Es ist die Gesell­schaft, die die Behin­de­rung schafft“

Datum
17. Dezember 2024
Autor*in
Timon Grassmann
Thema
#Politik
Rollstuhl Barriere

Als Behin­derter fühle ich mich in Deutsch­land oft abge­hängt. Eine Studie zeigt: Auch im inter­na­tio­nalen Vergleich steht Deutsch­land im Hinblick auf Barrie­re­frei­heit schlecht dar. Das Grund­ge­setz sei eher so eine Art Ideal­bild, seine Umset­zung noch sehr proble­ma­tisch, sagen Behin­der­ten­rechts­ak­ti­visten. Manchmal frage ich mich: sieht das Grund­ge­setz die Bedürf­nisse von Behin­derten über­haupt? Ein Kommentar. 

Die offi­zi­elle Begrü­ßung des Jugend­me­di­en­work­shops ist sehr gut vorbe­reitet. Es gibt ein Buffet, ausge­stattet mit äußerst verlo­ckend riechendem Essen, einen Tontech­niker für die ange­kün­digte Rede, Mitarbeiter:innen zum Abräumen und Einde­cken, und mit hübschen Blumen­vasen deko­rierte Steh­ti­sche. Ich gerate ins Stocken. Es gibt nur Steh­ti­sche?!

Am Telefon wird gesagt, natür­lich sei das Restau­rant barrie­re­frei. Man stelle gerne einen Stuhl weg, sei sehr hilfs­be­reit und ich sei natür­lich sehr herz­lich will­kommen. Wir reisen in freu­diger Erwar­tung auf ein gutes, italie­ni­sches Abend­essen an, stehen vor dem Restau­rant, ich gerate wieder ins Stocken. Es gibt nur eine Treppe?! 

Es sind oft Klei­nig­keiten, die mich als Roll­stuhl­fahrer daran hindern, regulär am gesell­schaft­li­chen Leben teil­zu­nehmen. Seien es Steh­ti­sche, unter denen man verschwindet, Treppen, vor denen man stehen­bleibt, kaputte Aufzüge, die den Zugang zur U‑Bahn verwehren, und so viel mehr. Beide Situa­tionen wurden glück­li­cher­weise schnell und unspek­ta­kulär gelöst. Dennoch stehen Situa­tionen wie diese beide gera­dezu meta­pho­risch für das Leben als Behin­derter in Deutsch­land. Bedacht werde ich erst, wenn ich ankomme und mich beschwere. Sehr oft denke ich Sätze wie Da haben die wohl nicht mitge­dacht“, Das hat wohl jemand vergessen“, oder ähnliche. Solche Gedanken sind bedrü­ckend, und ich muss sie viel zu oft denken, denn als Behin­derter in Deutsch­land fühle ich mich oft vergessen und nicht mitge­dacht. 

Oft frage ich mich sogar: Habe ich in der Realität alle mir theo­re­tisch zuste­henden Grund­rechte? Meine Frei­zü­gig­keit fühlt sich durch mangelnde Barrie­re­frei­heit einge­schränkt; Anruf­sam­mel­taxis nehmen beispiels­weise per se keine Rollstuhlfahrer:innen, was einige länd­liche Orte für mich gar nicht oder nur äußerst schwer erreichbar macht. Auch die freie Berufs­wahl fühlt sich für mich nicht frei an – wie viele Jobchancen wohl schon Rollstuhlfahrer:innen aufgrund mangelnder Barrie­re­frei­heit am Arbeits­platz verwehrt wurden? Und – ganz elementar: ist Artikel 3, Absatz 3 des Grund­ge­setzes für Behin­derte über­haupt erfüllt? Er besagt ganz grund­sätz­lich: „[…] Niemand darf wegen seiner Behin­de­rung benach­tei­ligt werden.“ Und wie sehen das eigent­lich Menschen, die nicht im Roll­stuhl sitzen, sondern andere Behin­de­rungen haben? 

Deutsch­land ist im inter­na­tio­nalen Vergleich nicht gut genug 

Detail­lierter als Artikel 3, Absatz 3 ist die UN-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­tion, die in 50 Arti­keln die Grund­rechte von Behin­derten zusammenfasst.1 Im Grunde sind es die Rechte, die auch schon im Grund­ge­setz für alle Menschen formu­liert wurden – hier sind sie nun noch einmal für Menschen mit Behin­de­rungen bekräf­tigt. Dr. Fiona MacDo­nald unter­suchte in ihrer Studie an 13 ausge­wählten Ländern, inwie­weit die Rechte der UN-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­tion in diesen Ländern wirk­lich umge­setzt wurden. Es stellt sich heraus: Die meisten Rechte werden im inter­na­tio­nalen Vergleich in den unter­suchten Ländern eher halb­wegs umge­setzt. Positiv ist: Manche Rechte, wie zum Beispiel das Recht auf Habi­li­ta­tion und Reha­bi­li­ta­tion werden beinahe flächen­de­ckend umge­setzt. Negativ fällt aber vor allem auf: Andere Grund­rechte stehen fast überall sehr schlecht dar, darunter das Recht auf Frei­heit von Ausbeu­tung, Gewalt und Miss­brauch. 

Deutsch­land belegt unter 13 unter­suchten Ländern den zehnten Platz, knapp gefolgt von Spanien, Südkorea und Austra­lien. Vorne liegen – und das mit einem deut­lich größeren Abstand Neusee­land, Ecuador und die Mongolei. Deutsch­land ist dabei in Sachen Barrie­re­frei­heit nie richtig schlecht, aber auch nie richtig gut. Und im inter­na­tio­nalen Vergleich schon gar nicht.2 Nie richtig schlecht“ reicht aber leider nicht, wenn nie richtig gut“ daneben steht. 

Fordern, nicht wünschen, führt zum Ziel – und klagen 

Das anfangs erwähnte Restau­rant hat – wie fast jedes Restau­rant, deutsch­land­weit – selbst­ver­ständ­lich, könnte man fast schon sagen, keine Behin­der­ten­toi­lette. Ich öffne die App Wheelmap“, etwas mehr als hundert Orte werden mir in meinem Umkreis ange­zeigt. Ich filtere nach Orten mit Behin­der­ten­toi­letten. Nur ein gutes Dutzend Orte bleibt. Nur ein gutes Dutzend Orte, an denen ich Getränke ohne Sorgen um meinen Toilet­ten­gang genießen kann. Das ist die Realität, wenn man in Deutsch­land, insbe­son­dere nachdem Geschäfte und Cafés geschlossen haben, nach barrie­re­freien Toiletten sucht. Ich habe schon mehr­fach in Innen­städten in Gebü­sche uriniert. 

Initiator der App Wheelmap ist der Behin­der­ten­rechts­ak­ti­vist Raúl Aguayo-Kraut­hausen. Wahr­schein­lich ist das Grund­ge­setz eher so eine Art Ideal­bild, und die Umset­zung ist dann oft die, die noch sehr proble­ma­tisch ist“, sagt er im Inter­view. Behin­derte seien in Deutsch­land immer noch nicht in der Mitte der Gesell­schaft zu sehen. Sie lebten oft ein Leben abseits des nicht­be­hin­derten Alltages; gehen auf Förder­schulen, wohnen in Wohn­heimen und werden von Fahr­diensten von A nach B gefahren. So entstehe keine Ausein­an­der­set­zung mit dem Thema Inklu­sion bei Nicht­be­hin­derten oder nur eine sehr lang­same. Ich bin da unge­duldig“, so Kraut­hausen. Der allge­meine Arbeits­markt und die Regel­schulen müssten sich viel schneller mit dem Thema ausein­an­der­setzen. 

Aufgrund dieser fehlenden gesell­schaft­li­chen Ausein­an­der­set­zung lebe man sich ein, arran­giere sich, wisse, welche Stationen keinen Aufzug haben. Man finde sich ab mit den Einschrän­kungen der Rechte, die man erlebt. Auch, sagt Kraut­hausen, weil es keine Möglich­keit gebe, sich zu wehren – es gebe im Grund­ge­setz (aber auch sonst nirgendwo) kein Recht auf Barrie­re­frei­heit, das man sich einklagen könnte. Das wäre ziel­füh­rend – das sieht man beispiels­weise in den USA3 –, aktuell brauche man in Deutsch­land aber sehr viel Kraft und Anstren­gung, um sein Recht durch­zu­setzen, voraus­ge­setzt, man schafft es über­haupt. Kraut­hausen fordert, dass man sich die Grund­rechte als Behin­derter einklagen können muss. Die Beto­nung liegt dabei auf fordert“ – als ich ihn frage, was er sich in Bezug auf Barrie­re­frei­heit in Deutsch­land wünsche, sagt er, als Akti­vist wünsche er sich nichts – er fordere. 

Wäre ich nicht so kampf­be­reit, dann hätte ich einfach nichts erreicht“ 

Während ich gerade einem Teil­nehmer unserer Führung durch den deut­schen Bundestag davon erzähle, dass selbst Regionen, die eine im Vergleich zu Deutsch­land durch schwere Probleme gezeich­nete Infra­struktur haben, es schaffen, jede Pres­se­kon­fe­renz mit einer:m Gebärdensprachendolmetscher:in auszu­statten, Deutsch­land jedoch nicht, geht die Guide eine Treppe hoch, ohne mir eine barrie­re­freie Alter­na­tive aufzu­zeigen – sie hat mich vergessen. Ich bleibe unten an der Treppe stehen. 

Mit ein paar Teilnehmer:innen habe ich selbst den Weg zurück zur rest­li­chen Gruppe der Bundes­tags­füh­rung gefunden. Die Guide entschul­digt sich dafür, mich an der Treppe vergessen zu haben. Alles gut, sage ich. Natür­lich sage ich das, ich will ja nicht unhöf­lich sein. 

Wir sitzen im Plenar­saal und bekommen erklärt, welche Partei wo sitzt, was im Plenum ausge­macht wird. Ich höre mit einem halben Ohr zu, schaue jedoch eigent­lich eher inter­es­siert auf das, was unten im Plenar­saal geschieht – denn wir haben das Glück, gerade dann den Saal zu besu­chen, wenn Heike Heubach (SPD) ihre erste Rede im Deut­schen Bundestag probt. Das ist bei ihr ein größerer Akt als bei anderen Politiker:innen – Heubach ist gehörlos und redet daher in Gebär­den­sprache. Während sie am Redner:innenpult steht und gebärdet, über­setzt eine Dolmet­scherin ihre Rede in gespro­chenes Deutsch. Das ist für den Deut­schen Bundestag leider ein Novum und muss daher einmal geprobt werden. Heubach ist froh, im Bundestag zu sein: Weniger für sich persön­lich als mehr für die behin­derte Commu­nity. Auch behin­derte SPD-Mitglieder haben sie schon ange­spro­chen und sich darüber gefreut, dass sie Behin­de­rung in der SPD sicht­barer macht. Und auch ich freue mich sehr über eine behin­derte Abge­ord­nete im Bundestag. 

Heike Heubach (am Redner:innenpult) probt für ihre erste Rede im Bundestag.

Heike Heubach (am Redner:innenpult) probt für ihre erste Rede im Bundestag.

Foto: Mihanta Friedrich

Ich treffe Heike Heubach mit ihren zwei Dolmet­sche­rinnen im Paul-Löbe-Haus. Man gewöhnt sich schnell an die Art der Gesprächs­füh­rung – ich sitze ihr gegen­über, wir unter­halten uns, der Sound“ kommt dabei aus dem Hinter­grund von der Dolmet­scherin. Sofort tauschen wir uns über unsere Erfah­rungen mit unseren Leben mit Behin­de­rungen aus, und, obwohl Heubach eine ganz andere Behin­de­rung hat als ich, fällt mir auf, dass sie sehr viele Dinge erlebt hat und sagt, die ich exakt so bestä­tigen kann. Oft fällt das Wort kämpfen‘: Wäre ich nicht so kampf­be­reit, dann hätte ich einfach nichts erreicht“, so Heubach. Sie zitiert Brecht: Wer kämpft, kann verlieren, aber wer nicht kämpft, der hat schon verloren“. Der Kampf ist eine harte Meta­phorik, aber keine unüb­liche: Auch ich benutze das Wort, wenn ich erzähle, dass ich oft für mich kämpfen musste. Für barrie­re­freie Unter­brin­gung auf der Klas­sen­fahrt. Dafür, im Zug mitge­nommen zu werden. Dafür, auf Toilette gehen zu können. Nicht immer werden diese Kämpfe gewonnen. 

Das Problem, sagt Heubach, ist die Gesell­schaft: Es ist die Gesell­schaft, die die Behin­de­rung schafft“. Das beginne ganz früh im Leben: Schon im Kinder­gar­ten­alter werden Behin­derte sepa­riert; sie gehen oftmals in Schulen speziell für Behin­derte, weswegen Nicht­be­hin­derte kaum in Kontakt mit Behin­de­rung kommen. Als Heubach in den Wahl­kampf zog, musste sie Gespräche sehr oft nicht etwa über poli­ti­sche Inhalte führen, sondern Aufklä­rungs­ar­beit leisten. Denn selbst Erwach­sene haben oft prak­tisch kein Wissen über Behin­de­rungen. Die Gesell­schaft [hat] keine Ahnung“, sagt Heubach. 

Das ist ein Problem: Die Mehr­heits­ge­sell­schaft weiß zu wenig über Behin­de­rung. Auch hat sie keine Erfah­rung mit Diskri­mi­nie­rung gemacht – und das zeigt sich: Queere Menschen und Menschen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund achten mehr darauf, Behin­derte nicht zu diskri­mi­nieren, weil sie selber damit Erfah­rungen gemacht haben, so Heubach. 

Doch auch infra­struk­tu­rell könnte es in Deutsch­land deut­lich besser sein. Heike Heubach stimmt mir zu, dass in Deutsch­land in den vergan­genen Jahren viel zu wenig getan wurde. Ich frage sie: Wieso hat die SPD, nunmehr seit 11 Jahren durch­ge­hend in Regie­rungs­ver­ant­wor­tung, denn so wenig getan? Das liege daran, dass Koali­tionen gebildet werden und dabei Kompro­misse gefunden werden müssen, so Heubach. Dabei würden oft Abstriche gemacht werden müssen. Doch auch in der SPD sei nicht alles perfekt: Auf Partei­tagen fehlen Heubach oft Dolmetscher:innen, die zwar anwe­send sind, aber nur auf der Bühne stehen: Keine Möglich­keit für Privat­ge­spräche. Sie wolle aber darauf achten, dass das Thema in Zukunft bei der Regie­rungs­bil­dung nicht mehr hinten runter­falle. Und sie will sich für eine Grund­ge­setz­än­de­rung ausspre­chen: Der Satz Niemand darf aufgrund seiner Behin­de­rung benach­tei­ligt werden“ müsse um einen Nach­satz ergänzt wird, der besagt, dass alle Menschen inklu­diert werden müssen. So blieben laut Heubach deut­lich weniger Hinter­tür­chen offen, Inklu­sion zu vermeiden, und würde sie auch einklag­barer machen. 

Viel zu tun

Aus verschie­denen Winkeln habe ich auf das Thema Inklu­sion bzw. ihren Mangel in Deutsch­land geblickt. Die Meinungen sind größ­ten­teils einheit­lich: Raúl Kraut­hausen sagt das, was die Studie bestä­tigt, Heike Heubach spie­gelt meine Erleb­nisse wider und alle sagen: Es muss sich viel ändern. Deutsch­land liegt maximal im unteren Mittel­feld, und das spürt man. Im Urlaub in Ländern, die inklu­siver sind, im Bundestag, auf dem Arbeits­markt, in der U‑Bahn.  

Beim zweiten Empfang des Jugend­me­di­en­work­shops gab es dann tatsäch­lich sofort einen nied­rigen Tisch mit ein paar Stühlen. Das lässt mich hoffen, dass sich die Lage bessert. Ich frage mich, ob ich je die breite gesell­schaft­liche Verän­de­rung sehen werde, von der wir träumen. Von der ich träume, von der Raúl Kraut­hausen träumt und von der Heike Heubach träumt. Viel­leicht lässt sie sich durch staat­li­ches Eingreifen herbei­führen, durch die Methoden, die Kraut­hausen, Heubach und so viele andere, die nicht in diesem Artikel stehen, vorschlagen. Manchmal muss man die Gesell­schaft zu ihrem Glück zwingen. Doch dafür müsste die Politik erst einmal daran denken, dass das über­haupt im Bereich des Mögli­chen liegt. Es ist die Gesell­schaft, die die Behin­de­rung schafft. Es könnte die Gesell­schaft sein, die die Behin­de­rung wieder abschafft. 

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Jugend­me­di­en­work­shops 2024 entstanden. Das Projekt wird von der Jugend­presse Deutsch­land, dem Deut­schen Bundestag und der Bundes­zen­trale für poli­ti­sche Bildung orga­ni­siert.

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Jugendmedienworkshops 2024 entstanden. Das Projekt wird von der Jugendpresse Deutschland, dem Deutschen Bundestag und der Bundeszentrale für politische Bildung organisiert.


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