Wir wählen Zukunft.

Datum
19. Mai 2022
Autor*in
Nele D
Themen
#Neueste #Update
Ein Appell an die Politik von morgen

Gene­ra­tion Z – Ihr. Ich. Wir alle. Eine Gene­ra­tion geprägt von Krise, Unsi­cher­heit und Vernach­läs­si­gung zukunfts­po­li­ti­scher Inter­essen im 21. Jahr­hun­dert. Was bewegt uns? Wie wirken sich Krieg, Klima­wandel und Pandemie auf unsere mentale Verfas­sung aus? Was muss die Politik von morgen leisten, um uns als junge Wähler*innen anzu­spre­chen? Uns zu leiten. Und vor allem: unsere Zukunfts­ängste zu mindern.

Der Pädagoge und Sozio­loge Prof. Dr. Klaus Hurrel­mann setzt sich zusammen mit dem Jugend­for­scher Simon Schnetzer in der in Koope­ra­tion vorge­nom­menen Trend­studie des Winters 21/22 genau mit diesen Frage­stel­lungen ausein­ander. Auch die Ergeb­nisse der Studie aus dem Früh­jahr 2022 spie­geln in etwa diese Resul­tate wieder. Für den vorlie­genden Artikel beziehen wir uns aller­dings auf die Vorgän­ger­studie des Winters.

In einem Inter­view mit Prof. Hurrel­mann wollen wir wissen, wie die verzeich­neten Resul­tate mit der NRW-Wahl im Mai 2022 zusam­men­zu­bringen sind und sie dafür in Hinblick auf seine Theorie genauer auswerten.

Die Jugend­phase stellt für Hurrel­mann eine signi­fi­kant bedeut­same Entwick­lungs­phase des Menschen dar. Dem Indi­vi­duum komme die Aufgabe zu, sich im sozial-gesell­schaft­li­chen Mitein­ander zurecht­zu­finden (Inte­gra­tion), gleich­zeitig Indi­vi­dua­lität zu erlangen (Indi­vi­dua­tion) und so eine konstante Ich-Iden­tität auszu­bilden. Hierbei kämen indi­vi­du­elle Bewäl­ti­gungs­ka­pa­zi­täten (perso­nale Ressourcen / bspw. Veran­la­gungen, Charak­te­ris­tika), sowie gesell­schaft­liche Unter­stüt­zung (soziale Ressourcen/​bspw. die engsten Bezugs­per­sonen) zu tragen, die essen­tiell seien, um die gege­benen Anfor­de­rungen zu erfüllen und die von Hurrel­mann konsti­tu­ierten Entwick­lungs­auf­gaben des Jugend­al­ters“ zu bewäl­tigen. Die Entwick­lungs­auf­gaben seien zum einen das Quali­fi­zieren des Indi­vi­duums (der Erwerb schulischer/​berufsvorbereitender Bildung), gleich­weit das Binden (die Entwick­lung einer part­ner­schaft­li­chen Bindung), sowie das Konsu­mieren (Fähig­keit zu kompe­tentem Umgang mit dem Waren‑, Frei­zeit- und Medi­en­an­gebot) und das Parti­zi­pieren (das Entwi­ckeln eines trag­fä­higen Wert- und Norm­sys­tems und eines Daseins als poli­tisch aktive(r) Bürger*in).

Was nun in Hinblick auf die Studie schnell deut­lich wird: Pandemie prägt.

40% der jugend­li­chen Teilnehmer*innen (n=1014 / Alter: 14 – 29 Jahre) verzeichnen bei sich selbst in Hinblick auf die Corona Pandemie eine Verschlech­te­rung des mentalen Gesund­heits­zu­standes, wobei 36.8% das Gefühl eines Kontroll­ver­lusts erleiden. Schu­li­sche und beruf­liche Perspek­tiven verschlech­tern sich für 19.5% und der soziale Zusam­men­halt nimmt für etwa 1/3 der Teilnehmer*innen ab. Über­tragen lassen sich diese Daten im weiteren Sinne aller­dings eben­falls auf andere Krisen­res­sorts, denn auch der aktu­elle Krieg in der Ukraine und der Klima­wandel gelten in beson­derem Maße als Quellen der Verun­si­che­rung.

Beacht­lich ist hierbei der Zusam­men­hang zwischen diesen Daten und den Ausfüh­rungen Hurrel­manns. Entwick­lung ist der/​dem Jugend­li­chen in Krisen­zeiten anschei­nend schwer­wie­gend verwehrt.

Wie sollen wir lernen, uns zu binden, wenn wir dazu gezwungen sind uns sozial zu isolieren? Wie sollen wir lernen, nach­haltig und vernünftig zu konsu­mieren, wenn wir in über­trie­benem Maße mit medialen Einflüssen konfron­tiert werden? Wie soll ich meinen Schul­ab­schluss ambi­tio­niert verfolgen, wenn ich zuhause viel­leicht nicht einmal ein eigenes Zimmer habe, in dem ich in Ruhe lernen kann, oder wenn ich exis­ten­ti­elle Ängste habe, die im schlimmsten Falle meinen Alltag bestimmen? Und wie kann ich poli­tisch parti­zi­pieren, wenn alle Entschei­dungen, die mich betreffen, über meinen Kopf hinweg getä­tigt werden?

An diesem Punkt scheint es wichtig, auf die unter­schied­li­chen Verar­bei­tungs­me­cha­nismen von solchen Desin­te­gra­ti­ons­po­ten­zialen“ aufmerksam zu machen. Nach Ausfüh­rungen Hurrel­manns, die auch in etwa mit den Annahmen des Gewalt­for­schers Wilhelm Heit­meyer über­ein­stimmen, treffen wir in Konfron­ta­tion mit Verun­si­che­rungs­po­ten­zialen auf drei verschie­dene, typi­sche Verar­bei­tungs­weisen. Wir entwi­ckeln entweder eine gewalt­be­reite, stimu­lie­rende (aktive), oder paralysierende/​nach Innen kehrende (lähmende/​Entwick­lung psychi­scher Störungen) Grund­hal­tung. Aktiv“ (auch im Sinne von konstruktiv) verar­beiten wir Reize zum Beispiel durch Sport oder Kunst. Wenn etwas destruktiv oder nach innen­keh­rend verar­beitet wird, dann verfallen wir beispiels­weise in Depres­sionen, entwi­ckeln Essstö­rungen, oder wenden uns einfach gene­rell vom sozialen Mitein­ander ab.

Ziel sollte es natür­lich sein, Verun­si­che­rungen konstruktiv und damit aktiv zu bewäl­tigen; nicht in eine gewalt­be­reite Haltung, oder Angst­starre zu verfallen. Nur wie kann das gehen? Was kann die Politik dahin­ge­hend leisten? Was erhoffen wir uns also von der Politik und der Gesell­schaft von morgen, wenn es darum geht, uns etwas zur Verun­si­che­rungs­be­wäl­ti­gung an die Hand zu geben?

Der Schlüssel laut Hurrel­mann: die Inte­gra­tion, also die Einglie­de­rung der/​des Jugend­li­chen in Entschei­dungen – nicht nur in poli­ti­scher Dimen­sion, sondern auf jegli­chen Ebenen des gesell­schaft­li­chen Mitein­an­ders. Ziel sei es, durch Selbst­wirk­sam­keits­er­fah­rungen die eigenen Hand­lungs­be­reiche und –möglich­keiten zu erwei­tern und so eine Angst­starre zu vermeiden.

Die fehlende Resi­li­enz­aus­bil­dung (Resi­lienz = psychi­sche Wider­stands­fä­hig­keit) des Indi­vi­duums, die aus der Verzeich­nung mangelnder sozialer Ressourcen resul­tiere (wie beispiels­weise mangelnde Unter­stüt­zung durch das Eltern­haus), gehe eben­falls mit einem vermin­derten Gefühl der Kohä­renz, also der Stetig­keit, oder der Gewiss­heit über die Kontrol­lier­bar­keit einer Situa­tion einher. Wir können nicht mehr absehen, was uns die Zukunft bringt. In diesem Kontext scheint es nur schlüssig, dass Jugend­liche ihre poli­ti­schen Inter­essen vor allem auf zukunfts­ba­sierte Themen und damit progres­si­vere, jüngere Parteien stützen, wie beispiels­weise die Grünen (20%), oder die FDP (15.9%) (vergl. Wahl­ten­denzen Studie).

Trotzdem fällt auf, dass prozen­tual mehr Frauen die Grünen und mehr Männer die FDP, sowie sonst allge­mein eher konser­va­tive Parteien wählen. Laut Hurrel­mann lasse sich dies durch die jeweils aufer­legten Geschlechts­rol­len­bilder erklären: Frauen, die eher zu (Hoch)sensibilität neigten, die schon in früher Kind­heit Inter­essen für verschie­dene Themen ausbil­deten und gesell­schaft­lich eine Viel­zahl an Rollen­an­for­de­rungen besäßen, wählten eher Parteien, die emotio­na­lere Themen wie den Klima­wandel adres­sierten, wie beispiels­weise die Grünen. Männer hingegen, wählten oft eher konser­va­tive, oder ratio­naler orien­tierte Parteien, die ihren Fokus auf wirt­schaft­liche Themen und Digi­ta­li­sie­rung legten, da sie eher einseitig orien­tierte Inter­es­sens­schwer­punkte und Rollen­bilder über­nahmen.

Jugend­liche, so Hurrel­mann, sind am Ende ihrer Ressourcen was die Bewäl­ti­gungs­mög­lich­keit erneuter Heraus­for­de­rungen angeht und damit am Ende ihrer Geduld. Allein die Tatsache des pande­mi­schen Zustandes der letzten zwei Jahre und die sich zuspit­zende Klima­krise führten bereits zu einer Schwä­chung unserer Resi­lienz und zu einer ausge­präg­teren Angst­hal­tung unserer Gene­ra­tion. Der Krieg verstärkt diese Situa­tion unge­mein – Krieg ist immer beängs­ti­gend, aber durch geschwächte Wider­stands­ka­pa­zi­täten wird ihm noch mehr Angst entge­gen­ge­bracht, als das sowieso schon der Fall gewesen wäre.

Was wir also in der Politik sehen möchten ist Progres­si­vität und Inno­va­tion. Wir brau­chen jetzt nichts mehr als eine Politik, die uns auffängt und Anreize verschafft uns an ihr zu betei­ligen. Politik, die nah am Volk ist kann nicht zur Exper­ten­sache“ erklärt werden, sondern sie muss uns allen zugäng­lich sein. Macht nicht nur Politik für das Land, sondern auch für die Leute. Wir – Gene­ra­tion Z sind die Zukunft dieses Landes, also verwehrt uns diese nicht, indem ihr uns ihre Gestal­tung vorent­haltet.

Denn: Die Jugend hat Heimweh nach der Zukunft“ (Jean Paul Sartre)

Quellen:

Studie Jugend in Deutsch­land“: https://simon-schnetzer.com/jugend-in-deutschland-trendstudie[1]winter-2021 – 22


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