Flicken­tep­pich ökono­mi­sche Schul­bil­dung

Datum
25. Juli 2022
Autor*in
Anna-Luisa R
Themen
#Aktive #Neueste
Ergebnisse der OeBIX-Studie – Zum Stand der Ökonomischen Bildung in Deutschland, 100= Wirtschaft als vollständiges Nebenfach (Drei Jahre lang, zwei Schulstunden)

Ergebnisse der OeBIX-Studie – Zum Stand der Ökonomischen Bildung in Deutschland, 100= Wirtschaft als vollständiges Nebenfach (Drei Jahre lang, zwei Schulstunden)

Eigene Darstellung, angelehnt an die OeBiX-Studie – Zum Stand der Ökonomischen Bildung in Deutschland

- warum Wirt­schaft noch immer ein Fremd­wort ist.

Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versi­che­rungen. Aber ich kann ne Gedichts­ana­lyse schreiben. In 4 Spra­chen“. Dies twit­terte 2015 ein Mädchen aus Köln und löste damit eine Debatte über ökono­mi­sche Bildung in Deutsch­land aus. Seitdem sind unge­fähr 7 Jahre vergangen. Es wird also Zeit Bilanz zu ziehen, was sich seitdem geän­dert hat.

Schließ­lich reagierten auch verschie­dene Politiker*innen auf den Tweet der 17-Jährigen und forderten, dass sich die Wirt­schafts­bil­dung in deut­schen Klas­sen­zim­mern verbes­sern müsse, unter ihnen auch der dama­lige Wirt­schafts­mi­nister Sigmar Gabriel (SPD) und die dama­lige Bildungs­mi­nis­terin Johanna Wanka (CDU).

Aller­dings – viel geän­dert hat sich auch 7 Jahre später nicht. Dies bestä­tigt auch die aktu­elle OeBIX- Studie zum Stand der ökono­mi­schen Bildung in Deutsch­land. Laut der Studie ist die ökono­mi­sche Bildung in Deutsch­land noch immer als mangel­haft zu bewerten. Die Studie wurde von der Floss­bach von Storch Stif­tung in Auftrag gegeben und vom Institut für Ökono­mi­sche Bildung an der Univer­sität Olden­burg durch­ge­führt. Die Studi­en­ergeb­nisse fließen dabei in den Index Ökono­mi­sche Bildung in Deutsch­land (OeBiX) ein. Der OeBiX gibt an, wie gut die insti­tu­tio­nellen Rahmen­be­din­gungen für die Ökono­mi­sche Bildung in den verschie­denen Bundes­län­dern sind. 100% bedeutet hierbei, dass die Mini­mal­an­for­de­rungen an das Fach Wirt­schaft erfüllt werden, um es als Neben­fach zu etablieren. Dies bedeutet wiederum, dass Schüler*innen einer weiter­füh­renden Schule mindes­tens drei Jahre lang zwei Stunden Wirt­schafts­un­ter­richt pro Woche haben müssen.

Aller­dings, keins der 16 Bundes­länder in Deutsch­land erreicht die 100%. Im Gegen­teil der Durch­schnitt in der Bundes­re­pu­blik liegt grade einmal bei 45,40%. Und dies ist kein Wunder, schließ­lich exis­tiert in Deutsch­land immer noch kein einheit­li­ches Fach Wirt­schaft“. Und so gleicht die Wirt­schafts­bil­dung in Deutsch­land weiterhin eher einem Flicken­tep­pich. Während in Nieder­sachsen und den wirt­schaft­lich starken Bundes­län­dern Bayern und Baden-Würt­tem­berg die ökono­mi­sche Bildung in den Klas­sen­zim­mern – vergli­chen mit dem deut­schen Durch­schnitt – relativ hoch ist, liegen Rhein­land-Pflanz, Sachsen und Saar­land immer noch weit unter dem deut­schen Durch­schnitt.

Wenig Angebot, viel Nach­frage

Dabei ist die Nach­frage nach wirt­schaft­li­cher Bildung in Deutsch­land groß. 77 % der Jugend­li­chen zwischen 14 und 24 Jahren wünschen sich laut einer reprä­sen­ta­tiven Umfrage des Banken­ver­bandes aus dem Jahr 2021 ein eigenes Fach Wirt­schaft. Verständ­lich, denn immerhin 44% der Befragten wussten im Jahre 2021 nicht, was der Begriff Infla­ti­ons­rate bedeutet. Für 68% der Befragten ist außerdem unklar, was über­haupt die Haupt­auf­gabe der Euro­päi­schen Zentral­bank (EZB) ist.

Dass ökono­mi­sche Bildung aber durchaus wichtig ist, um sich eine fundierte poli­ti­sche Meinung bilden zu können, zeigen aktu­elle Ereig­nisse, wie die stei­gende Infla­ti­ons­rate oder der demo­gra­phi­sche Wandel. Dies ist den jungen Menschen auch durchaus bewusst.
81% der Befragten wünschen sich laut der Studie der OeBIX mehr über das Thema Alters­vor­sorge zu erfahren. Kein Wunder, denn der von Norbert Blüm geprägte Satz: Die Rente ist sicher“ gilt für sie nicht mehr, eher das Gegen­teil ist der Fall. Immer mehr Jugend­liche haben schon heute Angst vor der drohenden Alters­armut. Wäre nicht gerade die Schule der rich­tige Ort dafür den Grund­stein zu legen, um komplexe wirt­schaft­liche Zusam­men­hänge zu verstehen? Ja“ sagt Max Banner, der 2020 selbst sein Abitur in Rhein­land-Pfalz absol­viert hat – dem Bundes­land, in dem die ökono­mi­sche Bildung in Deutsch­land am schlech­testen abschneidet. Und so entwi­ckelt er zu Zeit, gemeinsam mit seinem Team und mit Hilfe der Evan­ge­li­schen Akademie Loccum, die App Lebens­wiki. Die App soll alltäg­liche Fragen rund um die Themen Finanzen, Steuern, Versi­che­rungen, Wohnen und Co. beant­worten und wird durch das Bundes­mi­nis­te­rium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finan­ziert. Dadurch können wir die App werbe­frei anbieten“, so Banner. Weiter erläu­tert er: Das Problem ist offen­sicht­lich. Die Wirt­schafts­bil­dung an deut­schen Schulen ist schlecht. Es ist aber immer leicht zu meckern. Wir wollen wirk­lich etwas ändern und unser Wissen weiter­geben. Gemeinsam mit Expert*innen, aber auch mit den betrof­fenen Jugend­li­chen haben wir die Inhalte der App entwi­ckelt und wollen in Zukunft dazu beitragen, dass Jugend­liche auf ein selbst­be­stimmtes Leben vorbe­reitet werden.“

Hoff­nung auf Besse­rung

Projekte wie die Lebens­wiki-App tragen somit zumin­dest dazu bei, dass sich die Bildungs­un­ge­rech­tig­keit in Deutsch­land in Bezug auf ökono­mi­sche Bildung bessert. Aber auch das Land Nord­rhein-West­falen führte mit dem Schul­jahr 2020/2021 Wirt­schaft als Pflicht­fach ein und zieht somit Baden-Würt­tem­berg gleich, die bereits im Schul­jahr 2016/2017 das Fach Wirt­schaft verpflichtet in den Stun­den­plan inte­grierten. Bleibt zu hoffen, dass andere Bundes­länder folgen werden und dass somit das Fach Wirt­schaft für Millionen von Schüler*innen genauso zum Stun­den­plan gehört wie Mathe, Erdkunde, Kunst oder Sport.

Mehr Infor­ma­tionen zum Projekt Lebens­wiki bekommst du hier.

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