Was passiert, wenn eine Gene­ra­tion die Politik aufgibt?

Datum
15. Juli 2026
Autor*in
Wanda Böhringer
Thema
#Politk
Die Brücke Stari Most in Mostar wurde nach ihrer Zerstörung im Bosnienkrieg wieder aufgebaut und gilt heute als Symbol der Versöhnung.

Die Brücke Stari Most in Mostar wurde nach ihrer Zerstörung im Bosnienkrieg wieder aufgebaut und gilt heute als Symbol der Versöhnung.

Wanda Böhringer

Emas Geschichte erzählt von einer jungen Gene­ra­tion in einem gespal­tenen Land. Doch ihre Erfah­rungen werfen Fragen auf, die weit über die Landes­grenzen von Bosnien Herze­go­wina hinaus­gehen.

Als Ema einen Buch­club gründen wollte, ging es ihr nicht um Politik. Es ging um Lite­ratur, Gespräche und darum, junge Menschen mit glei­chen Inter­essen, unab­hängig von Reli­gion und kultu­reller Iden­tität, zusam­men­zu­bringen. In einem Land, in dem Bosniaken, Kroaten und Serben immer noch häufig in getrennten gesell­schaft­li­chen Welten leben, schien das eine einfache Idee zu sein. Doch je konkreter das Projekt wurde, desto häufiger hörte sie, warum es nicht funk­tio­nieren könne.

Einige reagierten skep­tisch. Andere reagierten mit Hass. Manche fragten, warum sie sich das über­haupt antue. So wurde sie zuneh­mend sozial ausge­grenzt.

I wanted to make a joint club between both sides. I was insulted and atta­cked by the head­master who said, We cannot work with them‘“, berich­tete mir Ema.

Als ich Ema während meiner Studi­en­reise durch Bosnien-Herze­go­wina traf, verstand ich schnell, dass ihre Geschichte nicht nur von einem Buch­club erzählt. Sie erzählt von einem Land, in dem viele junge Menschen das Vertrauen verloren haben, dass Enga­ge­ment etwas verän­dern kann. Diese Begeg­nung führte mich zu einer Frage, die weit über Bosnien und Herze­go­wina hinaus­geht. Was passiert mit einer Demo­kratie, wenn dieje­nigen, die etwas verän­dern wollen, immer wieder gegen Mauern laufen?

In Mostar prägen politische Spannungen und fehlende Zukunftsperspektiven den Alltag vieler junger Menschen.

In Mostar prägen politische Spannungen und fehlende Zukunftsperspektiven den Alltag vieler junger Menschen.

Wanda Böhringer

Vier Wochen reiste ich, geför­dert von der zis-Stif­tung für Studi­en­reisen, durch das Land Bosnien und Herze­go­wina. Die größten poli­ti­schen Erkennt­nisse meiner Reise begannen nicht im Parla­ment von Sara­jevo. Nicht in einer Partei­zen­trale. Sondern während der Gespräche mit jungen Menschen, die ich unun­ter­bro­chen auf meiner Reise führte. 

Nicht ihre Wut auf die Politik fiel mir auf, sondern ihre Gleich­gül­tig­keit. Viele Jugend­liche erklärten mir, dass sie nichts mit Politik zu tun haben möchten. Nahezu niemand, den ich getroffen habe, geht wählen und allge­mein habe ich schnell den Eindruck gewonnen, dass kein Vertrauen in die Politik besteht.

I comple­tely under­stand my gene­ra­tion. It’s normal to be passive when you’ve seen the same 30 people ruling all your life.“

Der Satz über­raschte mich. Gesagt hat ihn nicht jemand, der sich resi­gniert von der Gesell­schaft abge­wandt hat, sondern Ema. Eine junge Frau, die sich seit Jahren enga­giert. Sie kennt die Frus­tra­tion ihrer Gene­ra­tion aus eigener Erfah­rung und stößt mit ihren Versu­chen, sich in poli­tisch Entschei­dungen ihres Heimat­landes einzu­bringen, immer wieder an Grenzen. Genau wie viele andere junge Menschen in Bosnien und Herze­go­wina denkt auch sie daran, das Land zu verlassen, weil sie dort keine Zukunft für sich sieht. 

Das kompli­zierte System Bosnien Herze­go­winas 

Auch in Deutsch­land wird häufig über Poli­tik­ver­dros­sen­heit gespro­chen, doch um das struk­tu­relle Abwenden von der Politik einer ganzen Gene­ra­tion zu verstehen, muss man sich die einzig­ar­tigen gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Struk­turen des Landes anschauen. 

Noch vor etwas mehr als 30 Jahren führten die unter­schied­li­chen Volks­gruppen von Bosnien und Herze­go­wina Krieg gegen­ein­ander. Während des Frie­dens­pro­zesses wurde zwar ein komplexes, demo­kra­ti­sches System erschaffen. In der Realität herrscht aller­dings viel Korrup­tion und demo­kra­ti­sche Grund­rechte, wie beispiels­weise freier Jour­na­lismus oder unab­hän­gige Bildung werden stark einge­schränkt. Darüber hinaus besteht bis heute eine große Abhän­gig­keit zu anderen Ländern und Europa nimmt großen Einfluss auf das Geschehen in Bosnien und Herze­go­wina. Das wird beispiels­weise durch das Amt des hohen Reprä­sen­tanten deut­lich. Er soll den Frie­dens­pro­zess und die Demo­kra­ti­sie­rung in Bosnien und Herze­go­wina über­wa­chen und stößt dort auf viel Unzu­frie­den­heit. 

Während eines Street-Art-Festivals in Mostar verwandelte Ema Pecenkovic, gemeinsam mit weiteren Freiwilligen, ein ehemaliges Schwimmbad in einen öffentlichen Kulturort. Es ist ein Beispiel dafür, wie junge Menschen trotz politischer Frustration Räume für

Während eines Street-Art-Festivals in Mostar verwandelte Ema Pecenkovic, gemeinsam mit weiteren Freiwilligen, ein ehemaliges Schwimmbad in einen öffentlichen Kulturort. Es ist ein Beispiel dafür, wie junge Menschen trotz politischer Frustration Räume für

Wanda Böhringer

Why do I need someone like a German coun­selor to live in Sara­jevo to main­tain peace? We are the same people. We should do it ourselves.“, erklärt Ema.

Über alledem steht die struk­tu­relle gesell­schaft­liche Tren­nung, welche in der Verfas­sung Bosnien und Herzegowina‚s veran­kert ist. Menschen unter­schied­li­cher Volks­gruppen gehen auf verschie­dene Schulen, leben in verschie­denen Teilen des Landes und häufig sind selbst öffent­liche Orte wie Spiel­plätze mono­eth­nisch orga­ni­siert. 

Während der Gespräche mit jungen Menschen gewann ich den Eindruck, dass sie erkennen, dass sie in einem System leben, in dem ihnen niemand zuhört, weil mäch­tige Menschen immer weiter an der Macht bleiben und das System durch Korrup­tion und nicht durch gesell­schaft­li­chen Willen beein­flusst wird. Dadurch entsteht ein Gefühl von Ohnmacht und der Perspek­tive, eines Systems im Still­stand, das nicht geän­dert werden kann. 

Wie Hoff­nung zu Resi­gna­tion wird

Nachdem ich einen Monat in Bosnien und Herze­go­wina verbracht habe, musste ich meinen Eindruck von einer Jugend, die mit Gleich­gül­tig­keit auf die Politik schaut, revi­dieren. Viele junge Menschen inter­es­sieren sich für gesell­schaft­liche Fragen und enga­gieren sich im Kleinen. Durch das fest­ge­fah­rene und korrupte System machen viele junge Menschen jedoch die Erfah­rung, dass ihr Einsatz kaum etwas zu verän­dern scheint. Poli­tik­ver­dros­sen­heit ist keine ange­bo­rene Eigen­schaft, sondern abhängig von den Struk­turen in denen man lebt. Die Erfah­rungen der jungen Menschen dort zeigen, wie fragil demo­kra­ti­sche Teil­habe sein kann und wie schnell der Wille nach Verän­de­rung von Resi­gna­tion verdrängt wird. 

Ema hat es trotz der Wider­stände geschafft, ihren Buch­club zu gründet und orga­ni­siert seit Jahren regel­mä­ßige Treffen und Veran­stal­tungen. Wer ihre Geschichte hört, versteht aller­dings gut, warum sich viele andere Jugend­liche von den Hinder­nissen abhalten lassen und auf dem Weg resi­gnieren. Ema enga­giert sich weiter, doch wie viele Emas auf dem Weg aufge­geben haben, ist unge­wiss. Das Problem ist nicht eine unpo­li­ti­sche Jugend, sondern ein poli­ti­sches System, das den Glauben an Verän­de­rung immer wieder erdrückt. 

Ema Pecenkovic (rechts) und Wanda Böhringer (links) bei ihrem ersten Gespräch in Mostar über das politische System und die Lebensrealität in Bosnien Herzegowina.

Ema Pecenkovic (rechts) und Wanda Böhringer (links) bei ihrem ersten Gespräch in Mostar über das politische System und die Lebensrealität in Bosnien Herzegowina.

Wanda Böhringer

Bosnien und Herze­go­wina ist in vieler Hinsicht ein Sonder­fall. Doch die Gespräche, die ich dort führte, erin­nerten mich an Debatten, die auch in Deutsch­land geführt werden: Warum enga­gieren sich junge Menschen nicht? Warum vertrauen viele der Politik nicht mehr? Und wie viel Demo­kratie bleibt übrig, wenn niemand mehr an ihre Wirk­sam­keit glaubt?

Doch die Frage die bleibt ist nicht, warum sich junge Menschen von der Politik abwenden, sondern, was Politik und Gesell­schaft tun können, damit sie wieder einen Grund haben, sich einzu­mi­schen. 

Meiner Einschät­zung nach reicht es nicht junge Menschen zu mehr Enga­ge­ment aufzu­for­dern, wenn gleich­zeitig an korrupten Struk­turen fest­ge­halten wird, welche die Bedin­gungen für Verän­de­rung durch Enga­ge­ment verhin­dert. Betei­li­gung muss also mehr sein als ein symbo­li­sches Angebot. Poli­ti­sches Enga­ge­ment wird nur dann attraktiv, wenn Menschen darauf vertrauen können, dass Bemü­hungen und demo­kra­ti­sche Entschei­dungen mehr zählen als Partei­buch oder persön­liche Bezie­hungen. Deswegen ist es beson­ders wichtig bereits jungen Menschen Zugang zu Räumen zu verschaffen, in denen sie echte Mitbe­stim­mung erfahren, ob in Schulen, Jugend­par­la­menten oder Orga­ni­sa­tionen. Obwohl ein System­wechsel hin zu mehr demo­kra­ti­schen Struk­turen und weniger Macht­kon­zen­tra­tion, lang­wierig ist, scheint es mir unbe­dingt notwendig um jungen Menschen zu zeigen, dass ihr Enga­ge­ment Wirkung zeigen kann. 

Du kannst mitmachen!

Bei politikorange arbeitest du ganz im Zeichen der Pressefreiheit. Unter Anleitung erfahrener Jungjournalist*innen erstellst du Blogbeiträge oder ein Magazin im Redaktionsteam. Du recherchierst, führst Interviews und Hintergrundgespräche, machst dir dein eigenes Bild, findest die richtigen Worte und erhältst Support aus dem politikorange-Team bei jedem Schritt. Außerdem kannst du dich auch im Fotojournalismus, mit bewegten Bildern oder anderen crossmedialen Inhalten ausprobieren.

32869514097 5729e8895e o 1 2