Emas Geschichte erzählt von einer jungen Generation in einem gespaltenen Land. Doch ihre Erfahrungen werfen Fragen auf, die weit über die Landesgrenzen von Bosnien Herzegowina hinausgehen.
Als Ema einen Buchclub gründen wollte, ging es ihr nicht um Politik. Es ging um Literatur, Gespräche und darum, junge Menschen mit gleichen Interessen, unabhängig von Religion und kultureller Identität, zusammenzubringen. In einem Land, in dem Bosniaken, Kroaten und Serben immer noch häufig in getrennten gesellschaftlichen Welten leben, schien das eine einfache Idee zu sein. Doch je konkreter das Projekt wurde, desto häufiger hörte sie, warum es nicht funktionieren könne.
Einige reagierten skeptisch. Andere reagierten mit Hass. Manche fragten, warum sie sich das überhaupt antue. So wurde sie zunehmend sozial ausgegrenzt.
„I wanted to make a joint club between both sides. I was insulted and attacked by the headmaster who said, ‘We cannot work with them‘“, berichtete mir Ema.
Als ich Ema während meiner Studienreise durch Bosnien-Herzegowina traf, verstand ich schnell, dass ihre Geschichte nicht nur von einem Buchclub erzählt. Sie erzählt von einem Land, in dem viele junge Menschen das Vertrauen verloren haben, dass Engagement etwas verändern kann. Diese Begegnung führte mich zu einer Frage, die weit über Bosnien und Herzegowina hinausgeht. Was passiert mit einer Demokratie, wenn diejenigen, die etwas verändern wollen, immer wieder gegen Mauern laufen?
In Mostar prägen politische Spannungen und fehlende Zukunftsperspektiven den Alltag vieler junger Menschen.
Wanda Böhringer
Vier Wochen reiste ich, gefördert von der zis-Stiftung für Studienreisen, durch das Land Bosnien und Herzegowina. Die größten politischen Erkenntnisse meiner Reise begannen nicht im Parlament von Sarajevo. Nicht in einer Parteizentrale. Sondern während der Gespräche mit jungen Menschen, die ich ununterbrochen auf meiner Reise führte.
Nicht ihre Wut auf die Politik fiel mir auf, sondern ihre Gleichgültigkeit. Viele Jugendliche erklärten mir, dass sie nichts mit Politik zu tun haben möchten. Nahezu niemand, den ich getroffen habe, geht wählen und allgemein habe ich schnell den Eindruck gewonnen, dass kein Vertrauen in die Politik besteht.
„I completely understand my generation. It’s normal to be passive when you’ve seen the same 30 people ruling all your life.“
Der Satz überraschte mich. Gesagt hat ihn nicht jemand, der sich resigniert von der Gesellschaft abgewandt hat, sondern Ema. Eine junge Frau, die sich seit Jahren engagiert. Sie kennt die Frustration ihrer Generation aus eigener Erfahrung und stößt mit ihren Versuchen, sich in politisch Entscheidungen ihres Heimatlandes einzubringen, immer wieder an Grenzen. Genau wie viele andere junge Menschen in Bosnien und Herzegowina denkt auch sie daran, das Land zu verlassen, weil sie dort keine Zukunft für sich sieht.
Das komplizierte System Bosnien Herzegowinas
Auch in Deutschland wird häufig über Politikverdrossenheit gesprochen, doch um das strukturelle Abwenden von der Politik einer ganzen Generation zu verstehen, muss man sich die einzigartigen gesellschaftlichen und politischen Strukturen des Landes anschauen.
Noch vor etwas mehr als 30 Jahren führten die unterschiedlichen Volksgruppen von Bosnien und Herzegowina Krieg gegeneinander. Während des Friedensprozesses wurde zwar ein komplexes, demokratisches System erschaffen. In der Realität herrscht allerdings viel Korruption und demokratische Grundrechte, wie beispielsweise freier Journalismus oder unabhängige Bildung werden stark eingeschränkt. Darüber hinaus besteht bis heute eine große Abhängigkeit zu anderen Ländern und Europa nimmt großen Einfluss auf das Geschehen in Bosnien und Herzegowina. Das wird beispielsweise durch das Amt des hohen Repräsentanten deutlich. Er soll den Friedensprozess und die Demokratisierung in Bosnien und Herzegowina überwachen und stößt dort auf viel Unzufriedenheit.
Während eines Street-Art-Festivals in Mostar verwandelte Ema Pecenkovic, gemeinsam mit weiteren Freiwilligen, ein ehemaliges Schwimmbad in einen öffentlichen Kulturort. Es ist ein Beispiel dafür, wie junge Menschen trotz politischer Frustration Räume für
Wanda Böhringer
„Why do I need someone like a German counselor to live in Sarajevo to maintain peace? We are the same people. We should do it ourselves.“, erklärt Ema.
Über alledem steht die strukturelle gesellschaftliche Trennung, welche in der Verfassung Bosnien und Herzegowina‚s verankert ist. Menschen unterschiedlicher Volksgruppen gehen auf verschiedene Schulen, leben in verschiedenen Teilen des Landes und häufig sind selbst öffentliche Orte wie Spielplätze monoethnisch organisiert.
Während der Gespräche mit jungen Menschen gewann ich den Eindruck, dass sie erkennen, dass sie in einem System leben, in dem ihnen niemand zuhört, weil mächtige Menschen immer weiter an der Macht bleiben und das System durch Korruption und nicht durch gesellschaftlichen Willen beeinflusst wird. Dadurch entsteht ein Gefühl von Ohnmacht und der Perspektive, eines Systems im Stillstand, das nicht geändert werden kann.
Wie Hoffnung zu Resignation wird
Nachdem ich einen Monat in Bosnien und Herzegowina verbracht habe, musste ich meinen Eindruck von einer Jugend, die mit Gleichgültigkeit auf die Politik schaut, revidieren. Viele junge Menschen interessieren sich für gesellschaftliche Fragen und engagieren sich im Kleinen. Durch das festgefahrene und korrupte System machen viele junge Menschen jedoch die Erfahrung, dass ihr Einsatz kaum etwas zu verändern scheint. Politikverdrossenheit ist keine angeborene Eigenschaft, sondern abhängig von den Strukturen in denen man lebt. Die Erfahrungen der jungen Menschen dort zeigen, wie fragil demokratische Teilhabe sein kann und wie schnell der Wille nach Veränderung von Resignation verdrängt wird.
Ema hat es trotz der Widerstände geschafft, ihren Buchclub zu gründet und organisiert seit Jahren regelmäßige Treffen und Veranstaltungen. Wer ihre Geschichte hört, versteht allerdings gut, warum sich viele andere Jugendliche von den Hindernissen abhalten lassen und auf dem Weg resignieren. Ema engagiert sich weiter, doch wie viele Emas auf dem Weg aufgegeben haben, ist ungewiss. Das Problem ist nicht eine unpolitische Jugend, sondern ein politisches System, das den Glauben an Veränderung immer wieder erdrückt.
Ema Pecenkovic (rechts) und Wanda Böhringer (links) bei ihrem ersten Gespräch in Mostar über das politische System und die Lebensrealität in Bosnien Herzegowina.
Wanda Böhringer
Bosnien und Herzegowina ist in vieler Hinsicht ein Sonderfall. Doch die Gespräche, die ich dort führte, erinnerten mich an Debatten, die auch in Deutschland geführt werden: Warum engagieren sich junge Menschen nicht? Warum vertrauen viele der Politik nicht mehr? Und wie viel Demokratie bleibt übrig, wenn niemand mehr an ihre Wirksamkeit glaubt?
Doch die Frage die bleibt ist nicht, warum sich junge Menschen von der Politik abwenden, sondern, was Politik und Gesellschaft tun können, damit sie wieder einen Grund haben, sich einzumischen.
Meiner Einschätzung nach reicht es nicht junge Menschen zu mehr Engagement aufzufordern, wenn gleichzeitig an korrupten Strukturen festgehalten wird, welche die Bedingungen für Veränderung durch Engagement verhindert. Beteiligung muss also mehr sein als ein symbolisches Angebot. Politisches Engagement wird nur dann attraktiv, wenn Menschen darauf vertrauen können, dass Bemühungen und demokratische Entscheidungen mehr zählen als Parteibuch oder persönliche Beziehungen. Deswegen ist es besonders wichtig bereits jungen Menschen Zugang zu Räumen zu verschaffen, in denen sie echte Mitbestimmung erfahren, ob in Schulen, Jugendparlamenten oder Organisationen. Obwohl ein Systemwechsel hin zu mehr demokratischen Strukturen und weniger Machtkonzentration, langwierig ist, scheint es mir unbedingt notwendig um jungen Menschen zu zeigen, dass ihr Engagement Wirkung zeigen kann.
