Der Hasselbachplatz gilt manchen als Symbol für Unsicherheit und Kriminalität. Die Menschen, die dort leben und arbeiten, erzählen eine andere Geschichte. Beim „Migra-Streik” machten sie sie sichtbar.
In Magdeburg blieben am Mittwoch, den 26. August, viele Ladentüren von 10 bis 15 Uhr geschlossen. Wo sonst Haare geschnitten oder Lebensmittel über den Tresen gereicht werden, hingen rote Plakate in den Fenstern der Geschäfte: „Wir streiken!“. Für einige Stunden sollte sichtbar werden, was fehlen würde, wenn migrantisches Leben aus Magdeburg verschwände.
Ein Streik gegen Rassismus und Abschiebungen
Etwa 150 migrantische Gewerbetreibende in ganz Magdeburg beteiligten sich anderthalb Wochen vor der Landtagswahl am sogenannten „Migra-Streik”. Besonders viele Geschäfte um den Hasselbachplatz herum nahmen teil. Auch deutsche Gewerbetreibende schlossen sich aus Solidarität an. Die Aktion richtete sich gegen „Rassismus und Faschismus”, wie die Plakate verraten. Unterstützt wurde sie vom Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt. Saaeid Saaeid ist Mitglied des Flüchtlingsrats und erklärt gegenüber der taz, dass die im Wahlkampf angekündigten „Forderungen nach massenhaften Abschiebungen […] viele Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte” verunsichern und verängstigen würden. So sehen beispielsweise die Wahlprogramme der AfD, der CDU und des BSW vor, konsequent Abschiebungen durchzuführen.
Wie unsicher ist der Hasselbachplatz wirklich?
Immer wieder gilt der Hasselbachplatz in Magdeburg als vermeintlich kriminalitätsbelasteter Ort. Nur wenige Wochen zuvor hatte AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in einem Interview mit dem MDR den Hasselbachplatz als „einen der zehn unsichersten Orte Deutschlands” bezeichnet. „Das ist eine Lebensrealität”, sagte Siegmund. Doch wie sieht diese Lebensrealität tatsächlich aus?
Zwar ergab eine Auswertung des MDR, dass 2023 vergleichsweise viele Delikte um den Hasselbachplatz und das Rathaus registriert wurden, die als „Körperverletzung, Raub und räuberische Erpressung” kategorisiert wurden. 2024 war das Kriminalitätsaufkommen jedoch an anderen Orten der Stadt höher. Für die Aussage, dass der Hasselbachplatz einer der zehn unsichersten Orte Deutschlands sei, gibt es keine Belege. Auch die Menschen am Hasselbachplatz widersprechen Siegmunds Aussage. „Es ist halt ein belebter Ort, aber unsicher fühle ich mich nicht”, sagt Jasmin*. Sie wohnt direkt am Hasselbachplatz, ursprünglich kommt sie aus Berlin. Auch Maria Oss bedeutet der Platz sehr viel, sie bezeichnet ihn als „das pulsierende Herz der Stadt”. Das sei der Grund, weshalb sie ihre Tanzschule vor ein paar Jahren dort eröffnet habe. Neben der Tanzschule betreibt sie das Café Mosaik, das „aus reiner Solidarität“ am Streik teilnahm. Den Ort, an dem sie lebt und arbeitet, erkennt sie in Siegmunds Aussage nicht wieder.
„Wir sind auch Menschen”
Auch Hamza nahm mit seinem Lokal am „Migra-Streik” teil. Er wohnt seit 30 Jahren in Magdeburg, ursprünglich kommt er aus Syrien. Seit drei bis vier Jahren besitzt er ein Lokal am Hasselbachplatz. Der Name seines Lokals soll nicht genannt werden, er habe Angst vor Anfeindungen. Auf die Frage, was seine Motivation für die Teilnahme am Streik gewesen sei, antwortet er: „Wir sind auch Menschen, wir wollen auch unsere Meinung [äußern].” Vor einer Machtübernahme der AfD habe er keine direkte Angst, allerdings befürchtet er, dass sich die allgemeine Stimmung im Land innerhalb der nächsten Jahre verschieben könnte. „Wenn es zu viel wird, bin ich weg”, sagt Hamza. Dann würde er zusammen mit seiner Familie Magdeburg verlassen. Die Lage in Sachsen- Anhalt ist angespannt: Zwei Drittel der Menschen mit Migrationsgeschichte, die darüber nachdenken, das Land zu verlassen, gaben als Grund an, sich nicht willkommen zu fühlen. 67 Prozent der Befragten nannten Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen als Grund.
Der Streik als Erfolg
Auf die Frage, ob Hamza froh sei, dass sein Lokal am Streik beteiligt war, antwortet er: „Ja, aber natürlich!”. Er habe mitbekommen, dass Menschen während des Streiks vor den geschlossenen Lokalen standen, manche, weil sie dort essen oder sich die Haare schneiden lassen wollten. Einige hätten gar nicht gewusst, wo sie sonst hingehen sollten. Auch Maria Oss sieht den Streik als Erfolg. Für sie sei es viel wert gewesen, dass Menschen direkt vor Ort bemerkt hätten, dass sich etwas bewegt.
*Name geändert
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