My country, right or wrong – Warum ein gesunder Patrio­tismus essen­tiell für unsere Demo­kratie ist

Datum
20. August 2026
Autor*in
Lilli Jerichow
Thema
#Gesellschaft
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Foto: Pixabay / Ganossi

Während in den USA zum Natio­nal­fei­ertag die Mili­tär­pa­raden durchs Land ziehen, tun sich viele Deut­sche schwer mit Patrio­tismus. Zu Unrecht, findet Lilli: Denn es gibt nicht nur die eine, proble­ma­ti­sche und extreme Vari­ante. In ihrem Kommentar erklärt sie, wie ein demo­kra­ti­scher Patrio­tismus aussehen kann und warum wir uns nicht vor ihm fürchten sollten. 

[Anmd. d. Red.: Dieser Text ist eine über­ar­bei­tete Fassung eines Arti­kels, der zuerst in der Schü­ler­zei­tung Side­kick“ erschienen ist.]

Am 4. Juli ist in Amerika die Hölle los. Die Vorgärten sind gespickt mit rot-weiß-blauen Flaggen, die Kinder haben keine Schule, man trifft sich mit Freund*innen, Verwandten und Nachbar*innen zum Barbecue und schon Wochen vorher gibt es in den Geschäften alles in rot-weiß-blauer Ausfüh­rung. Und ja, wirk­lich ALLES. Die Ameri­kaner lassen es sich beson­ders an ihrem Natio­nal­fei­ertag nicht nehmen, von Würst­chen bis Unter­hosen alles in einen chemisch-grellen rot-weiß-blauen Farbton zu hüllen. Beendet wird der Tag dann meist mit einem atem­be­rau­benden Feuer­werk und einer pompösen Mili­tär­pa­rade. 

In den Vereinten Staaten teil des Alltags…

Patrio­tismus wurde dort schon immer groß­ge­schrieben. My country, right or wrong“, dekla­rierte US-Senator Mathew Carpenter in einer Debatte 1871, und während des Kalten Krieges been­detet John F. Kennedy seine Verei­di­gungs­rede mit dem berühmten Zitat: Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country“. Nach diesen Prin­zi­pien leben viele Ameri­kaner noch heute. Bei einer Studie des Pew-Rese­arch-Centers gaben 52% der Befragten an, die verei­nigten Staaten von Amerika seien eines der besten Länder der Welt. 24% erklärten sogar, es sei ohne Frage das beste Land. 

Dem Wort Patrio­tismus“ begegnen wir bei uns eher mit einer Art Respekt.

Bei uns in Deutsch­land sieht die Welt dafür sehr viel gemä­ßigter aus. Hier wird die deut­sche Flagge höchs­tens zur Fußball­zeit raus­ge­hängt und dann meist auch nicht an einen Fahnen­mast, sondern ins Fenster oder an den Balkon. An unserem Natio­nal­fei­ertag, dem 3. Oktober, haben wir zwar auch frei, doch die wenigsten nutzen ihn, um mit Bekannten auf die deut­sche Einheit anzu­stoßen. Eine Mili­tär­pa­rade oder einen Aufmarsch gibt es nicht. Grund­sätz­lich wird hier auf mili­tä­ri­sche Prunk­feiern verzichtet, ein Mahnmal aus der deut­schen Geschichte. Statt­dessen gibt es rund ums Bran­den­burger Tor zahl­reiche Kultur­ange­bote und Ausstel­lungen zur Wieder­ver­ei­ni­gung. Oft versam­meln sich dort auch Menschen zu Frie­dens­de­mons­tra­tionen. 

…in Deutsch­land ein Mahnmal der Geschichte

Dem Wort Patrio­tismus“ begegnen wir hier eher mit einer Art Respekt. Man könnte sogar sagen mit einer Art Furcht. Die deut­sche Geschichte hat uns sehr genau gezeigt, was passiert, wenn Deutsch­land über alles“ zu einem poli­ti­schen Motto wird. Der deut­sche Patrio­tismus wurde miss­braucht, geschlagen und verrenkt, bis er schließ­lich unter den Natio­nal­so­zia­listen über 11 Millionen Menschen das Leben kostete. Das steckt uns auch heute noch tief in den Knochen. Wenn man hier an einen Patrioten“ denkt, kommen einem eher Springer-Stiefel und eine Reichs­flagge in den Sinn. Keiner dieser Attri­bute bedeutet auch nur im Entfern­testen etwas Posi­tives für uns. Dabei ist es eigent­lich nicht der Patrio­tismus, vor dem wir uns fürchten müssten.

Patrio­tismus ist nichts anderes als die beson­dere Wert­schät­zung […] des eigenen Volkes.

Das Wort Patrio­tismus“ stammt aus dem Grie­chi­schen und leitet sich von den Wörtern patçr“, was mit Vater“ über­setzt wird, und patriôtçs“, was so viel wie vom glei­chen Geschlecht“ oder eben vom glei­chen Vater“ bedeutet ab. Patrio­tismus ist also nichts anderes als die beson­dere Wert­schät­zung der Leis­tungen, Werte und Tradi­tionen der Menschen des glei­chen Geschlechts“, also des eigenen Volkes. Dies drückt sich meist durch eine starke Iden­ti­fi­ka­tion mit dem Heimat­land, eine Affi­nität zur Landes­sprache und die Bereit­schaft, für das Land einzu­treten und Opfer zubringen aus. Daran ist nichts verwerf­lich. Der renom­mierte Poli­tik­wis­sen­schaftler Yascha Mounk ist sogar der Meinung, dass ein gesunder Patrio­tismus notwendig und wichtig ist, um unsere Demo­kratie und plura­lis­ti­sche Gesell­schaft zu schützen. 

Ein schmaler Grat zwischen Patrio­tismus und Natio­na­lismus

Gefähr­lich wird Vater­lands­liebe aber, wenn diese nicht mehr mit Werten, Kultur und Tradi­tion, sondern mit einer Über­le­gen­heit und Vorherr­schaft über andere Völker und Nationen begründet wird. Diese Verach­tung anderer Länder und Kulturen nennt man auch Natio­na­lismus. Mit Patrio­tismus hat der eigent­lich wenig zu tun. Der ehema­lige Bundes­prä­si­dent Johannes Rau erklärte in einer Rede 1999 den Unter­schied folgen­der­maßen: Ein Patriot ist jemand, der sein Vater­land liebt, ein Natio­na­list ist jemand, der die Vater­länder der anderen verachtet“. Bei uns in Deutsch­land werden diese zwei Begriffe leider wenig richtig genutzt bezie­hungs­weise nicht vonein­ander getrennt. 

Die im Mai 2025 als gesi­chert rechts­extrem einge­stufte Alter­na­tive für Deutsch­land, kurz AfD, bezeichnet sich beispiels­weise zwar als patrio­tisch, doch ihr Partei­pro­gramm ist ein Para­de­bei­spiel für ausge­prägten Natio­na­lismus. Sie will das deut­sche Volk und seine Tradi­tionen vor den Messer­ste­cher-Auslän­dern“ beschützen und verbreitet deswegen reich­lich Hass, Miss­gunst und Hetze gegen Menschen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, anderen Reli­gionen oder Sexua­li­täten. Auf Grund von so einem Miss­brauch des Wortes und der Verdre­hung seines Sinnes ist es kein Wunder, dass wir Deut­sche zuneh­mend verwirrt sind, was denn Patrio­tismus nun über­haupt ist. 

In ihrem Artikel für die öster­rei­chi­sche Zeit­schrift für Poli­tik­wis­sen­schaften (2010) unter­scheiden die drei Autoren Rebekka Fleiner, Claudia Ritzi und Gary S. Schaal bewusst zwischen zwei theo­re­tisch bestimmten Extrem­formen des Patrio­tismus.

Emotio­nale Vater­lands­liebe

Der emotional geprägte Patrio­tismus nach Humboldt beruht auf Gefühlen und der Bindung an kultu­relle Werte wie Sprache, Tradi­tion und Heimat. Auch geogra­fi­sche oder reli­giöse Einheit, sowie Freude über sport­liche, wissen­schaft­liche oder gesell­schaft­liche Erfolge können ihn stärken. Diese Form des Patrio­tismus zeigt sich also eher im sozialen Leben der Gemein­schaft, nicht im poli­ti­schen.

Seine entschei­dende Schwäche: Emotio­naler Patrio­tismus ist nicht an eine bestimmte Staats­form gebunden. Tradi­tionen, Feste und kultu­relle Prak­tiken bestehen oft unab­hängig davon, ob jemand in einer Demo­kratie oder Auto­kratie lebt. Deshalb haben emotional geprägte Patrioten meist wenig Inter­esse an poli­ti­scher Mitbe­stim­mung, da ihre Verbun­den­heit zur Gemein­schaft auch unter anderen Herr­schafts­formen erhalten bleibt.

Ratio­nale Vater­lands­liebe 

Der ratio­nale Patrio­tismus basiert nicht auf Gefühlen, sondern auf Vernunft, Moral und klaren Wert­vor­stel­lungen. Er gilt oft als stabiler“, weil Emotionen als wech­sel­haft und beein­flussbar gelten. Rational denkende Patrioten entscheiden bewusst, welche Staats­form ihre Werte wider­spie­gelt. 

Dieser dezi­sio­nis­ti­scher“ Patrio­tismus ist auch inklu­siver: Herkunft oder Wohnort spielen keine Rolle, entschei­dend sind Über­zeu­gung und Moti­va­tion. Beson­ders in einer globalen, mobilen Gesell­schaft ist das ein Vorteil.

Proble­ma­tisch ist jedoch die Tren­nung von Kultur und Staats­form. Ratio­nalen Patrioten geht es primär um die poli­ti­sche Ordnung, nicht um regio­nale Tradi­tionen. Daher vertei­digen sie zwar die Demo­kratie, aber zeigen wenig Bereit­schaft, ein geogra­fi­sches Gebiet mili­tä­risch zu schützen.

Für ratio­nale Patrioten ist poli­ti­sche Parti­zi­pa­tion ein Muss, da ihr Patrio­tismus direkt an das poli­ti­sche Leben gebunden ist. Demo­kratie zum Beispiel kann nur bestehen, wenn die Bürger sich aktiv daran betei­ligen.

Aller­dings wirkt diese Form des Patrio­tismus oft trocken, da sie poli­ti­sche Bildung, Refle­xion und inten­sive Ausein­an­der­set­zung mit den eigenen Werten voraus­setzt. Für viele erscheint daher der emotio­na­lere, gemein­schaft­liche Patrio­tismus attrak­tiver.

Stern­berger suchte nach einem idealen Patrio­tismus, der unsere Demo­kratie schützen und zu ihrer Erhal­tung und Verbes­se­rung beitragen würde.

Diese beiden Extrem­formen des Patrio­tismus sind also bei weitem nicht fehlerlos. Im Gegen­teil, sie strotzen tatsäch­lich sogar davon. Das ist auch dem Poli­tik­wis­sen­schaftler Dolf Stern­berger aufge­fallen. Er stellte sich die Frage, wie man für die trockenen Gesetze einer Staats­form und deren darin fest­ge­hal­tenen Werte eine feurige Verbun­den­heit, Liebe und Wert­schät­zung in der Bevöl­ke­rung hervor­rufen könnte. Tatsäch­lich gelang es ihm in den 70er Jahren, eine Zwischen­form der beiden oben ausge­führten Patrio­tismus-Extreme konkret zu formu­lieren: den Verfas­sungs­pa­trio­tismus. 

Was genau ist Verfas­sungs­pa­trio­tismus?

Stern­berger suchte nach einem idealen Patrio­tismus, der unsere Demo­kratie schützen und zu ihrer Erhal­tung und Verbes­se­rung beitragen würde. Dieser Patrio­tismus sollte zwar auf kognitiv veran­kerten Werten gestützt sein, um Frei­heit, Frieden, Gleich­heit und Gerech­tig­keit unserer Demo­kratie zu garan­tieren, aber dennoch emotional zum Ausdruck kommen, um die Bürger dafür zu begeis­tern, und ihn so in der Gesell­schaft lang­fristig zu veran­kern. Stern­berger wollte zwar, dass diese Patrioten aus einem Gefühl, Ethos oder Gewissen heraus handelten, dieses Gefühl, sollte aber keines­wegs aus einer Liebe zur Tradi­tion und Kultur stammen. Statt­dessen sollten die Bürger aus einer Verpflich­tung und persön­li­chem Verant­wor­tungs­ge­fühl gegen­über unseren demo­kra­ti­schen Grund­werten handeln. Die Schnitt­stelle für diese Ideo­logie war für ihn unser Grund­ge­setz. Von dort sollen die Bürger ihre Werte, Moral­vor­stel­lungen und ihr Wissen über die Demo­kratie entnehmen. Anstatt sich also mit Tradi­tion und Kultur, wie beim emotio­nalen Patrio­tismus, oder mit steifen poli­ti­schen Systemen, wie beim kogni­tiven Patrio­tismus verbunden zu fühlen, sollten die Bürger ihren Stolz eher auf die Zusam­men­fas­sung unser aller Werte und den Grund­bau­stein für unsere fried­liche Demo­kratie, nämlich unsere Verfas­sung stützen. 

Ein Patrio­tismus von Dauer

Damit diese Form des Patrio­tismus lang­fristig bestehen bleibt, müssen die Bürger die Frei­heit ihre Demo­kratie zu schätzen wissen und sie mit poli­ti­schem Enga­ge­ment unter­stützen. Durch ihre Parti­zi­pa­tion am poli­ti­schen Geschehen entsteht ein Gefühl der Gemein­schaft. So wird, auf Grund von wissent­li­cher Verbun­den­heit und Loya­lität unter­ein­ander, aus einem trockenen Geset­zes­text eine lebende Verfas­sung“, an der jeder mitwirken kann. Die Bürger wissen also, dass die aktu­elle Verfas­sung kein in die Jahre gekom­menes Doku­ment ist, das sich auf veral­tete Werte und Gescheh­nisse stützt, sondern statt­dessen das Produkt aktu­eller Verfah­rens­praxis und bürger­li­cher Mitbe­stim­mung ist. 

Die Bürger sollten ihre Demo­kratie lieben und deswegen […] ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie leidet, und sie aktiv vertei­digen.

Hier möchte ich gerne noch einmal auf das Zitat von Mathew Carpenter vom Anfang zurück­kommen. My country, right or wrong“, dekla­rierte dieser wie schon am Anfang ausge­führt in einer hitzigen Debatte mit Carl Schurz im US-Senat 1871. Diese Phrase wird auch noch heute oft beson­ders von ameri­ka­ni­schen Poli­ti­kern benutzt, um in ihren Anhän­gern vermeint­lich patrio­ti­sche Gefühle hervor­zu­rufen. Doch eigent­lich ist die Geschichte hier noch nicht ganz vorbei: Nach der Rede von Mathew Carpenter wollte Carl Schurz diesen Ausdruck blinder Vater­lands­liebe nicht auf sich sitzen lassen. Er ergänzte den Satz um eine entschei­dende Maxime. My country, right or wrong, if right, to be kept right, and if wrong, to be set right.“ 

Konti­nu­ier­liche Korrektur als Kern­merkmal

Dieses aktive und immer fort­lau­fende Verbes­sern sah auch Dolf Stern­berger als essen­zi­elles Attribut des Verfas­sungs­pa­trio­tismus. Die Bürger sollten ihre Demo­kratie lieben und deswegen beson­ders dann ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie leidet, und sie aktiv vertei­digen. Durch die lebende Verfas­sung“ sollen sich die Bürger ihrer demo­kra­ti­schen Werte und Rechte bewusst sein und erkennen, dass sie die Mittel zum Handeln haben. Somit sollten sie auch Gesetze oder Verfahren, die diese Demo­kratie bedrohen oder ihren Werten wider­spre­chen, bewusst erkennen und ablehnen. Eben aus einer Liebe zur Demo­kratie heraus. Diese Erkenntnis ist ihm beson­ders wichtig, da der stän­dige Verbes­se­rungs­wille zum Erhalt der Demo­kratie beiträgt. 

Insge­samt versteht Stern­berger unter Verfas­sungs­pa­trio­tinnen und ‑patrioten also weder eupho­ri­sche Leder­ho­sen­träger noch Bürge­rinnen und Bürger, die verstaubte Geset­zes­texte auswendig können. Viel­mehr begreift er Verfas­sungs­pa­trio­tismus als eine Art innere Haltung und Ethos: In stabilen und funk­tio­nie­renden Demo­kra­tien äußert sie sich als mora­li­sches Unbe­hagen ange­sichts fehlender poli­ti­scher Betei­li­gung, während sie in Krisen­zeiten – also bei einer geschwächten oder noch nicht gefes­tigten Demo­kratie – dazu führt, aktiv gegen anti­de­mo­kra­ti­sche Bestre­bungen einzu­treten und unsere Demo­kratie zu vertei­digen. Auch auf mili­tä­ri­scher Ebene.

Wir sollten aktive Bedro­hungen oder auch nur ihre Tendenzen nicht nur erkennen, sondern uns auch aktiv dagegen wehren.

Beson­ders für uns im heutigen Deutsch­land ist der Verfas­sungs­pa­trio­tismus nach Dolf Stern­berg ein guter Weg, um unser histo­risch bedingtes Unbe­hagen hinter uns zu lassen, und uns mit dem Patrio­tismus wieder neu anzu­freunden. Die Angst, noch einmal die grau­samen Zeiten der Natio­nal­so­zia­listen zu erleben, lässt uns vergessen, wie essen­tiell eine gemein­same Werte-Verbun­den­heit der Bürger durch patrio­ti­sche Gefühle für unsere Demo­kratie doch ist. 

Der gemein­same Werte-Bezug stärkt das gesell­schaft­liche Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl und vereint Menschen mit unter­schied­li­cher Herkunft, Reli­gion und Kultur unter einer poli­ti­schen Ausrich­tung. Nämlich der demo­kra­ti­schen. Patrio­tismus lässt die Mitglieder einer Gemein­schaft soli­da­risch Handeln und moti­viert zum poli­ti­schen Enga­ge­ment. Genau dieses macht die Bürger sensibel und wachsam gegen­über anti­de­mo­kra­ti­schen Tendenzen.

Da der Verfas­sungs­pa­trio­tismus durch das Grund­ge­setz einen klaren Rahmen vorgibt, an dem wir uns orien­tieren können, haben wir wenig Möglich­keit, in natio­na­lis­ti­sche Rich­tungen abzu­rut­schen, die mit unseren Grund­werten, wie Menschen­würde, Frei­heit und Gleich­heit für alle, gar nicht über­ein­stimmen. Diese klare Abgren­zung gibt uns Sicher­heit. 

Inklu­si­vität als posi­tiver Neben­ef­fekt?

Da der Verfas­sungs­pa­trio­tismus nicht auf einer gemein­samen Kultur oder Tradi­tion begründet ist, können sich auch alle deut­sche Bürger*innen dieser Gemein­schaft zuge­hörig fühlen. Es gibt keine sprach­liche oder geogra­fi­sche Barriere, wenn die Werte immer die glei­chen bleiben. Gerade in der heutigen deut­schen Einwan­de­rungs­ge­sell­schaft bildet das die Grund­lage für eine Demo­kratie mit Frei­heit und Gleich­heit für wirk­lich alle. 

Das wich­tigste Attribut, das den Verfas­sungs­pa­trio­tismus beson­ders für uns Deut­sche so bedeutsam macht, ist die reflek­tierte Selbst­kritik. Die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Herr­schaft hat uns deut­lich gezeigt, welche Folgen eine unkri­ti­sche, blinde Vater­lands­liebe haben kann. Der von den Natio­nal­so­zia­listen propa­gierte Patrio­tismus verlangte bedin­gungs­lose Loya­lität gegen­über der Regie­rung, Führungs­po­si­tionen und seinen Ideo­lo­gien und verbot Kritik ausdrück­lich. Viele Menschen passten sich daran an oder unter­stützten das Regime, weil sie ihre Haltung als vater­län­di­sche Pflicht“ verstanden und staat­li­ches Handeln nicht hinter­fragten bezie­hungs­weise es gar nicht durften. Ein selbst­kri­ti­scher, demo­kra­ti­scher Verfas­sungs­pa­trio­tismus hingegen, wie ihn Dolf Stern­berger beschreibt, fordert Bürge­rinnen und Bürger dazu auf, poli­ti­sche Entwick­lungen kritisch zu prüfen und staat­li­ches Handeln nicht aus Loya­lität, sondern aus Verant­wor­tung für die demo­kra­ti­schen Werte unseres Grund­ge­setzes heraus zu bewerten. Wir sollten aktive Bedro­hungen oder auch nur ihre Tendenzen nicht nur erkennen, sondern uns auch aktiv dagegen wehren.

Was das für unsere Zukunft heißt…

Insge­samt sollten wir Deut­schen unsere Furcht vor dem Patrio­tismus ablegen. Zwar ist es ratsam, im Ange­sicht der Schatten unserer Vergan­gen­heit immer ein wach­sames Auge auf die Vater­lands­liebe zu haben und sie klar vom Natio­na­lismus zu trennen, aber wir müssen auch nicht beim bloßen Erwähnen des Wortes mit den Knien schlot­tern. Patrio­tisch sein ist nämlich so viel mehr als eben nur der Stolz aufs Vater­land. 

Patrio­tisch sein heißt die Frei­heit und Gerech­tig­keit unseres Landes zu schätzen, aber auch zu erkennen, wenn es das eben nicht ist. Patrio­tisch sein heißt, dass uns diese Erkenntnis nicht trotzig und verbit­tert stimmt, sondern uns zum Handeln aufruft, weil wir wissen, dass in unserem Rechts­system Platz für Verbes­se­rung ist. Weil wir wissen, dass unsere Verfas­sung mit uns weiter­wächst und durch genau diesen stän­digen Wandel erst ihre volle Kraft entfaltet. Patrio­tisch sein, bedeutet, unser Land für alle Menschen zu einem besseren Ort machen zu wollen. Auf die Straße zu gehen und zu demons­trieren, ist patrio­tisch. Inklu­sion und Gleich­heit zu fordern, ist patrio­tisch. Für seine eigenen Rechte und die der anderen, die es viel­leicht nicht können, einzu­stehen, ist patrio­tisch. Patrio­tismus heißt nach einem Land zu streben, in dem alle in Frieden, Frei­heit und Gleich­heit mitein­ander leben können. Und Patrio­tismus heißt auch Soli­da­rität gegen­über denen, die es gerade nicht tun. Wenn wir also Bürger*innen einer Demo­kratie sein wollen, müssen wir auch Patriot*innen sein. Denn die Seele der Demo­kratie ist die Verei­ni­gung von Soli­da­rität und gemein­schaft­li­chem Zusam­men­halt und der Patrio­tismus ist das, was dieser Seele Flügel verleiht. Wir sollten uns diese demo­kra­ti­sche Nächs­ten­liebe also nicht von rechts-natio­na­lis­ti­schen Bewe­gungen wegnehmen lassen. Nein, wir müssen es sogar unbe­dingt verhin­dern. Denn wenn die Liebe zum Nächsten erlo­schen ist, dann ist die Kerze der Demo­kratie hinunter-gebrannt. Und wer zündet sie dann wieder an?

Der Artikel ist im Rahmen der offenen Redaktion entstanden. Bei Fragen, Anregungen, Kritik und wenn ihr selbst mitmachen mögt, schreibt uns eine Mail an redaktion@jugendpresse.de 


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