

Jonas Jödicke
Foto: Jonas Jödicke

Kein Alkohol, keine Drogen, kein Sex vor der Ehe und keine gleich­ge­schlecht­liche Liebe: poli­ti­ko­range-Redak­teurin Larissa ist Mitglied der ​„Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ und sympa­thi­siert mit der LGBTQ*-Community. Sie hat sich lange die Frage gestellt, inwie­fern sie ihren Glauben mit ihrer gesell­schafts­po­li­ti­schen Einstel­lung verein­baren kann und möchte dieser Frage auf den Grund gehen. 

Jonas Jödicke

Foto: Grand Chandra

Blonde Haare, schwarzer Pull­over – mir gegen­über sitzt ein junger Mann mit schlanken Gesichts­zügen und einem leichten Lächeln auf den Lippen. Hinter ihm eine weiße Wand. Nichts deutet darauf hin, dass er eigent­lich den ganzen Tag mit Farben zu tun hat. Jonas ist Künstler, seine Bilder sind auf T‑Shirts, Puzzlen und Postern zu finden.

Der Plan der Erlö­sung setzt die Ehe zwischen Mann und Frau voraus

Früher drehten sich seine Bilder oft um das Thema Frei­heit, das ist inzwi­schen anders. 24 Jahre lang hat er seine Homo­se­xua­lität versteckt gehalten, bis er letztes Jahr zum ersten Mal offen darüber sprach, dass er Männer liebt. Und das in einem Umfeld, in dem Homo­se­xua­lität als Sünde gilt.

Die Kirche Jesu Christi zählt zu den Frei­kir­chen, sie ist protes­tan­tisch und von den Landes­kir­chen unab­hängig. Nach eigenen Angaben zählt sie welt­weit mehr als 17 Millionen Mitglieder. Kern der Lehre ist der Plan der Erlö­sung, der besagt, dass das irdi­sche Dasein dazu dient, errettet zu werden. Voll­kommen erlöst würde man jedoch nur, wenn man als Mann und Frau, im Bund der Ehe in den Himmel eingehe.

„Same-sex-attrac­tion“ statt homo­se­xuell

In der Kirche Jesu Christi wird Homo­se­xua­lität als Neigung verstanden, bei der es darauf ankommt, ob man ihr nach­ginge oder nicht. ​„Wir spre­chen nicht so gerne von Homo­se­xua­lität, sondern eher von ​‚same-sex-attrac­tion“, so Matthias Leben. Auch er ist seit seiner Geburt in der Kirche und war früher Kinder­arzt. Heute ist er in Rente und Bischof meiner Heimat­ge­meinde. Ich habe ihn reprä­sen­tativ zum Thema Homo­se­xua­lität befragt. Ihm ist es wichtig, dass niemand aufgrund seiner ​„sexu­ellen Neigung“ in der Kirche diskri­mi­niert wird. Auch deswegen ist er für andere Begriff­lich­keiten: Aus seiner Sicht ist Homo­se­xua­lität eine Eigen­schaft, bei deren Beto­nung andere Eigen­schaften hinten ange­stellt würden. Dabei sei es nicht wichtig zu wissen, welche Neigung ein Mensch habe, sondern nur, dass er ​„ein Kind Gottes“ sei. Denn Gott werde eine Lösung für alles haben. Deshalb rät die Kirche den Mitglie­dern, weiter an den Grund­sätzen ihres Glau­bens fest­zu­halten, die Gebote zu halten und ihre Homo­se­xua­lität nicht auszu­leben. Dann würden auch sie erlöst.

Kein rich­tiger Mann?

Auch Jonas hat daran geglaubt, dass seine Gefühle gegen­über dem glei­chen Geschlecht ​„vom Teufel seien, der ihn versucht“ und dass er sich nur genug anstrengen müsse, um sie nicht zu haben. Er wirkt etwas aufge­bracht, als er davon erzählt, wie schlecht er sich damals gefühlt hat. Seine Hände gesti­ku­lieren wilder als zuvor.

Er ist genauso wie seine Geschwister in die Kirche hinein­ge­boren und mit den Lehren des Evan­ge­liums aufge­wachsen – und somit auch mit den stereo­ty­pi­schen Vorstel­lungen von Mann und Frau. Schon früh hat er jedoch gemerkt, dass irgend­etwas anders war. Bereits im Klein­kind­alter orien­tierten sich seine Inter­essen nicht vornehm­lich an den typi­schen ​„Jung­ssa­chen“ wie z.B. Fußball spielen. Er hatte schon immer lieber gemalt und Musik gemacht. Sein Blick schweift ab, als er sich erin­nert, wie er mit elf Jahren zum ersten Mal Gefühle für einen Jungen hatte. Ein paar Jahre später sei ihm dann richtig klar geworden, dass er Jungs attrak­tiver fand als Mädchen. Er gerät ein paar Mal ins Stocken, als er mir davon erzählt, dass er seine Gefühle damals nicht wahr­haben wollte und immer versucht hat, sie zu igno­rieren. ​„Ich hatte Angst, dass man mich für meine Homo­se­xua­lität nicht akzep­tieren würde.“

Homo­se­xua­lität als Sünde und doch kein Grund zur Diskri­mi­nie­rung?

„Alle Leute, die es als Sünde bezeichnen, haben meist nicht die Idee, dass das diskri­mi­nie­rend sei. Aber wir haben da den kompletten Wider­spruch: Lesben und Schwule sollen bitte nicht diskri­mi­niert werden, aber eigent­lich soll ihre Homo­se­xua­lität auch unter­bunden werden, weil‘s nicht okay ist. Das ist, als würde ich sagen, ich habe nichts gegen Reli­gion, aber bitte, beten muss jetzt nicht“, kommen­tiert Markus Ulrich, der Pres­se­spre­cher des Lesben-und Schwu­len­ver­bandes in Deutsch­land (LSVD). Trotzdem möchte sich Ulrich nicht der ​„Born this way“-Argumentation anschließen. ​„Die Frage, ob ich als Person die glei­chen Rechte habe wie alle anderen, kann ich nicht daran fest­ma­chen, ob etwas ange­boren ist oder nicht.“ Schließ­lich sei Reli­gion auch nicht ange­boren und trotzdem gäbe es Reli­gi­ons­frei­heit. Seiner Meinung nach müsse man erkennen, dass es beim Thema Homo­phobie immer um eine Auf-und Abwer­tung gehe. ​„Im reli­giösen Kontext: Ich bin gott­ge­fällig und du halt nicht. Das ist ja schon eine Bestä­ti­gung und auch eine Hier­ar­chi­sie­rung, wo ich ganz oben stehe“.

Foto: Jonas Jödicke

Leben in zwei Welten

Jonas ist trotz seiner Gefühle auf Mission gegangen und hat für die Kirche in einem zwei­jäh­rigen Frei­wil­li­gen­dienst an Hilfs­pro­jekten teil­ge­nommen und Menschen vom Evan­ge­lium erzählt. Dabei hat er sie auch darüber belehrt, dass Liebe nur zwischen einem Mann und einer Frau exis­tieren könne. Er schüt­telt den Kopf. ​„Es war natür­lich alles ziem­lich surreal und schon wie in zwei Welten zu leben“. Auch nach seiner Mission hat er mit niemandem über seine Homo­se­xua­lität gespro­chen. Er lacht bei dem Gedanken daran, wie er versucht hat, Mädchen zu daten. Er hat sich niemals mehr mit ihnen vorstellen können. Drei weitere Jahre habe er versucht, seine Gefühle wegzu­schieben und sich in die Kunst gestürzt. Kurz vor seinem Coming-Out entstand ein Tiger mit regen­bo­gen­far­benen Streifen.

Where Light and Dark Meet_Digital Art von Jonas Jödicke

Where Light and Dark Meet, Digital Art von Jonas Jödicke

„Es sieht so aus, als würde er aus der Dunkel­heit hervor­kommen und als hätte mein Unter­be­wusst­sein mir schon damals gesagt: Sei dein wahres Ich und lass das leuchten, was in dir steckt.“

Sex ausschließ­lich als Mittel zur Fort­pflan­zung?

In der Kirche gilt das Gesetz der Keusch­heit, das Sex vor der Ehe unter­sagt. Da gleich­ge­schlecht­liche Ehen nicht möglich sind, werden homo­se­xu­elle Menschen zu lebens­langer Enthalt­sam­keit ange­halten. Bischof Leben erklärt jedoch, dass sexu­elle Enthalt­sam­keit genauso von Allein­ste­henden oder verwit­weten Mitglie­dern erwartet wird. Die Fort­pflan­zungs­kraft sei gött­lich und sollte deshalb nur im Bund der Ehe voll­zogen werden. Markus Ulrich vom LSVD sieht das kritisch: ​„Die reli­giöse Vorstel­lung von Sexua­lität wird oft auf Fort­pflan­zung verkürzt, dabei hätte das auch drama­ti­sche Einschrän­kungen für hete­ro­se­xu­elle Menschen. Niemand hat nur drei Mal im Leben Sex, nur um Kinder zu bekommen.“

Nichts­des­to­trotz haben es homo­se­xu­elle Menschen noch immer nicht leicht, wenn sie ihre Gefühle öffent­lich machen. Dabei ist hete­ro­se­xu­ellen Menschen meist gar nicht bewusst, wie oft sie sich im Alltag outen würden. ​„Die Sexua­lität ist für sie eine banale Sache, die im Small­talk schnell gegeben wird, wenn man z.B. als Frau davon erzählt, dass man mit dem Freund in den Urlaub fährt. Einfach weil uns Part­ner­schaft, Familie und Bezie­hung unser Leben lang begleiten“, so Ulrich.

Das Coming-Out

Deshalb hat auch Jonas nicht mehr schweigen können. Der Druck habe irgend­wann so schwer auf ihm gelastet, dass er sich nieder­ge­kniet und gebetet hat. Er scheint sehr bewegt, als er von einem Besuch seiner Familie erzählt, seine Schwester und seine Mutter seien da gewesen. ​„Ich dachte nur, jetzt ist der Moment, nach dem du gefragt hast. Wenn du es jetzt nicht erzählst, wird dich das irgend­wann kaputt machen.“ Die Situa­tion sei sehr emotional gewesen, alle hätten geweint. Trotzdem betont er mehr­mals, wie gut alle reagiert hätten – nicht nur seine Familie auch seine Freunde und die Gemeinde hätten Verständnis gezeigt. Natür­lich sei es für alle ein Schock gewesen, weil niemand jemals etwas von seiner Homo­se­xua­lität geahnt hatte, aber Jonas betont: ​„Jeder versi­cherte mir, dass das über­haupt nichts daran ändere, wie sie mich betrachten und dass sie mich immer noch genauso lieb haben wie vorher.“ Sein Bischof habe bekräf­tigt, dass es in der Kirche immer einen Platz für ihn gäbe.

Männer gedatet hat Jonas dann zum ersten Mal übers Internet. ​„Das war super­span­nend, aber auch super­gru­selig. Ich hatte super­viele Vorur­teile gegen­über der LGBTQ*-Community und dachte, dort sei alles nur ober­fläch­lich und auf physi­sche Sachen begrenzt.“ Das dem nicht so war, habe er früh gemerkt. Seinen Freund hat er über Tinder kennen­ge­lernt und nicht nur seine Familie, auch die Gemeinde hatte ihn herz­lich empfangen.

Vergan­gene Zeiten, neue Ideen

„Wir haben einen Maßstab in der Kirche und das ist bedau­er­lich für Menschen, die sich als homo­se­xuell betrachten und sich dadurch von einem wich­tigen Teil des Lebens ausge­schlossen fühlen. Umso wich­tiger ist es, dass sie wissen, dass sie Kinder Gottes sind und von ihren Mitmen­schen geachtet werden.“ Auch Bischof Leben unter­streicht deut­lich, wie schlimm es sei, wenn jemand aufgrund seiner ​„sexu­ellen Neigung“ vorver­ur­teilt würde.

Die Kirche hat sich in vielerlei Punkten von vergan­genen Aussagen distan­ziert. Während vor einem Jahr­zehnt noch der Teufel, der Abfall vom Glauben oder sogar psychi­sche Krank­heiten als Grund genannt wurden, hat die Kirche inzwi­schen keine Posi­tion mehr zur Herkunft von gleich­ge­schlecht­li­cher Liebe. In den neuesten Stel­lung­nahmen zum Thema Homo­se­xua­lität verweisen die Kirchenführer*innen auf die Wissen­schaft und heben deut­lich hervor, dass sie deshalb auch keine Angaben zu mögli­chen Thera­pie­formen von Homo­se­xua­lität, soge­nannten Konver­si­ons­the­ra­pien, machen können. Dabei stellen sie auch klar, wie falsch der thera­peu­ti­sche Umgang mit Homo­se­xua­lität gewesen sei.

Spiri­tuell, aber nicht mehr reli­giös

Für Jonas ist die Kirche Jesu Christi im stetigen Wandel und er freut sich, dass sie zu vielen Dingen ihre Meinung geän­dert hat. Und auch wenn er inzwi­schen aus der Kirche ausge­treten ist, geht er immer noch gern in die Gemeinde, um die Mitglieder wieder­zu­sehen. ​„Ich glaube, dass die Menschen zum großen Teil wirk­lich ihr Bestes geben, aber dass es in der Theo­logie einige Sachen gibt, die meines Erach­tens nach nicht stimmen und das kann ich dann einfach nicht unter­stützen.“ Trotzdem sieht er sich immer noch als sehr spiri­tu­ellen Menschen an und versucht sich nun in jede Rich­tung weiter­zu­bilden. Neben dem christ­li­chen Glauben befasse er sich nun auch mit östli­chen Reli­gionen oder auch New-Age-Bewe­gungen. ​„Ich versuche, nur nach guten Prin­zipen zu leben, und ich denke, dass man diese in nahezu allen Reli­gionen und spiri­tu­ellen Tradi­tionen findet.“


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