Rech­nung hoch, Heizung runter

Datum
16. Juni 2022
Autor*in
Raphael Fröhlich
Thema
#Gesellschaft
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Foto: Jugendpresse Deutschland / Saad Yaghi.

Wenn Ener­gie­preise nicht mehr bezahlt werden können, müssen viele Menschen ihre Heizung runter­drehen. Was das zustän­dige Minis­te­rium zu Ener­gie­armut sagt, und wie sich Frieren in den eigenen vier Wänden anfühlt.

Jacque­line* sitzt einge­packt in drei dicken Decken und zwei Pull­overn vor ihrem Laptop. Draußen herrscht eisiger Winter in einer deut­schen Groß­stadt. Drinnen sind es in ihrem Zimmer nicht einmal zehn Grad warm. Gegen die Kälte hat sie sich eine Wärm­fla­sche auf ihren Schoß gelegt. Damit sie über­haupt auf der Tastatur ihres Laptops tippen kann, sitzt sie mit finger­losen Hand­schuhen da.

Die 26-Jährige ist von Ener­gie­armut betroffen. Was genau Ener­gie­armut ist, darüber gehen die Meinungen ausein­ander. Denn eine genaue Defi­ni­tion exis­tiert nicht. Meis­tens versteht man darunter, dass es sich jemand nicht leisten kann, genü­gend zu heizen oder zu Hause so viel Energie wie nötig zu nutzen.

200 Euro müssen reichen

Um einen Ausbil­dungs­platz in der Veran­stal­tungs­technik zu finden, zog Jacque­line 2020 nach Bonn. Doch Corona kam dazwi­schen – und die Branche bildete nicht mehr aus. Um ihre tägli­chen Kosten für Miete und Leben stemmen zu können, versuchte sie sich deshalb mit Jobs in der Gastro­nomie über Wasser zu halten. Doch auch hier machte ihr Corona einen Strich durch die Rech­nung: Im November verhängte die Bundes­re­gie­rung einen Lock­down, weshalb die Gastro­nomie dicht­ma­chen musste. Ihr Arbeit­geber meldete für die Mitarbeiter*innen Kurz­ar­beit an. In der Folge redu­zierte sich ihr monat­li­ches Gehalt auf 200 Euro. Damit musste sie alle Kosten für Lebens­mittel, Miete, Zugti­ckets und Heizung decken.

Gerade die Kosten für die Gashei­zung erschwerten ihre Situa­tion. Das Haus, in dem die Wohn­ge­mein­schaft wohnte und in die Jacque­line zog, war ein ener­gie­in­ef­fi­zi­enter Altbau. Zugige Fenster, dicke Mauern – einfach im Sommer uner­träg­lich heiß, im Winter ziem­lich kalt”, beschreibt sie das Gebäude. Und dann kam die erste Rech­nung. Ich dachte: Scheiße, okay, das müssen wir redu­zieren.” Die betrug 260 Euro – auf drei Mitbewohner*innen aufge­teilt waren das noch immer etwa 87 Euro. Das Risiko bestand, dass sie die Heiz­kosten in Zukunft nicht mehr bezahlen konnte.

Bei Zahlungs­rück­stand droht die Strom­sperre

Wenn jemand in Deutsch­land seinen Strom oder das Gas nicht gezahlt hat, versenden die Ener­gie­ver­sorger eine erste Mahnung. Entweder direkt danach oder im Anschluss können sie androhen, den Strom oder das Gas abzu­schalten. Eine Drohung, das Gas abge­stellt zu bekommen, haben 2020 etwa 980.000 Haus­halte in Deutsch­land erhalten. Beim Strom waren es unge­fähr viermal so viele. Ist der Rück­stand bei der Zahlung dann noch immer nicht begli­chen, können die Ener­gie­ver­sorger frühes­tens vier Wochen nach ihrer Andro­hung eine Sper­rung beim Netz­be­treiber beauf­tragen. Eine Sper­rung muss zwar verhält­nis­mäßig sein, anders als bei Strom exis­tiert bei Gas aber keine Unter­grenze für ausste­hende Forde­rungen, ab der die Anbieter diese Sperre vornehmen dürfen.

Und der Prozess einer Sperre kann schnell teuer werden: Folgen die Gaslie­fe­ranten einer pauschalen Berech­nung, betragen die Kosten für die Mahnung, Sper­rung und Wieder­her­stel­lung zusammen, laut Moni­to­ring­be­richt Energie 2021, durch­schnitt­lich etwa 107 Euro. Mehr als die Hälfte dessen, was Jacque­line noch mit der Kurz­ar­beit an Geld erhielt.

Eine Gassperre hätte sie deshalb nicht riskieren können. Um bei der nächsten Abrech­nung nicht einen erneuten Schock zu bekommen, sorgte sie dafür, dass in den Bade­zim­mern zum Beispiel die Heizung auf Null runter war.” Auch der Durch­lauf­er­hitzer im Bad hätte zu viel Energie verbraucht. Damit war für sie eine Dusche nur kalt möglich. Zusammen mit der stän­digen Kälte hinter­ließ das Spuren: Ich war sehr viel krank, dauernd müde, hatte mehr Hunger als norma­ler­weise, weil der Körper irgendwie versucht, das Ener­gie­de­fizit, was da entsteht, wieder auszu­glei­chen.” Essen und Medi­ka­mente – beides konnte sie sich eigent­lich nicht leisten: Selbst sowas Dummes wie Husten­saft bei dm kostet halt auch wieder alles Geld, was eigent­lich nicht da ist und dann an anderer Stelle fehlt.“

Stephan Gabriel Haufe, Pressesprecher des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz, im Interview mit der politikorange-Redaktion

Stephan Gabriel Haufe, Pressesprecher des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz, im Interview mit der politikorange-Redaktion

Foto: Jugendpresse Deutschland / Saad Yaghi.

Stephan Gabriel Haufe, Pres­se­spre­cher des Bundes­wirt­schafts­mi­nis­te­riums, sagt im Inter­view mit politikorange, dass es Ener­gie­armut schlichtweg nicht geben” dürfe. Das passe für so ein reiches Land wie Deutsch­land nicht zusammen. Es gebe daher bereits Projekte, um der Ener­gie­armut entge­gen­zu­wirken. So zum Beispiel im Rahmen einer Zusam­men­ar­beit mit Sozi­al­ver­bänden wie der Caritas, wodurch Betrof­fene finan­zi­elle Unter­stüt­zung und Ener­gie­be­ra­tung erhalten können. Ausrei­chend seien diese Projekte jedoch noch nicht. Haufe räumt ein, dass das Thema viel­leicht zu wenig auf der Agenda gewesen ist”. Das Sozi­al­mi­nis­te­rium wiederum prüft laut eigener Aussage fort­lau­fend je nach aktu­eller Situa­tion, die Belas­tungen durch die Infla­tion durch weitere Maßnahmen sozial abzu­dämpfen.

Man wacht aus Albträumen auf und zittert”

Nicht nur die Sorge, die Energie nicht mehr bezahlen zu können, zehrt schon jetzt an den Nerven der Betrof­fenen. Auch die Kälte, wenn nicht mehr ausrei­chend geheizt werden kann, bringt sie an den Rand ihrer Kräfte. Man wacht aus Albträumen auf und zittert”, berichtet Jacque­line. Gerade die Zeit um Neujahr habe sie viel im Halb­dämmer verbracht. Nicht ganz wach, aber auch nicht im Schlafen. Man exis­tiert halt vor sich hin und wartet, bis die Zeit umgeht.”

Um wenigs­tens etwas Wärme zu erhalten, stellte die damals 26-Jährige drei Teelichter auf und montierte darauf einen Tonblu­men­topf, der die Wärme spei­chert und an den Raum abgibt. Doch selbst hinter dieser Notlö­sung verbergen sich Gefahren: Was, wenn sie die Teelichter vergessen würde? Jacque­line wollte die Konstruk­tion deshalb ständig im Auge behalten. Wenn dann die Wohnung abbrennt, ist das natür­lich der finan­zi­elle Total­schaden“, befürch­tete sie.

Jacque­line konnte letzt­lich ihre Ener­gie­schulden bei ihrem Vermieter anschreiben lassen. Mitt­ler­weile kann sie bei den Eltern ihres Part­ners wohnen. Das rettete sie davor, obdachlos zu werden. Doch die Heiz­kosten der vergan­genen Jahre zahlt sie noch heute ab. Stimmen aus Politik und Ener­gie­branche äußerten gegen­über politikorange die Sorge, dass künftig aufgrund stei­gender Ener­gie­preise noch mehr Menschen von Ener­gie­armut betroffen sein werden – und es damit noch mehr Menschen so gehen wird wie Jacque­line.

*Name von der Redak­tion geän­dert.


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