Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Der Hassel­bach­platz in Magde­burg gehört nicht der Angst

Datum
17. September 2026
Autor*in
Leonie Jax
Themen
#Politik #LTWSA26
Luzia Hasselbachplatz

Jugendpresse Deutschland e.V. / Maximilian Enrico Loebert

Der Hassel­bach­platz gilt manchen als Symbol für Unsi­cher­heit und Krimi­na­lität. Die Menschen, die dort leben und arbeiten, erzählen eine andere Geschichte. Beim Migra-Streik” machten sie sie sichtbar.

In Magde­burg blieben am Mitt­woch, den 26. August, viele Ladentüren von 10 bis 15 Uhr geschlossen. Wo sonst Haare geschnitten oder Lebens­mittel über den Tresen gereicht werden, hingen rote Plakate in den Fens­tern der Geschäfte: Wir streiken!“. Für einige Stunden sollte sichtbar werden, was fehlen würde, wenn migran­ti­sches Leben aus Magde­burg verschwände. 

Ein Streik gegen Rassismus und Abschie­bungen

Etwa 150 migran­ti­sche Gewer­be­trei­bende in ganz Magde­burg betei­ligten sich andert­halb Wochen vor der Land­tags­wahl am soge­nannten Migra-Streik”. Beson­ders viele Geschäfte um den Hassel­bach­platz herum nahmen teil. Auch deut­sche Gewer­be­trei­bende schlossen sich aus Soli­da­rität an. Die Aktion rich­tete sich gegen Rassismus und Faschismus”, wie die Plakate verraten. Unterstützt wurde sie vom Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt. Saaeid Saaeid ist Mitglied des Flüchtlingsrats und erklärt gegenüber der taz, dass die im Wahl­kampf angekündigten Forde­rungen nach massen­haften Abschie­bungen […] viele Menschen mit Flucht- und Migra­ti­ons­ge­schichte” verun­si­chern und verängs­tigen würden. So sehen beispiels­weise die Wahl­pro­gramme der AfD, der CDU und des BSW vor, konse­quent Abschie­bungen durchzuführen.

Wie unsi­cher ist der Hassel­bach­platz wirk­lich?

Immer wieder gilt der Hassel­bach­platz in Magde­burg als vermeint­lich krimi­na­li­täts­be­las­teter Ort. Nur wenige Wochen zuvor hatte AfD-Spit­zen­kan­didat Ulrich Sieg­mund in einem Inter­view mit dem MDR den Hassel­bach­platz als einen der zehn unsi­chersten Orte Deutsch­lands” bezeichnet. Das ist eine Lebens­rea­lität”, sagte Sieg­mund. Doch wie sieht diese Lebens­rea­lität tatsäch­lich aus? 

Zwar ergab eine Auswer­tung des MDR, dass 2023 vergleichs­weise viele Delikte um den Hassel­bach­platz und das Rathaus regis­triert wurden, die als Körper­ver­let­zung, Raub und räube­ri­sche Erpres­sung” kate­go­ri­siert wurden. 2024 war das Krimi­na­li­täts­auf­kommen jedoch an anderen Orten der Stadt höher. Für die Aussage, dass der Hassel­bach­platz einer der zehn unsi­chersten Orte Deutsch­lands sei, gibt es keine Belege. Auch die Menschen am Hassel­bach­platz wider­spre­chen Sieg­munds Aussage. Es ist halt ein belebter Ort, aber unsi­cher fühle ich mich nicht”, sagt Jasmin*. Sie wohnt direkt am Hassel­bach­platz, ursprünglich kommt sie aus Berlin. Auch Maria Oss bedeutet der Platz sehr viel, sie bezeichnet ihn als das pulsie­rende Herz der Stadt”. Das sei der Grund, weshalb sie ihre Tanz­schule vor ein paar Jahren dort eröffnet habe. Neben der Tanz­schule betreibt sie das Café Mosaik, das aus reiner Soli­da­rität“ am Streik teil­nahm. Den Ort, an dem sie lebt und arbeitet, erkennt sie in Sieg­munds Aussage nicht wieder.

Wir sind auch Menschen”

Auch Hamza nahm mit seinem Lokal am Migra-Streik” teil. Er wohnt seit 30 Jahren in Magde­burg, ursprünglich kommt er aus Syrien. Seit drei bis vier Jahren besitzt er ein Lokal am Hassel­bach­platz. Der Name seines Lokals soll nicht genannt werden, er habe Angst vor Anfein­dungen. Auf die Frage, was seine Moti­va­tion für die Teil­nahme am Streik gewesen sei, antwortet er: Wir sind auch Menschen, wir wollen auch unsere Meinung [äußern].” Vor einer Machtübernahme der AfD habe er keine direkte Angst, aller­dings befürchtet er, dass sich die allge­meine Stim­mung im Land inner­halb der nächsten Jahre verschieben könnte. Wenn es zu viel wird, bin ich weg”, sagt Hamza. Dann würde er zusammen mit seiner Familie Magde­burg verlassen. Die Lage in Sachsen- Anhalt ist ange­spannt: Zwei Drittel der Menschen mit Migra­ti­ons­ge­schichte, die darüber nach­denken, das Land zu verlassen, gaben als Grund an, sich nicht will­kommen zu fühlen. 67 Prozent der Befragten nannten Diskri­mi­nie­rungs- und Rassis­mus­er­fah­rungen als Grund.

Der Streik als Erfolg

Auf die Frage, ob Hamza froh sei, dass sein Lokal am Streik betei­ligt war, antwortet er: Ja, aber natürlich!”. Er habe mitbe­kommen, dass Menschen während des Streiks vor den geschlos­senen Lokalen standen, manche, weil sie dort essen oder sich die Haare schneiden lassen wollten. Einige hätten gar nicht gewusst, wo sie sonst hingehen sollten. Auch Maria Oss sieht den Streik als Erfolg. Für sie sei es viel wert gewesen, dass Menschen direkt vor Ort bemerkt hätten, dass sich etwas bewegt.

*Name geän­dert


Empfohlene Beiträge

Artikel

Wer fehlt auf dem Wahl­zettel?

Sophia Johnsen

Artikel

Sachsen-Anhalt: Zwischen Hoff­nung und Hoff­nungs­lo­sig­keit

Maximilian Enrico Loebert , Rosalie Raasch

Du kannst mitmachen!

Bei politikorange arbeitest du ganz im Zeichen der Pressefreiheit. Unter Anleitung erfahrener Jungjournalist*innen erstellst du Blogbeiträge oder ein Magazin im Redaktionsteam. Du recherchierst, führst Interviews und Hintergrundgespräche, machst dir dein eigenes Bild, findest die richtigen Worte und erhältst Support aus dem politikorange-Team bei jedem Schritt. Außerdem kannst du dich auch im Fotojournalismus, mit bewegten Bildern oder anderen crossmedialen Inhalten ausprobieren.

32869514097 5729e8895e o 1 2