Gib acht vor G8

Datum
09. Mai 2022
Autor*in
Lena B
Themen
#Gesellschaft #Probleme & Lösungen
Immer mehr Bundes­länder, wie zuletzt auch das Saar­land, wollen das G9-Modell wieder einführen – und das zurecht. Ein Kommentar über Schul­stress und Leis­tungs­druck

Gut in der Schule sein, ein gutes Abitur schreiben, an einer guten Univer­sität studieren, dort einen guten Abschluss machen, einen guten Job finden: So sieht es in den Wunsch­vor­stel­lungen vieler Oberstufenschüler*innen aus. Doch als Gen‑Z Schüler*innen gut” in der Schule zu sein ist nicht so einfach wie man es sich als außen­ste­hende Person vorstellt.

Studien der DAK zufolge leidet fast jedes zweite Kind an Schul­stress. Doch dieses Problem, den Stress, der unter anderem von Faktoren wie dem erhöhen des Lern­pen­sums oder dem allge­mein stei­genden Noten­druck stammt, scheint die Politik erst langsam zu verstehen.
Da hieß es vor fünf­zehn Jahren noch G8”, da die Schule für die Kinder mit guten Noten in der fünften Klasse ja auch dauer­haft einfach bleiben würde und wir alle sofort ins rich­tige Leben” springen können, nachdem wir uns acht Jahre lang veraus­gaben um ja nicht von der Schule zu fliegen. In Hamburg kann man dann sogar auf eine Schule gewungen werden, auf der man ein Jahr mehr zum Abitur hat, wie kann die Behörde das nur wagen?

Doch mit G8 können wir jetzt die ganz rele­vanten Probleme aus dem Mathe­buch lösen und die Fran­zö­si­sche Revo­lu­tion wie eine Gute-Nacht-Geschichte unseren kleinen Geschwis­tern erzählen (mit Jahres­zahlen versteht sich), damit sie sich an uns ein gutes Beispiel nehmen und auch in zehn Jahren auf das Gymna­sium wollen.

Häufige Symptome von Schul­stress

Die häufigsten Symptome von Schul­stress: Kopf­schmerzen, Bauch­schmerzen, Schlaf­stö­rungen, etc. klingen wie ein Dauer­zu­stand meines Umfelds. Gibt es über­haupt Oberstufenschüler*innen ohne Kopf­schmerzen, oder ist das nur ein Mythos der Schul­be­hörde? Was leider die Realität der Schul­be­hörde betrifft: Wir haben mehr Lern­stoff (ist ja auch logisch, wir haben ein Jahr weniger als die G9 Schüler*innen) und die Pausen werden immer kürzer und stres­siger (und unter uns, wer entspannt sich schon in der Schule mit Aufent­halts­räumen aus 1975).

Auch die Thera­pie­platz-Warte­listen werden immer länger, denn Stress ist nicht nur ein Gefühl, sondern führt auch oft zu psychi­schen Krank­heiten wie Angst­stö­rungen und Depres­sionen die dann auch beim Psycho­logen behan­delt werden müssen (siehe eine Studie der Univer­sität Biele­feld, bei der es schon 2017 einen Anstieg von 8 Prozent bei Schul­kin­dern mit Angst­stö­rung gab und das nur im Vergleich zum Vorjahr https://​www​.vdk​.de/​h​a​m​b​u​r​g​/​p​a​g​e​s​/​79100​/​v​i​e​l​e​_​s​c​h​u​e​l​e​r​_​l​e​i​d​e​n​_​u​n​t​e​r​_​a​n​g​s​t​_​u​n​d​_​d​e​p​r​e​ssion ). Mit diesem Reali­täts­check ist es wirk­lich ein Wunder, dass das letz­tere nicht schon auto­ma­tisch mit der Gymna­si­al­emp­feh­lung in der vierten Klasse gelie­fert wird, im Sinne von Hier ist dein Platz am Gymna­sium, der Thera­pie­platz wird aber leider erst in zwei Jahren frei, die Warte­liste kannst du aber gerne schonmal in Betracht ziehen”.

Einfüh­rung von Stadt­teil­schulen

Doch, warum denn bloß der ganze Stress? Gibt es nicht in Hamburg die Stadt­teil­schulen, die sozu­sagen wie G9 funk­tio­nieren? Denn seit der Einfüh­rung von Stadt­teil­schulen in Hamburg im Sommer 2010 kann man ja auch in neun Jahren Abitur schreiben, mit weniger Stress und mehr Fokus auf anderen Optionen, wie den mitt­leren Schul­ab­schluss nach der zehnten Klasse. Hierzu muss man wissen, dass es ja durchaus Kinder in der Grund­schule gibt, die gerne auf ein Gymna­sium wollen, da in ihrem Fall die Stadt­teil­schule zu einfach wäre und es dort zwar weniger Stress gäbe, jedoch auch eine totale Unter­for­de­rung.

Einfach (im Sinne von der Unter­richt fällt mir leicht”) ist nicht gleich kein Stress und schwer (“Ich komme im Unter­richt nicht mit”) ist nicht gleich Stress; Stress kann auch positiv und negativ sein und über die Jahre wird vielen Jugend­li­chen der Stress zu negativ, wie auch der Blick in ihre Zukunft.

Schule sollte einen zum Lernen moti­vieren, nicht der Stress einen antreiben. Ebenso ist die Stadt­teil­schule eine gute Alter­na­tive für die Hamburger Schüler*innen, die gerne mehr Zeit bis zum Abitur hätten und auch mit weniger schnellem Unter­richt klar­kommen.

Die Politik kann viel an diesem System ändern, ich für meinen Teil würde weniger Lern­stoff in Neben­fä­chern, Abschaf­fung oder eine deut­liche Senkung des numerus clausus an Univer­si­täten und das Gymna­sium als einen ange­neh­meren Ort des Lernens, mit neuen Methoden und besserer Ausstat­tung als einen guten Anfang erachten.

Das ist auch längst über­fällig und vor allem sollte die Politik auf uns, die Kinder und Jugend­li­chen dabei hören, denn wir haben am Ende des Tages die Psycho­the­rapie nötig, die Zukunfts­ängste im Gedächtnis und vor allem den durchaus vermeid­baren Stress.

Begriffs­er­klä­rungen:

G8 = Gymna­sium in acht Jahren, bis zur zwölften Klasse.

G9 = Gymna­sium in neun Jahren, bis zur drei­zehnten Klasse.


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