Habt eine produk­tive Woche! Ist Study­Tube ein Segen für Student*innen?

Datum
01. November 2022
Autor*in
Yasmin O
Themen
#Gesellschaft #Vielfalt
Ein Kommentar Diesen Oktober fängt für Student*innen das neue Univer­si­täts­se­mester an. Viele gehen mit hohen Zielen ins Semester: sie wollen beste Noten in Klau­suren und Haus­ar­beiten erzielen. Als Moti­va­tionen dient dabei Study­Tube. Beliebte Study­Tuber doku­men­tieren in ihren Videos ihren produk­tiven Unialltag. Ist das noch gesund für Zuschauer*innen?

In einem Vlog aus dem Jahr 2017 lernt Ruby Gran­gers (Pseud­onym) fünf­zehn Stunden an einem Tag. Begleitet von ihrer Kamera führt sie ihre Zuschauer*innen durch ihren Alltag und doku­men­tiert ihren Lern­pro­zess. Ihre Bücher liegen um sie herum, ihre Notizen ordent­lich zusam­men­ge­heftet auf ihrem Schreib­tisch. Bald wird sie ihre A‑Levels schreiben, sie hat sich jahre­lang auf diese Prüfungen vorbei­reitet. Produktiv sein und Punkte von der To-Do Liste abhaken, ist bei Ruby höchste Prio­rität. Rubys Traum war es immer gewesen, Studentin an der Elite­uni­ver­sität Oxford zu sein. Es gibt eine ganze Commu­nity auf YouTube, wo Student*innen Tipps fürs Lernen hoch­laden. Während meiner Schul­zeit bin ich auf Rubys Kanal gestoßen und war sofort begeis­tert. Ihre Diszi­plin beein­druckte mich und wir beide teilten den Ehrgeiz, gute Noten erzielen zu wollen. Ruby Granger ist eine der belieb­testen Study­Tuber. Auf sozialen Medien wird sie für ihre Produk­ti­vität gefeiert. Ruby Granger alleine hat über 700.000 Abonnent*innen; Unjaded Jade (Pseud­onym), eine weitere Studentin aus England, über 500.000. Laut eines Arti­kels der BBC würde Study­Tube Lernen wieder cool machen. Social media feiert diese YouTuber, die anstelle von Clot­hing Hauls Lern­tipps geben. Wie gesund ist es für Zuschauer*innen, wenn ihre Lieb­lings­y­ou­tuber fünf­zehn Stunden lernen?

Study­Tube: hohe Leis­tungen zählen

Study­Tuber laden Videos mit verschie­denen Inhalten hoch. Manchmal zeigen sie, wie man einen Lern­plan kreiert oder durch schlechte Note dazu lernen kann. Ihre Inhalte können ganz hilf­reich sein, denn viele Zuschauer*innen bedanken sich oft bei Ruby Granger. Ihre Videos helfen den Zuschauer*innen. Bei Lern­me­thoden oder Produk­ti­vität kann Ruby von ihren Erfah­rungen berichten und anderen Student*innen zur Seite stehen. Es ist nicht einfach, den Unistress alleine zu bewäl­tigen. Oft kann man sich diese Fragen nicht selber beant­worten. Da ist es hilf­reich, auf eine Commu­nity zu stoßen, in der alle dieselben Fragen quälen.

Es ist nicht einfach, für vier Klau­suren gleich­zeitig zu lernen und dabei ruhig zu bleiben. Study­Tuber kennen sich in solchen Situa­tionen aus. Sie moti­vieren ihre Zuschauer*innen. Wer nie gelernt hat, einen eigenen Lern­plan zu erstellen, kann das von Ruby Granger über­nehmen. Viele Student*innen müssen sich alleine mit dem kompli­zierten Univer­si­täts­system durch­schlagen. Ein Studium anzu­fangen kann sowohl eine aufre­gende, als auch eine stres­sige Zeit sein. Viele Student*innen gehen mit großen Erwar­tungen ins erste Semester. Ruby Granger war zum Beispiel enttäuscht über ihre erste Note an der Univer­sität. Andere Student*innen haben dasselbe wie sie erlebt. In der Schule war es für Studie­rende einfa­cher, bessere Noten zu bekommen. Der Unter­richt an der Univer­sität ist ganz anders als in der Schule, die Dozent*innen haben höhere Anfor­de­rungen.

Hohe akade­mi­sche Ziele mit Enttäu­schungen

Study­Tube scheut nicht davor zurück, auch die unschönen Seiten der Univer­sität darzu­stellen. Ruby Granger geht offen damit um, dass sie von ihrer Traum­uni­ver­sität Oxford abge­lehnt wurde. An ihrer neuen Univer­sität zeigt sie, dass man trotzdem erfolg­reich sein kann.

Eines der posi­tiven Dinge an Study­Tube ist, dass man offen über ihre Miss­erfolge redet. Ruby sagt in einem Video, dass eine Ableh­nung von Oxford ihr Selbst­wert­ge­fühl herun­ter­ge­setzt hat. Sie habe für eine lange Zeit ihren Wert an ihrer Oxford-Ableh­nung gemessen. Unjaded Jade zeigt ihren Zuschauer*innen, dass es auch in Ordnung ist, nicht immer die besten Noten zu haben.

Mentale Gesund­heit von Student*innen wird ansonsten nicht oft öffent­lich disku­tiert. In der Pandemie wurden Prio­ri­täten von Student*innen außer Acht gelassen: Wann gibt es wieder Präsenz­lehre, wie können Student*innen ohne Neben­jobs weiter­ma­chen? Deswegen ist es so wichtig, dass Unjaded Jade über ihre Erfah­rungen mit mentalen Belas­tungen während ihrer Studi­en­zeit offen umgeht. Sie gibt den Student*innen eine Stimme. 

Toxi­sche Produk­ti­vität – auch in der Pandemie

Wo liegen dann die unschönen Seiten der Commu­nity? Ruby Granger beendet jedes ihrer Videos mit einem Have a produc­tive week“. Da liegt schon das Problem. Ruby spricht immer davon, wie man produk­tiver und besser sein kann. Eine Userin auf YouTube hat sich entschul­digt, dass sie nicht wie Ruby Granger sein kann. Sie könne nicht die ganze Zeit so produktiv sein wie sie. Es verzerrt die eigene Wahr­neh­mung, wenn man sich anguckt, wie viel Study­Tuber an einem Tag lernen. Nicht alle Student*innen schaffen das gleiche Arbeits­pensum.

Produk­ti­vität hört laut Study­Tube auch in der Pandemie nicht auf. Beispiels­weise spricht Ruby Granger in einem Video von lock­down goals“: Kalli­grafie schreiben oder Morse Code lernen.

Viele Student*innen in Deutsch­land haben während des Lock­downs psychisch gelitten. Laut einem Beitrag der TU Berlin haben seit Beginn des Winter­se­mes­ters 2020/21 mehr Studie­rende psychi­sche Bera­tungen an dieser Univer­sität ange­fragt. Laut dem Artikel würden mehr Student*innen in eine Depres­sion fallen. Es ist daher keine Selbst­ver­ständ­lich­keit, im Lock­down Lern­ziele zu errei­chen. Lernen kann nicht immer die Prio­rität für Student*innen sein, da die soziale Isolie­rung den Unialltag noch schwie­riger gemacht hat. Ein anderes Beispiel: Jack Edwards, über eine Million Abos, schreibt in einem Video seine Disser­ta­tion eine Woche vor der Abgabe fertig. Kann oder muss man auch so produktiv sein wie er?

Die Privi­le­gien der Study­Tuber

Viele Study­Tuber sind selber sehr privi­le­giert. Die erfolg­reichsten Study­Tuber haben eine Gemein­sam­keit: sie alle kommen aus sozialen Milieus, wo Bildung eine Selbst­ver­ständ­lich­keit ist. Viele der beliebten Study­Tuber genießen alleine das Privileg, den ganzen Tag lernen zu können, unge­stört in ihrem eigenen Zimmer. Das jeder sich selbst beim Lernen filmen kann, ist auch keine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Ruby Granger besitzt teures Equip­ment, um sich in ihrem Alltag zu filmen. Sie wohnt in einem großen Haus auf dem Land und in ihrem eigenen Zimmer bleibt sie unge­stört. Während des Semes­ters muss Ruby auch nicht nebenbei jobben, um sich die Studi­en­ge­bühren leisten zu können.

Ist Study­Tube ein Vorbild?

Study­Tuber sind ohne Frage eine beliebte Commu­nity auf YouTube, deswegen machen sie viel Geld. Weil ihre Ziel­gruppe haupt­säch­lich junge Schüler*innen sind, wollen diese die Study­Tuber nach­ahmen. Ruby Granger verkauft Study Plan­ners, Unjaded Jade hat ein Buch veröf­fent­licht, Jack Edwards eben­falls. Kann man auch gute Noten erzielen wie Ruby Granger, wenn man ihre Produkte kauft?

Das führt zum anderen Problem von Study­Tube. Es reicht nicht aus, die Study Plan­ners von Ruby Granger zu besitzen oder ihre Lern­me­thoden nach­zu­ahmen. Nicht alle Schüler*innen oder Student*innen besitzen ihre Privi­le­gien. Ruby Granger ist auf eine Privat­schule gegangen, was sich nicht alle ihrer Zuschauer*innen leisten können. Zwar geben Study­Tuber zu, dass sie privi­le­giert sind und dass sie mehrere Möglich­keiten haben, aber das war es auch schon. In ihren Videos reflek­tieren sie nicht, wie ihre Privi­le­gien sie im Bildungs­wesen erfolg­rei­cher machen. Gute Noten reichen nicht immer aus, um im Bildungs­system Erfolg zu haben. In Deutsch­land beispiels­weise kann es laut einem Beitrag der taz aus dem Jahr 2012 sein, dass ein Arbei­ter­kind mit denselben kogni­tiven Fähig­keiten wie ein Kind mit Akade­mi­ker­el­tern anders als dieses keine Gymna­si­al­emp­feh­lung bekommt.

Was bei Study­Tube fehlt, sind Themen über Privi­le­gien. Study­Tuber sollten trans­pa­renter sein und nicht in jedem Video fünf Stunden lernen. Das ist auch unge­sund für ihre Zuschauer*innen. Es ist hilf­reich, von Study­Tube moti­viert zu werden. Aber es muss eine Grenze geben, denn über­mä­ßiges Lernen sollte nicht auf sozialen Medien gepriesen werden. Nicht alle Student*innen können dasselbe Arbeits­pensum wie Ruby Granger schaffen. Heute muss ich schmun­zeln, wenn ich daran denke, wie sehr ich Ruby nach­ei­fern wollte. Während der Ober­stufe hörte man ständig von Lehrer*innen, dass man gute Noten für das anste­hende Abitur erbringen müsse. Mich selber unter Lern­druck zu setzen, hat meiner Moti­va­tion und meinen Noten nicht immer geholfen.

Das neue Semester hat diesen Oktober an vielen deut­schen Univer­si­täten ange­fangen und Studie­rende wollen ihr Bestes geben. Gerade bei Study­Tube können Studie­rende diese Moti­va­tion finden. Gleich­zeitig ist es nicht einfach, sich mit anderen Study­Tu­bern zu verglei­chen, wenn Study­Tube nur die High­lights des Uniall­tags doku­men­tiert. Anstatt produktiv zu sein, schadet man nur seiner mentalen Gesund­heit.


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