Sing mir das Lied von Unge­rech­tig­keit

Datum
25. Juli 2022
Autor*in
Yasmin O
Themen
#Gesellschaft #Vielfalt
Bob Dylans Protest­lied Hurri­cane‘ mobi­li­siert Protes­tie­rende bis heute. In acht Minuten und drei­und­dreißig Sekunden erzählt Dylan eine Geschichte, die in jedem Staat und in jedem Jahr hätte statt­finden können: das 1975 erschie­nene Lied gibt das Leid von Rubin Carter wieder, der 20 Jahre unschuldig im Gefängnis verbracht hat.

Als der Mittel­ge­wichts­boxer Rubin Carter und sein Freund John Artis 1966 in eine Bar in New Jersey gingen, ahnten sie nicht, dass sie nach diesem Abend des 17. Juni zwanzig Jahre im Gefängnis verbringen würden. Drei Menschen wurden in der Lafay­ette Bar in Patterson, New Jersey erschossen, die Polizei beschul­digt sofort Carter und Artis. 1966 erscheint in vielerlei Hinsicht ähnlich wie 2022: als Afro­ame­ri­kaner war Carter beson­ders von Poli­zei­ge­walt und Rassismus gefährdet. Ein Zeuge meinte, dass er zwei Männer gesehen habe, die nach Boxern aussähen. Rubin Carters Unglück war, dass er sich zu diesem Zeit­punkt in der Nähe aufhielt. Und dasselbe geschah auch Jacob Black, der erst vor zwei Jahren von der Polizei erschossen wurde, obwohl er nur bei einer Fahr­kon­trolle aus seinem Auto stieg. Bob Dylan war sein Sprach­rohr, der Rubens in den Sieb­zi­gern im Gefängnis besuchte und seine unge­rechte Fest­nahme in einem Lied nieder­schrieb, das sich wie ein Film anhört, aber die Realität wider­spie­gelt. Das Lied entwi­ckelte sich zu mehr als nur einem Nummer 1 Hit: Hurri­cane wurde von einem Protes­tie­renden für Protes­tie­rende geschrieben.

Von der Nummer 1 der Welt zum Gefäng­nis­in­sassen

Man stelle sich diese Szene vor: bevor Rubin Carter (1937 – 2014) unschuldig verur­teilt wurde, war er ein erfolg­rei­cher Mittel­ge­wichts­boxer. Er stammte aus einer armen Familie aus New Jersey, hatte im Zweiten Welt­krieg gekämpft und sich durch das Boxen ein neues Leben aufge­baut. Sein Leben kann man in zwei Abschnitte teilen: vor der Fest­nahme wegen Mordes und alles danach. Am 17. Juni 1966 hielt die Polizei ihn und seinen Freund John Artis in New Jersey auf. Es habe einen drei­fa­chen Mord gegeben. Eine Zeugin – Patty Valen­tine – meint, sie habe zwei schwarze Männer in der Nähe der Bar gesehen. Carter und Artis hielten sich zufällig in der Nähe der Lafay­ette Bar auf, wo sich der Mord zuge­tragen hat. Ein Zufall, der ihnen für die nächsten 20 Jahre und darüber hinaus zum Verhängnis wurde. Carter wurde von der Polizei aufge­halten, weil er aufgrund seiner Haut­farbe sofort als Verdäch­tiger galt. Im Gefängnis fing Carter an, seine Auto­bio­gra­phie From Nr. 1 to Nr. 45472 zu verfassen, mit der er seine Seite der Geschichte erzählen will. In den Sieb­zi­ger­jahren war seine unge­rechte Fest­nahme fast schon in der Öffent­lich­keit vergessen. Seine Auto­bio­gra­phie gelang in die Hände von Bob Dylan, der schon 1971 den Vietnam-Krieg denun­zierte: When the death count gets higher / You hide in your mansion“. Bob Dylan, das Sprach­rohr gegen Unge­rech­tig­keit, hatte Rubin Carter nicht vergessen. 1975 erschien in Dylans Album Desired der Song, der in acht Minuten und drei­und­dreißig Sekunden Jahre des Leids und der Unge­rech­tig­keit wieder­gibt: Hurri­cane leitete Dylans Schlachtzug gegen das rassis­ti­sche Justiz­system ein.

Der Song­writer und der Boxer

Es ist kaum zu unter­schätzen, wie sehr Bob Dylans Protest­lied Carter unter­stützt hat. Nachdem Dylan Carters Auto­bio­gra­phie gelesen hat, besuchte er den ehema­ligen Boxer im Gefängnis. Zusammen unter­hielten sie sich über Carters unge­rechte Fest­nahme. Dieser Besuch im Gefängnis hinter­ließ einen bedeu­tenden Eindruck bei dem Sänger. Danach war für Dylan eines klar: er musste Carters Geschichte an die Öffent­lich­keit bringen – und gleich­zeitig den Rassismus im Rechts­wesen anpran­gern. Selber hatte Rubin Carter kaum eine Chance, seine Unschuld zu beweisen, wie Bob Dylan es in Hurri­cane ausdrückt: The trial was a pig-circus, he never had a chance.“

Hurri­cane ist ein narra­tives Lied, das wie ein Film aufge­baut ist. Am Anfang tritt die Zeugin Patty Valen­tine auf, die es auch im echten Leben gegeben hat. Der Prozess war nur eine Farce, denn welche Chance hatte Carter gegen die weiße Jury?: The D.A. said he was the one who did the deed / And the all-white jury agreed.“ Bei einem Konzert im Madison Square Garden sammelte Bob Dylan 1975 Geld für Carter, damit er sein Urteil anfechten konnte. Für Rubin Carter war Bob Dylans Lied nicht nur eine Anpran­ge­rung gegen ein rassis­ti­sches Justiz­system, sondern hielt ihn in der Öffent­lich­keit am Leben. Jede*r, der Hurri­cane hört, sieht die Geschichte aus Carters Augen, etwas, was ihm für Jahre verwehrt worden war.

Rubin Carter, George Floyd, Amadou Diallo, Eric Garner…

Zwar hat Bob Dylan Rubin Carter eine Stimme gegeben, die sofort Anklang in der ameri­ka­ni­schen Gesell­schaft fand; dies blieb vielen weiteren Opfern von Racial Profiling aber verwehrt. Nicht jedes Opfer eines rassis­ti­schen Justiz­we­sens kann darauf hoffen, die gleiche mediale Präsenz zu erhalten wie Rubin Carter. Obwohl Protest­lieder in ihren Botschaften nicht an Bedeu­tung verloren haben, bleiben viele Opfer von Racial Profiling unbe­kannt. Bei Racial Profiling verdäch­tigt die Polizei Menschen aufgrund ihrer Haut­farbe Straf­taten begangen zu haben. Am 04. Februar 1999 wurde Amadou Diallo von der New Yorker Polizei 19-mal ange­schossen, weil er ihnen verdächtig vorkam, ähnlich erging es dem 43-jährigen Eric Garner. Kein Lied erzählt davon, wie er sich erhoffte, in den USA ein neues Leben aufzu­bauen, oder davon, dass die Polizei frei­ge­spro­chen wurde.

Der Sound­track für Demons­tra­tionen?

Protest­lieder verfügen über eine Kraft, denen sich viele Künstler*innen schon vor Bob Dylan bewusst waren. Buffy Sainte-Maries 1964 erschie­nenes Lied Now That The Buffalo’s Gone erzählt von der Vertrei­bung ameri­ka­ni­scher Ureinwohner*innen aus ihren Reser­vaten. Ihr Lied heizte ein akutes Problem auf, da die Behand­lung von Ureinwohner*innen weiterhin ein wunder Punkt ist. Deswegen stellt Buffy Sainte-Marie dieses brisante Problem scho­nungslos und ohne Hemmungen dar. Ihr Lied erzählt in knappen Worten von den Unge­rech­tig­keiten, wie Ureinwohner*innen miss­achtet werden und dessen Anfänge Jahr­hun­derte zurück­gehen: Oh it′s written in books and in song / That we’ve been mistreated and wronged“.

Musik kann die Öffent­lich­keit schneller errei­chen als ein Sach­buch. Durch ein drei­mi­nü­tiges Lied können Hörer*innen mühelos und nieder­schwellig von einer Unge­rech­tig­keit erfahren. Protest­lieder wie Hurri­cane oder Now That The Buffalo’s Gone können wie Jour­na­lismus wirken: sie infor­mieren schnell, knapp und effektiv über ein bestehendes Problem. Musik hat die Kraft, Menschen zu mobi­li­sieren. Das betont auch der Musik­pro­fessor Mariusz Kozak in der Washington Post. Laut Kozak würden Protes­tie­rende sich durch Musik viel näher zuein­ander in ihrem Vorhaben fühlen. Diese Musik würde Demonstrant*innen eine beson­dere Art von Synchro­nität verleihen. Es ist viel einfa­cher, mit anderen Demons­trie­renden auf die Straße zu gehen und ein gemein­sames Lied zu singen. In den 70ern waren es Bob Dylans Worte in Masters of War: You that build the big bombs / You that hide behind walls.“

2020 waren es andere Lieder, die auf Protesten gesungen wurden. Lean on Me entwi­ckelte sich zu einem wich­tigen Anker für die Demonstrant*innen, die für George Floyd Gerech­tig­keit verlangten. Lieder sind seit jeher ein unent­behr­li­ches soziales Binde­mittel, das Menschen in ihren Protesten vereint.

Was Eric Garner, Amadou Diallo oder Rubin Carter zuge­stoßen ist, sind keine Einzel­fälle. Damit ihre Geschichten in Erin­ne­rung bleibt, braucht man Protest­lieder. Nach über zehn Jahren erin­nerte sich kaum noch jemand an Rubin Carter. Erst durch Hurri­cane erfuhren Hörer*innen, wie die Justiz ihn vernach­läs­sigt hat. Eine Geschichte in drei oder vier Minuten findet schneller Gehör als ein drei­hun­dert Seiten langes Buch. Auch für Opfer können Protest­lieder heilsam wirken – denn wie Rubin Carter können sie ihre Geschichte in ihren Worten wieder­geben. Und was passiert danach? Jemand hört das Lied, teilt es mit anderen, die teilen es wiederum auch. So fängt ein Protest an.


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