Wehr­pflicht an der Tages­ord­nung

Datum
03. September 2016
Autor*in
Marie Menke
Thema
#Israel im Fokus 2016
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Foto: Maj. Arye Sharuz Shalicar

Seit 2011 gibt es sie in Deutsch­land nicht mehr, in Israel steht sie auf der Tages­ord­nung: die Wehr­pflicht. Nach ihrem Schul­ab­schluss dienen junge Frauen 21 Monate in der israe­li­schen Armee, bei jungen Männern sind es drei Jahre. Für junge Deut­sche, die nach 2011 ihren Schul­ab­schluss gemacht haben, ist das kaum noch vorstellbar – für junge Israelis ist der Wehr­dienst dagegen Bürger­pflicht und wich­tiger Karrie­re­schritt zugleich.

Die israe­li­sche Staats­bür­ger­schaft ist an die Wehr­pflicht geknüpft. Nur israe­li­sche Araber und Ortho­doxe sind von ihr befreit, ihnen ist ein frei­wil­liger Dienst möglich. Frauen können von der Wehr­pflicht befreit werden, beispiels­weise wenn sie schwanger oder verhei­ratet sind, bei Männern ist dies jedoch ein lang­wie­riger und kompli­zierter Prozess. Wer den Wehr­dienst verwei­gert, wird oftmals von der Gesell­schaft geächtet. Viele erhalten schon während ihres Wehr­dienstes eine Ausbil­dung, die zu den ange­se­hensten Ausbil­dungen des Landes zählt und hoch aner­kannt ist. Auch weil in Israel verschie­dene Ethnien mitein­ander leben, ist es für das Land wichtig, die jungen Gene­ra­tionen mitein­ander zu vereinen. Der Wehr­dienst soll damit auch eine Erzie­hung darstellen, die jedem jungen Staats­bürger zuteil wird. Ebenso soll er dabei helfen, Einwan­derer sowohl auf sprach­li­cher als auch auf gesell­schaft­li­cher Ebene besser inte­grieren zu können.

Was macht die israe­li­sche Armee beson­ders?

Das Beson­dere an der israe­li­schen Armee ist jedoch, dass man nicht zwin­gend israe­li­scher Staats­bürger sein muss, um einen Wehr­dienst dort zu leisten. Auch Nicht­is­raelis haben die Möglich­keit, der israe­li­schen Armee zu dienen: Das Sar-El-Programm beispiels­weise ermög­licht sowohl jüdi­schen als auch nicht­jü­di­schen Menschen einen – wenn auch nur kurzen – Dienst ohne Waffe. Auch die soge­nannten Machal-Einheiten der Streit­kräfte können von Nicht­is­raelis zwischen 18 und 23 Jahre für 14,5 Monate unter­stützt werden, solange die Frei­wil­ligen jüdisch sind.

Jene Beson­der­heit der Armee kennt auch Arye Sharuz Shalicar: Er ist in Berlin aufge­wachsen und studierte dort an der Freien Univer­sität sowohl Poli­tik­wis­sen­schaften als auch Jüdi­sche Studien und den Islam. Heute ist er als Pres­se­of­fi­zier der israe­li­schen Streit­kräfte für den Bereich Europa zuständig. Ich habe sowohl in Deutsch­land einen Wehr­dienst geleistet als auch in Israel“, berichtet Arye Sharuz Shalicar von seinen eigenen Erfah­rungen. Nach dem Schul­ab­schluss leis­tete er den Grund­wehr­dienst als Sani­täter in Deutsch­land, später ging er dann nach Israel, um auch dem Land seiner jüdi­schen Glau­bens­brüder und ‑schwes­tern zu dienen.

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Foto: Maj. Arye Sharuz Shalicar

Das Bild, dass die Wehr­pflicht auto­ma­tisch einen Dienst an der Waffe bedeutet, sei grund­le­gend falsch, erklärt er. Zwischen der deut­schen und der israe­li­schen Armee gibt es zahl­reiche Unter­schiede, aber wie alle anderen Armeen der Welt verbindet sie ebenso eine Gemein­sam­keit: Nicht jeder dient nur an der Waffe.“ In der israe­li­schen Armee gäbe es statt­dessen zahl­reiche Jobs, die im Zentrum der Armee stehen und keinen Dienst an der Waffe darstellen. Aufgrund der langen Dauer kommt der Wehr­dienst beinahe einer Ausbil­dung oder einem Studium gleich: Wer in seinem Wehr­dienst beispiels­weise als Inge­nieur arbeitet, verlässt die Armee mit einer drei­jäh­rigen Ausbil­dung als Inge­nieur, sodass der Wehr­dienst die Karriere entschei­dend beein­flussen kann.“

Eine Platt­form für Begeg­nungen“

Neben der Ausbil­dung der Jugend­li­chen hat die Armee in Israel noch eine weitere beson­dere Bedeu­tung, sagt Shalicar: Die Inte­gra­tion. Der Haupt­grund für die Armee ist zwar nicht die Möglich­keit, eine Platt­form für 18-Jährige zu schaffen, die gemeinsam in Israel leben, aber aus unter­schied­li­chen Regionen, Ethnien und sozialen Schichten stammen, die arabisch oder hebrä­isch spre­chen, die säkular oder reli­giös sind – ein wich­tiger Grund ist es aber dennoch, eine solche Platt­form für Begeg­nungen zu schaffen“, erklärt der Offi­zier.

Knapp 20 Prozent der israe­li­schen Bevöl­ke­rung ist arabisch und damit nicht zum Wehr­dienst verpflichtet, kann ihn aber frei­willig leisten. Dasselbe gilt für die etwas klei­nere Gruppe der Ortho­doxen. Dazu kommen neben Israelis, deren Vorfahren bereits seit mehreren Gene­ra­tionen in Israel wohnen, zahl­reiche junge Menschen, deren Fami­lien zuge­zogen sind. Jede junge Gene­ra­tion Israels setzt sich damit aus sehr unter­schied­li­chen Menschen zusammen, deren Wege sich im Wehr­dienst kreuzen.

Mit Iden­tität und der Iden­ti­fi­ka­tion mit dem Herkunfts­land hat das für Arye Sharuz Shalicar zuerst einmal nichts zu tun. Dennoch wird dir bewusst, dass du deinen Teil zur Sicher­heit im Land beitragen musst“, beschreibt er. Wenn du beispiels­weise am Iron Dome statio­niert bist und eine Rakete abwehrst, die sonst even­tuell auf dem Dach des Hauses deiner eigenen Eltern hätte landen können, fühlst du dich augen­blick­lich direkt zuständig für die Sicher­heit Israels.“ Aufgrund der Insta­bi­lität und der von Krieg geprägten Gebiete rund um Israel sei es dabei beson­ders wichtig, dass das Land sich selbst vertei­digen könne.

Europa steht vor einer neuen Realität.“

Während seiner Bundes­wehr­zeit in Deutsch­land hätten viele seiner Kame­raden nicht verstanden, warum sie dort über­haupt waren. Sie hätten den Wehr­dienst als etwas gesehen, das es abzu­haken galt , das damals keine große Rolle spielte. Das könnte sich ändern, meint Shalicar: Nicht nur durch die Flücht­lings­ströme, sondern auch durch den Terror steht Europa vor einer neuen Realität: Grenzen sind nicht mehr das, was sie einmal waren“, erklärt er. In so einer Situa­tion müssen führende Poli­tiker und Sicher­heits­in­sti­tu­tionen umdenken und sich anpassen.“ Ob dabei ein so drama­ti­scher Schritt wie das Wieder­ein­setzen der Wehr­pflicht gefor­dert ist, wolle er nicht beur­teilen. Trotzdem: Ich sehe, dass auch in Deutsch­land inzwi­schen Menschen mit verschie­denen Herkunfts­län­dern, Reli­gionen, Vorge­schichten etc. aufein­ander stoßen, sodass man schon sagen kann, dass Deutsch­lands Lage sich an Israels annä­hert“, sagt der Offi­zier. Deutsch­land müsse sich mit der neuen Realität ausein­ander setzen.

Was sagt ein Israeli über seine Zeit bei der Armee?

Den Wehr­dienst in Israel leis­tete auch Dor Glick: Er wurde 1985 geboren, wuchs in Israel auf und lebt heute in Berlin. Im Inter­view erzählt er davon, wie er als Kind zum Deutsch­un­ter­richt ins Goethe-Institut ging. Später studierte er Jüdi­sche Studien, Deut­sche Lite­ratur sowie Inter­na­tio­nale Geschichte und Bezie­hungen. Er ist Europa-Korre­spon­dent für den israe­li­schen Fern­seh­sender Channel 10 und war davor bereits Parla­men­ta­ri­scher Assis­tent von Volker Beck, Projekt­ma­nager am Goethe-Institut und Auslands­kor­re­spon­dent für Ynet.

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Dor Glick (Mitte) im Gespräch.

Für ihn ist die Wehr­pflicht ein Teil davon, Israeli zu sein“, er selbst leis­tete einen drei­jäh­rigen Wehr­dienst. Israel befindet sich in einer beson­deren Situa­tion, das Land hat viele Feinde und nur 8 Millionen Bürger, während die Feinde viel größere Zahlen haben. Deshalb muss jeder dienen“, sagt er. Auf die Frage, ob das seine Iden­ti­fi­ka­tion mit seinem Herkunfts­land verstärkt hat, verneint er jedoch. Das hat nichts mit Iden­tität zu tun. Wenn du in Israel aufwächst, gibst du nach deinem Schul­ab­schluss in Form des Wehr­dienstes der Gesell­schaft etwas zurück. Auch für die folgende Karriere kann der vorher­ge­hende Wehr­dienst ausschlag­ge­bend sein und das Militär über­nimmt dabei eine wich­tige Rolle.“

Gleich­zeitig bin ich absolut für eine gesunde Zivil­ge­sell­schaft in Israel“, erklärt er weiter. Eine Mili­tär­ge­sell­schaft will und mag ich nicht. Das ist für mich kein Paradox: Armee­dienst für alle soll nur dafür genutzt werden, den Schutz des Staates gegen die Feinde zu sichern. Die anderen Kräfte unserer Gesell­schaft müssen in Rich­tung Bildung, Gesund­heit usw. gehen – nicht in Rich­tung mehr Mili­ta­rismus.“

Wann und warum führen Staaten die Wehr­pflicht ein?

Israel ist jedoch bei weitem nicht das einzige Land, in dem es eine Wehr­pflicht gibt: Einige Staaten führen die Wehr­pflicht heut­zu­tage wieder ein, wenn sie sich bedroht sehen: so beispiels­weise Litauen. 2008 wurde die Wehr­pflicht dort abge­setzt, 2015 wurde bekannt gegeben, dass man sie als Reak­tion auf die Ukraine-Krise vorerst wieder einführen würde. Auch Kanada führte jeweils während des Ersten und während des Zweiten Welt­kriegs die Wehr­pflicht ein, wobei es jeweils zu innen­po­li­ti­schen Krisen, soge­nannten Wehr­pflicht­krisen, kam.

Wie sehen andere Länder den Wehr­dienst?

Ein Beispiel ist unser Nach­bar­land Öster­reich. Einge­zogen werden können dabei alle männ­li­chen Staats­bürger unter 35 Jahre, wobei die zu leis­tende Dauer aktuell sechs Monate beträgt. Auch in der Schweiz gilt die Wehr­pflicht noch, auch wenn dagegen protes­tiert wird. Die Gruppe Schweiz ohne Armee“ (GSoA) begann 2012 eine Volks­in­itia­tive unter dem Titel Ja zur Aufhe­bung der Wehr­pflicht“, die durch 73,2% der Abstim­menden unter­stützt wurde.

In China beträgt die Wehr­pflicht ganze zwei Jahre – wie in Israel für Frauen. Studenten können davon befreit werden, müssen jedoch auch an einem Grund­kurs teil­nehmen, der über mehrere Wochen geht und auf dem Campus ihrer Univer­sität orga­ni­siert wird. Frauen werden nur einge­zogen, wenn es nötig ist. Erst 2016 wurden hingegen in Norwegen die ersten Frauen einge­zogen. Dass nun auch Staats­bür­ge­rinnen der Wehr­pflicht unter­liegen, soll dabei keines­falls die Gesamt­zahl der Wehr­pflich­tigen erhöhen, sondern einzig und allein den Frau­en­an­teil in der Armee stei­gern.

In Südafrika wurde die Wehr­pflicht schon 1994 abge­schafft. Zur Zeit der Apart­heid galt sie nur für weiße Staats­bürger ab 16 Jahre. Sie mussten mehrere Jahre dienen, wobei sie immer wieder einbe­rufen werden konnten und längere Abstände zwischen ihren Einsätzen lagen. Während ihres Dienstes konnten die Südafri­kaner auch bei der Polizei einge­setzt werden, lange Zeit setzte sich ein Groß­teil der südafri­ka­ni­schen Polizei sogar aus Wehr­dienst­leis­tenden zusammen. Heute wird vermutet, dass in den 80ern allein 50 000 Staats­bürger, die der Wehr­pflicht unter­lagen, das Land verließen, um dieser zu entgehen.

Im inter­na­tio­nalen Vergleich ist Deutsch­land mit der Abschaf­fung der Wehr­pflicht also eher die Ausnahme. Die Israelis mit ihrer drei­jäh­rigen Wehr­pflicht befinden sich dagegen in bester Gesell­schaft, auch wenn ihr Wehr­dienst aufgrund ihrer beson­deren Situa­tion vergleichs­weise lang ist.


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