Begeg­nungen sind komplex“

Datum
14. Juli 2015
Autor*in
Fanny Lüskow
Thema
#change agents 2015
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Christian Weinert ist Regisseur des Films "Blickwechsel – Sichtweisen auf deutsche Freiwillige"

Christian im Interview

Sich auf Widersprüche einzulassen, ist wichtig, findet Regisseur Christian Weinert (Foto: Tim Lüddemann)

Deut­sche Frei­wil­lige und ihre Arbeit sind nicht immer gut bei lokalen Partner*innen ange­sehen, wie der Film Blick­wechsel – Sicht­weisen auf deut­sche Frei­wil­lige“ zeigt. Regis­seur Chris­tian Weinert erklärt, warum er es wichtig findet, beide Seiten der Medaille zu betrachten.

Chris­tian, der Film Blick­wechsel“ ist auf vielerlei Weise anders als bishe­rige Filme über Frei­wil­lige. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Ich war selbst Frei­wil­liger in Schott­land und Gambia und begleite derzeit junge Frei­wil­lige bei ihren Diensten pädago­gisch. Daher hat es mich zunächst persön­lich inter­es­siert: Was denken eigent­lich die Menschen vor Ort über Reisende? Wie wirkt sich das stän­dige Kommen und Gehen deut­scher Frei­wil­liger vor Ort aus? Hinzu kommt ein filmi­scher Aspekt: Ich bin Film­junkie, sammle seit vielen Jahren afri­ka­ni­sche Film­pro­duk­tionen und arbeite seit vier Jahren in klei­neren Film­pro­jekten zusammen mit gambi­schen Filme­ma­chern. Mein Film­partner Ferdi­nand Carrière und ich wollten eine Doku­men­ta­tion drehen, die ausschließ­lich Stimmen von vor Ort zu Wort kommen lässt. Diese Perspek­tiven und Meinungs­bilder werden in Frei­wil­li­gen­dis­kursen und medialer Bericht­erstat­tung über Frei­wil­lige viel zu selten gezeigt.

Was willst du mit dem Film errei­chen?

Ich will vor allem Anstoß geben, neue Perspek­tiven eröffnen und der Komple­xität der Begeg­nung zwischen Norden und Süden ein Forum geben. Wenn das zu einer Wert­schät­zung eines solchen Aufent­halts beiträgt, nach dem Motto Was ist das für ein gewal­tiges Privileg, das tun zu können?“ und für diesen Konti­nent wie auch immer sensi­bi­li­siert, dann bin ich zufrieden. Ich starte aller­dings selten ein Projekt mit einem Ziel, sondern lasse mich über­ra­schen und bleibe offen für das, was mir begegnet.

… wo wir schon bei der nächsten Frage wären: Wie liefen die Dreh­ar­beiten vor Ort? War es einfach, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen?

Verschlossen war jeden­falls keiner. Es unter­scheidet sich ein wenig von Region zu Region, wie kame­raaffin die Leute sind. In Südafrika war es einfa­cher, Leute vor der Kamera zum Reden zu bringen, die ließen sich lieber filmen. In Ghana und Gambia war das oft schwie­riger und verkrampfter, aber keiner hat sich prin­zi­piell zum Gespräch verwei­gert.

Hat sich deine weiße Haut­farbe bei den Dreh­ar­beiten bemerkbar gemacht?

In diesem Kontext wird meine Herkunft immer eine Wirkung haben. Über diese Frage haben wir uns vorab und während der Dreh­ar­beiten viele Gedanken gemacht. Wir haben beispiels­weise einige Inter­views auf lokale Partner über­tragen. In der Praxis hat sich dann heraus­ge­stellt, dass in diesen Fällen keine tief­grün­di­geren oder kriti­scheren Anmer­kungen kamen, sondern eher das Gegen­teil. Das hat vor allem wohl damit zu tun, dass dieses Thema bei unseren Film­part­nern weitaus weniger leiden­schaft­lich inter­es­sant war als für uns Projekt­in­itia­toren. Nichts­des­to­trotz sind im Film auch Gespräche zu sehen, wo über­haupt kein Euro­päer am Set und in der Nähe war. Um die Menschen zum Reden zu bringen, waren es auch nicht immer Inter­views, sondern teil­weise lockere Grup­pen­ge­spräche und Unter­hal­tungen, die dann aufge­zeichnet wurden.

Der Frei­wil­li­gen­dienst kommt in dem Film nicht immer gut weg. In einem Inter­view hast du mal gesagt, der Film solle keine Rich­tung vorgeben und Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum lassen. Wie reagierst du, wenn Frei­wil­lige durch den Film von einem Frei­wil­li­gen­dienst abge­schreckt sind und Projekte dadurch brach­liegen?

Der Film soll nicht unbe­dingt diese Wirkung entfalten, aber wenn es so rüber­kommt, ist das auch okay. Es ist keine Schande, keinen Frei­wil­li­gen­dienst im Ausland zu machen. Ich möchte aber vermit­teln, dass, wenn man schon einen Frei­wil­li­gen­dienst absol­viert, diesen mit einer großen Wert­schät­zung, Dank­bar­keit und Neugierde annimmt und sich auf Wider­sprüche einlässt.

Was meinst du damit?

Begeg­nungen sind komplex, gerade wenn sich Leute mit ganz unter­schied­li­chen Möglich­keiten begegnen. Als Frei­wil­liger kannst du dir nicht nur ganz andere Dinge leisten als viele Menschen vor Ort. Die Erwar­tungen an den Frei­wil­li­gen­dienst sind in der Regel auch voll­kommen andere. Frei­wil­lige wünschen sich, ihre Fremd­spra­chen­kennt­nisse zu verbes­sern, neue Kulturen kennen­zu­lernen und an Lebens­er­fah­rung zu gewinnen. Einige der Projekt­partner hingegen haben Frei­wil­lige, weil sie den Status der Orga­ni­sa­tion erhöhen wollen oder weil sie sich Spen­den­be­reit­schaft über den Frei­wil­li­gen­dienst hinaus erhoffen. Diese unter­schied­li­chen Erwar­tungen mitein­ander in Einklang zu bringen, ist eine große Heraus­for­de­rung.

Warum bewegt dich das Thema so sehr?

Vermut­lich, weil mich die Begeg­nungen in meinem eigenen Frei­wil­li­gen­dienst sehr, sehr stark geprägt hat. Ich bin ein großer Befür­worter von Neugierde und Perspek­tiv­wechsel. Das gilt auch für das eigene Land. Das versuche ich auch in diesem Film umzu­setzen. Wenn er Augen öffnet und zeigt, dass es noch andere Perspek­tiven auf Begeg­nungen gibt als die eigene, dann bin ich zufrieden.

Wie geht es bei dir weiter?

Ferdi­nand und ich wollen demnächst einen Film über Migra­tion drehen. Wir wollen in Gambia mit Leuten darüber reden, was sie von Europa halten und was sie über die Migra­tion nach Europa denken. Uns inter­es­sieren Menschen, die eine persön­liche Geschichte haben, weil ein Fami­li­en­mit­glied nach Europa gegangen ist oder weil sie Ange­hö­rige auf der Reise dorthin verloren haben. Uns inter­es­sieren auch Menschen, die zurück­bleiben, die abge­schoben wurden und wieder zurück in Gambia sind. Das sind emotio­nale und teil­weise ganz andere Geschichten als hier in den Asyl-und Migra­ti­ons­de­batten. Wir möchten die andere Seite beleuchten, schauen, was dahinter steckt und Flücht­lingen – egal ob nun poli­tisch Verfolgter oder soge­nannter Wirt­schafts­flücht­ling – ein Gesicht geben.


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