Wenn Anti­bio­tika versagen – und warum wir darüber so wenig spre­chen

Datum
04. Juni 2026
Autor*in
Amélie Sarah Sophie Putz
Thema
#Wissenschaft

Eine Blasen­ent­zün­dung, eine Lungen­ent­zün­dung, eine infi­zierte Wunde. Ein Rezept, ein Anti­bio­tikum, ein paar Tage Geduld – dann ist alles wieder gut. So zumin­dest die Erwar­tung. Dass bakte­ri­elle Infek­tionen behan­delbar sind, gilt vielen als selbst­ver­ständ­lich. Noch.

Denn Anti­bio­tika verlieren an Wirkung – nicht plötz­lich, sondern schlei­chend. Schon jetzt sterben in der EU jähr­lich mehr als 35 000 Menschen an der Folge einer Infek­tion mit resis­tenten Bakte­rien, so das Euro­päi­sche Zentrum für die Präven­tion und die Kontrolle von Krank­heiten (ECDC). Und doch bleibt das Thema erstaun­lich leise. Wie ist das möglich?

Viel­leicht, weil Resis­tenz auf den ersten Blick nicht aussieht wie eine Krise. Es gibt keinen klaren Beginn, keinen Moment, der sich fest­halten lässt. Statt­dessen verschiebt sich die Grenze des Behan­del­baren langsam. Infek­tionen lassen sich schwerer behan­deln, Thera­pien dauern länger oder werden komplexer. 

Wie Resis­tenzen entstehen 

Die dafür verant­wort­liche Resis­tenz der Bakte­rien ist ein grund­le­gender biolo­gi­scher Prozess, bei dem sich ein Orga­nismus an seine Umwelt anpasst. So entstanden etwa multi­re­sis­tente Keime wie MRSA, die vor allem in Kran­ken­häu­sern zum Problem werden. Dort werden beson­ders viele Anti­bio­tika einge­setzt, gleich­zeitig treffen viele geschwächte Pati­en­tinnen und Pati­enten aufein­ander – ideale Bedin­gungen für resis­tente Bakte­rien.

Das Anti­bio­tikum, ein Härte­test für die Bakte­rien, bewirkt, dass nur die stärksten Bakte­rien über­leben. Diese weniger empfind­li­chen Bakte­rien vermehren sich weiter und können ihre Eigen­schaften weiter­geben. Einige verän­dern die Struk­turen, an denen Medi­ka­mente angreifen, andere schleusen Wirk­stoffe aus der Zelle oder machen sie unwirksam. So entstehen nach und nach Erreger, gegen die bestimmte Anti­bio­tika kaum noch wirken.

Allein die Natur für diese Misere verant­wort­lich zu machen, wäre jedoch voreilig. Auch der Mensch trägt einen erheb­li­chen Beitrag dazu bei, indem er den Prozess durch unnö­tiges und unge­zieltes Einset­zenvon Anti­bio­tika beschleu­nigt. Darin sind sich die inter­na­tio­nalen Gesund­heits­or­ga­ni­sa­tionen einig. Eine Umfrage der EU-Kommis­sion ergab, dass ein Teil der Bevöl­ke­rung Anti­bio­tika ohne Verschrei­bung nimmt und nicht alle wissen, dass Anti­bio­tika gegen Viren wirkungslos sind. 

Warum kaum neue Anti­bio­tika entstehen

Mit dem zuneh­menden Auftreten von Resis­tenzen entsteht ein weiteres Problem: Die Entwick­lung neuer Anti­bio­tika lohnt sich für Phar­ma­un­ter­nehmen häufig kaum noch. Medi­ka­mente mit begrenzter Wirk­dauer gelten für Phar­ma­un­ter­nehmen als unat­traktiv, da sich die hohen Inves­ti­tionen oft nicht auszahlen. Die Entwick­lung neuer Wirk­stoffe erfor­dert viel Zeit und erheb­liche finan­zi­elle Mittel. Bleibt der wirt­schaft­liche Anreiz aus, wird die Forschung gebremst. Ein Umstand, der die wach­sende Proble­matik unwirk­samer Anti­bio­tika weiter verschärft. 

Erste Verän­de­rungen sind erkennbar. In Deutsch­land sind die Anti­bio­ti­ka­ver­schrei­bungen in den letzten Jahren deut­lich zurück­ge­gangen – um rund ein Viertel seit 2010. Entwar­nung kann jedoch nicht gegeben werden, denn der Blick auf Europa zeigt ein anderes Bild: Der Anti­bio­ti­ka­ein­satz bleibt insge­samt hoch und ist nicht immer auf Fälle beschränkt, in denen Anti­bio­tika tatsäch­lich notwendig oder über­haupt wirksam sind. Das ist auch deshalb rele­vant, weil resis­tente Erreger sich nicht an Länder­grenzen halten, denn sie verbreiten sich über Reisen, Lebens­mittel und globale Liefer­ketten.

Was jetzt passierten muss

Ein verant­wor­tungs­voller Umgang mit Anti­bio­tika welt­weit ist daher entschei­dend, um die Wirk­sam­keit bestehender Medi­ka­mente möglichst lange zu erhalten und die Entwick­lung neuer Wirk­stoffe über­haupt noch attraktiv zu machen. Gerade weil diese Entwick­lung schlei­chend verläuft, wird sie oft weniger als akute Krise wahr­ge­nommen.

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