Man muss erst mal so viele Menschen zusam­men­bringen“

Datum
03. September 2024
Autor*in
Friederike Gatter
Themen
#Interview #LTWS
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Andi Weiland | berlinergazette.de (CC by)
Campact wollte die AfD schwä­chen, indem sie andere Kandidat*innen finan­ziell fördert. Doch die lehnten das ab. Kampa­gnen­lei­terin Luise Neumann-Cosel erzählt, wie ihr Plan war – und was sie über Kritik denkt.

Bei den säch­si­schen Land­tags­wahlen könnte die AfD mehr als ein Drittel aller Stimmen erhalten. Dann hätte sie bei vielen wich­tigen Entschei­dungen ein Veto­recht. Verhin­dern ließe sich das wahr­schein­lich, wenn sowohl die Grünen als auch die Linken es wieder über die Fünf­pro­zent­hürde schaffen.

Um genau das zu errei­chen, wollte die Kampa­gnen­or­ga­ni­sa­tion Campact aussichts­reiche Direktkandidat*innen der beiden Parteien fördern – mit Werbung und je 25.000 Euro. Doch die ausge­suchten Direktkandidat*innen haben die Kampagne kriti­siert, drei von vier haben das Geld abge­lehnt. Campact-Mitar­bei­terin Luise Neumann-Cosel (38) hat die Kampagne zusammen mit einem Team an Campaigner*innen orga­ni­siert.

politikorange: Welche Erfolgs­aus­sichten hat man als Campaigner*in, Frau Neumann-Cosel?

Luise Neumann-Cosel: Man weiß vorher nie, ob man etwa bewegen kann oder nicht. Aber es lohnt sich jedes Mal wieder, es auszu­pro­bieren.

politikorange: Warum?

Neumann-Cosel: Die Frage, die uns viel bewegt, ist: Wo können wir als Bürger*innen möglichst viel gemeinsam ausrichten?“, Wie können wir uns als progres­siver Teil der Gesell­schaft clever aufstellen?“ Deswegen denken wir jetzt auch über so was wie stra­te­gi­sches Wählen nach.

politikorange: Was war die größte Heraus­for­de­rung bei der Orga­ni­sa­tion dieser Kampagne?

Neumann-Cosel: In diesem Fall war klar: Auch Menschen, die uns poli­tisch nahe­stehen, werden nicht glück­lich sein über diese Kampagne, weil wir eine Wahl­emp­feh­lung für ihren Konkur­renten oder ihre Konkur­rentin ausspre­chen. Wie man mit allen Betei­ligten fair umgeht und gleich­zeitig versucht, die Verant­wor­tung anzu­er­kennen, die wir als Orga­ni­sa­tion gegen Rechts­extre­mismus haben – das ist, glaube ich, die größte Heraus­for­de­rung gewesen.

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Luise Neumann-Cosel arbeitet seit sieben Jahren bei Campact. Ihr Schwer­punkt ist der Klima­ak­ti­vismus. Seit Anfang des Jahres orga­ni­siert sie auch Kampa­gnen gegen Rechts­extre­mismus. Sie leitet das Team der Direkt­stimmen-Kampagne zur säch­si­schen Land­tags­wahl.

Luise Neumann-Cosel im Jahr 2014. Foto: Andi Weiland/​Berliner Gazette unter CC BY 2.0

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politikorange: Nach welchen Krite­rien haben Sie die Direktkandidat*innen ausge­sucht?

Neumann-Cosel: Es gibt eigent­lich nur vier Wahl­kreise, in denen es relativ sicher ist, dass die Grünen oder die Linken gewinnen. Für uns war die Frage: In welchem hat die Grünen­kan­di­datin die besseren Chancen und in welchem der Linken­kan­didat? Das war für uns das allei­nige Krite­rium.

politikorange: Und wie sind Sie dann mit der Entschei­dung zwischen Grünen- und Linkenkandidat*innen umge­gangen, wenn diese in Konkur­renz um ein Direkt­mandat standen?

Neumann-Cosel: Wir haben zuerst mit den Parteien gespro­chen und gefragt: Wollt ihr euch einigen, wer wo antritt, damit ihr sicher­stellen könnt, dass ihr jeweils zwei Direkt­man­date holt und im Landtag vertreten seid? Leider konnten sich die Parteien das nicht vorstellen. Wir haben dann alle Zahlen, alle Daten, also alle Wahl­trends der vergan­genen Wahl­er­geb­nisse über­prüft und die dadurch aussichts­reichsten Kandi­da­tinnen und Kandi­daten ausge­wählt.

politikorange: Die ausge­suchte Direkt­kan­di­datin Juliane Nagel von der Linken hat in der taz kriti­siert, dass sie sich nicht mit in die Planung einbe­zogen gefühlt hat.

Neumann-Cosel: Wir haben sehr früh­zeitig mit den Parteien gespro­chen. Als klar wurde, dass die Parteien sich nicht unter­ein­ander einigen, haben wir auch mit den Kandidat*innen geredet. Aber wir haben bewusst nicht zu ihnen gesagt: Wir wollen, dass ihr zurück­zieht. Zu sagen, du musst jetzt fürs größere Ganze zurück­ziehen, das ist schon viel verlangt. Das ist Aufgabe der Parteien, sich noch mal mit ihren Direktkandidat*innen hinzu­setzen und zu über­legen: Was ist denn eigent­lich das Beste für die Gesell­schaft, für Sachsen, für unsere Partei? Deshalb haben wir mit den Direktkandidat*innen erst später gespro­chen.

politikorange: Nagel hat auch noch kriti­siert, dass die Kampagne den Eindruck erwecke, ein west­deut­scher Verein wolle über die Zivil­ge­sell­schaft im Osten hinweg entscheiden.

Neumann-Cosel: Ich kann nach­voll­ziehen, aus welchen Gründen man so was sagt. Aber wir haben eine Umfrage unter unseren 130.000 Campact-Unterstützer*innen in Sachsen gemacht. Über 95 Prozent der Menschen haben da zurück­ge­meldet, dass sie so eine Kampagne wollen. Zu sagen, Campact ist west­deutsch und hat mit Sachsen nichts zu tun, finde ich, ehrlich gesagt, auch nicht der Realität entspre­chend. Man muss auch erst mal hier so viele Menschen zusam­men­bringen.

politikorange: Mit welchen Geldern habt ihr die Kampagne finan­ziert?

Neumann-Cosel: Campact wird durch Spenden finan­ziert, unsere Fixkosten decken die Förde­rinnen und Förderer für die Kampagne. Zudem bitten wir für die Kampa­gnen immer um Einzel­spenden. Für diese spezi­elle Kampagne haben wir einen Spen­den­aufruf per Mail geschrieben und um Unter­stüt­zung gebeten.

politikorange: Drei der vier Kandidat*innen haben das Geld ja gar nicht ange­nommen. Was passiert denn jetzt damit?

Neumann-Cosel: Das Geld geht in Maßnahmen wie Post­wurf­sen­dungen in den Wahl­kreisen oder Social-Media-Ads. Wir machen in Sachsen auch eine Zweit­stim­men­kam­pagne, also dass wir auch dazu aufrufen, die Zweit­stimme stra­te­gisch einzu­setzen. Auch da geht dann Geld rein. Das gehört alles zu einem Gesamt­pro­jekt, für das wir von vorn­herein um die Spenden gebeten haben.

politikorange: Und wie erfolg­reich finden Sie die Kampagne jetzt insge­samt?

Neumann-Cosel: Das können wir erst hinterher vernünftig bewerten. Was für mich am wich­tigsten ist, ist, dass wir versucht haben, die Chancen, die wir hatten, zu nutzen. Dass die gesell­schaft­liche Linke in solchen Zeiten zusam­men­steht und Demokrat*innen sich an einen Tisch setzen und versu­chen, sich zu orga­ni­sieren gegen die drohende Gefahr der AfD. Das glaube ich ist, worum es geht.


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