Die Illu­sion von Bildungs­ge­rech­tig­keit in den MINT-Fächern

Datum
24. Mai 2022
Autor*in
Mirjam Lichtner
Thema
#Gesellschaft
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Foto: Unsplash / ThisisEngineering RAEng

Beim Fokus auf Bildung scheint es einen blinden Fleck zu geben: die massive Unter­re­prä­sen­ta­tion von weib­lich gele­senen Personen in den MINT-Fächern. Doch woran hakt es?

Bildung ist der Klas­siker unter den Wahl­kampf­themen auf Landes­ebene – auch bei der Land­tags­wahl in Schleswig-Holstein. So führt jede größere Partei, von rechts bis links, Bildung mehr oder weniger in ihrem Wahl­pro­gramm mit auf. Doch es scheint einen blinden Fleck zu geben: die massive Unter­re­prä­sen­ta­tion von weib­lich gele­senen Personen in den MINT-Fächern (Mathe­matik, Infor­matik, Natur­wis­sen­schaft und Technik).

Zu beschäf­tigen scheint das aber nur die Grünen und die FDP. Nur sie beziehen sich in ihrem jewei­ligen Wahl­pro­gramm auf die Förde­rung von Frauen im MINT-Bereich über den gesamten Ausbil­dungsweg hinweg: Programme sollen entwi­ckelt, Ange­bote ausge­baut werden. Wirk­lich konkret werden die Parteien aber nicht.

Fest steht, dass diesem Problem nicht allein durch Absichts­er­klä­rungen beizu­kommen ist. Für die Heraus­for­de­rungen der Zukunft muss es gut ausge­bil­dete Leute geben. Wenn von vorn­herein die Hälfte der Bevöl­ke­rung ausge­schlossen wird, kann das Problem des geringen Frau­en­an­teils gar nicht erst behoben werden.

Ein Blick auf die Zahlen: Im Prüfungs­jahr 2019 waren von den Studienbeginner*innen an der Chris­tian-Albrechts-Univer­sität zu Kiel 53 Prozent weib­lich. Mit 59 Prozent fällt der Anteil der Absol­ven­tinnen noch deut­li­cher aus. Ein ganz anderes Bild zeichnet sich bei der Tech­ni­schen Fakultät. 2019 lag der Frau­en­an­teil unter den Studie­renden der Elek­tro­technik und Infor­ma­ti­ons­technik“ bei gerade einmal 15 Prozent.

Wie kann das sein? Wie kann es sein, dass ein Land, das sich für seine Inge­nieurs­kunst und Inno­va­ti­ons­stärke feiern lässt, an dieser Stelle ein so enormes Defizit aufweist? Inter­na­tio­nale Studie­rende aus Indien und Bangla­desch wundern sich, wo die Kommi­li­to­ninnen sind, die das Bache­lor­stu­dium in ihrer Heimat viel selbst­ver­ständ­li­cher mitge­staltet haben. Und hier berichten Studen­tinnen aus tech­ni­schen Studi­en­gängen, dass sie zum Teil wie exoti­sche Tiere in einem Zoo beäugt werden.

Woher das kommt? Die simple Antwort: das Patri­ar­chat. Veral­tete Rollen­bilder und Stereo­type, die nicht nur am laufenden Band repro­du­ziert und vererbt, sondern auch durch einen Mangel an Vorbil­dern als alter­na­tivlos vorge­lebt werden.

Viel weniger Frauen als Männer studieren in Fächern wie Elektrotechnik

Viel weniger Frauen als Männer studieren in Fächern wie Elektrotechnik

Foto: Nattakorn / Adobe Stock

Bereits in frühster Kind­heit wird die Vorstel­lung geschaffen, dass Mädchen nett und schön sein müssen, um glück­lich im Leben zu sein. Jungs dagegen dürfen stark und schlau sein. Sie müssen es sogar sein. Denn so, wie ein Junge auf seinem Weg zum Erzieher belä­chelt und verspottet wird, wird ein Mädchen mindes­tens auf Skepsis stoßen, wenn es sich für Mathe und Natur­wis­sen­schaften begeis­tern kann.

Frauen in Natur- und Tech­nik­wis­sen­schaften müssen sich Phrasen wie Was, so was machst du als Frau?!“ oder Das sind gar keine rich­tigen Frauen!“ anhören. Solche Aussagen können verhee­rend sein. Für Moti­va­tion und Selbst­ver­ständnis. Wie wäre es statt­dessen mal mit einem Wow, cooler Studi­en­gang!“? Dass Leute ihre Passion nicht verfolgen oder gar nicht erst entde­cken, weil sie bereits vorher von einem Berg aus stereo­ty­pi­schen Rollen­bil­dern einge­schüch­tert wurden, ist ein gesamt­ge­sell­schaft­li­cher Verlust. Soll so Bildungs­ge­rech­tig­keit aussehen?

Es liegt nahe, mit Quoten gegen­steuern zu wollen. Doch sie greifen ins Leere, wenn es die Frauen dafür nicht gibt. Verirrt sich dann doch mal eine in die Natur- oder Tech­nik­wis­sen­schaften, muss sie bei allem dabei sein. Ausschüsse und Gremien sollen schließ­lich pari­tä­tisch besetzt werden. In wie vielen Ausschüssen soll eine enga­gierte Studentin neben ihrem anspruchs­vollen Studium sitzen? Vier, fünf? Allein, weil es schlicht an mögli­chen Vertre­te­rinnen fehlt.

Damit ein Umdenken einsetzt, fordert die Grünen­po­li­ti­kerin Ann-Kathrin Tran­ziska gemeinsam mit Studen­tinnen der Chris­tian-Albrechts-Univer­sität zu Kiel eine Diskus­sion, in der etablierte Prozesse und Abläufe aktiv reflek­tiert werden. Junge Mädchen und Frauen müssen direkt ange­spro­chen werden. Dafür brauche es sensi­bi­li­siertes Betreu­ungs- und Ausbil­dungs­per­sonal, von der Kita bis zur Meis­ter­aus­bil­dung oder zum Studium, so Tran­ziska.

Es wird Zeit für ein neues Image der MINT-Fächer. Was soll sich eine junge Frau auch denken bei Reimen wie Tausend Männer, eine Frau, ich studier‚ Maschi­nenbau“? Etwa Super, da werde ich mich richtig wohl­fühlen?“ Nicht gerade attraktiv für junge Frauen.

Elek­tro­technik und Inge­nieurs­wis­sen­schaften haben unter dem Namen Medizin- und Umwelt­technik“ mit nahezu iden­ti­schem Inhalt einen höheren Frau­en­an­teil. Viel­leicht, weil dem Fach so nicht die etablierten Stereo­typen von Karo­hemden anhaften. Wahr­schein­li­cher aber, weil es gezielt ein Anwen­dungs­feld skiz­ziert, dass das Poten­zial birgt, zu erfinden, zu bauen und nebenbei die Welt zu verbes­sern. Eine Moti­va­tion vieler Studen­tinnen, während für viele männ­liche Studi­en­an­fänger der verspro­chene Profit als Berufs­ein­steiger entschei­dend für ihre Studi­en­wahl ist.

Wenn wir als Gesell­schaft alle anspre­chen, werden sich auch mehr Inge­nieu­rinnen und Frauen im MINT-Bereich wieder­finden. Frauen könnten dann ebenso selbst­ver­ständ­lich Roboter basteln“, wie in der Kita Mutter­tags­ge­schenke. Mit mehr Frauen in der Technik wird die Google-Suche dann hoffent­lich auch bald nicht mehr nur Hein­rich Hertz, Werner von Siemens oder Georg Simon Ohm bei der Eingabe bekannte Elek­tro­tech­ni­ke­rinnen“ ausspu­cken. Aber bis dahin muss noch viel passieren.


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