Die Toten tanzen immer noch

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Aggressiv wie nie zuvor geht die EU gegen zivile Seenot­ret­tung und Nicht­re­gie­rungs­or­gan­sa­tionen vor. Pia Klemp’s Buch ​„Lass uns mit den Toten tanzen“ gibt span­nende Einblicke in den Alltag der Seawatch-Kapi­tänin während der Mission. Gabriele Kibus, eben­falls Akti­vistin bei SeaWatch e.V., liest ausge­wählte Stellen des Buches im Rahmen der dies­jäh­rigen ​„Eine Welt Landes­kon­fe­renz“ vor. Hannan El Mikdam-Lasslop berichtet.

„Sie waren mir noch sympa­thi­scher, wenn ihre Folter­wunden noch nässten. Wenn ihre Augen gebro­chen waren von dem Grauen und ihre Gesichter erschlafft von der Tortur.“

Bilder die im Kopf bleiben. Eindring­lich erzählt Pia Klemp’s Buch ​„Lass uns mit den Toten tanzen“ von den Erfah­rungen der Sea-Watch Kapi­tänin auf See. Bis 2018 rettete die Akti­vistin in Seenot gera­tene Flüch­tende auf dem Mittel­meer: ​„In manchen Momenten zerreißt einen der Hohn der Wirk­lich­keit wie ein ausge­hun­gerter Wolf.“

Screenshot_2020-06-17 „Lass uns mit den Toten tanzen" – eine Lesung – WordPress 5 3 0

Gabriele Kribus - Aktivistin bei Sea Watch e.V.

Wunderbar persön­lich schil­dert ​„Lass uns mit den Toten tanzen,“ die bizarre Realität derer, die nicht wegschauen wollen. Die Lesenden erhalten Einblick in den Alltag der Crew an Bord der ​„Iuventa.“ Pia Klemp schil­dert die Verant­wor­tung und die Über­for­de­rung, das Gefühl, vom Staat alleine gelassen zu werden mit tausenden Menschen in Seenot. Routi­niert und abge­brüht beschreibt Klemp die tägliche Arbeit mit einer Crew aus Frei­wil­ligen, die nicht wirk­lich Erfah­rung darin haben, Menschen zu retten. Eine Heraus­for­de­rung, die für sie längst Norma­lität ist.

„Die Empfin­dung von Verrat breitet sich bitter trie­fend in uns aus. An die Lager in die sie jetzt müssen will ich nicht denken.“

„Lass uns mit den Toten tanzen“ erzählt auch von der eigenen Ohnmacht gegen­über einem System, das uns alle, ob wir wollen oder nicht, zu Mittäter*innen macht. Denn es sind nicht nur die Regie­rungen, welche die Festung Europa halten. Die Absur­di­täten und Wider­sprüche in dem Moral­kodex eines Konti­nents, der sich damit rühmt, die Menschen­rechte zu vertei­digen, zeigen sich beson­ders prägnant in der Schil­de­rung einer der Rettungs­ak­tionen. Mehrere Schlauch­boote voller Flüch­tender treiben vor der Liby­schen Küste. Ein Boot droht zu kentern und Pia Klemp funkt ein eben­falls anwe­sendes, deut­sches Kriegs­schiff um Hilfe an. Als Antwort erhält sie eine Absage mit der Begrün­dung, die Crew nähme gerade ihren Nach­mit­tags­snack zu sich. Genau solche Passagen hinter­lassen einen bitteren Nach­ge­schmack und machen ​„Lass uns mit den Toten tanzen“ so wichtig. Das Buch zielt auf den Teil in uns Menschen, der noch nicht durch ratio­nale Bericht­erstat­tung voller rassis­ti­scher Framings abge­stumpft wurde. Pia Klemp spricht nicht über Flücht­linge, sondern über Menschen. Es sind Schutz­su­chende, für die die EU oft die einzige Hoff­nung auf ein menschen­wür­diges Leben ist.

„Wir stärken unsere EU-Außen­grenzen mit Igno­ranz und der ewig wach­senden Selbst­über­schät­zung. Migra­ti­ons­po­litik ist das vortreff­liche Deck­män­tel­chen der faschis­to­iden Auslese derer, die leben dürfen.“

Kritisch verur­teilt Klemp die ​„faschis­toide Auslese“ Europas. Mit dem Buch posi­tio­niert sie sich gegen eine Migra­ti­ons­po­litik, die die Privi­le­gien der Festung Europa vertei­digt und versucht diese mit allen Mitteln durch­zu­setzen. Die letzte Szene der Lesung verdeut­licht in welchem Ausmaß gegen die Lebensretter*innen vorge­gangen wird. Die ​„Iuventa“ wird von den italie­ni­schen Behörden beschlag­nahmt. Die Anklage lautet ​„Beihilfe zur ille­galen Einwan­de­rung.“ Pia Klemp drohen bis zu 20 Jahre Haft.

So endet die Lesung. Gabriele Kribus wirft noch einen bedeu­tungs­schweren Blick in die Kamera und bedankt sich. Das Video ist zu Ende, doch das Massen­grab im Mittel­meer bleibt. Weiterhin ertrinken dort täglich Menschen: unge­sehen und igno­riert.


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Hannan El Mikdam-Lasslop

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