Das Wahl­alter schließt die Jugend aus – immer noch

Datum
28. Juli 2022
Autor*in
Johanna R
Themen
#Gesellschaft #Probleme & Lösungen
Die Betei­li­gung an den U18-Wahlen zeigt, die Jugend ist bereit zum Wählen – doch ist die Politik bereit für die Jugend? Was die Dauer­de­batte zur Senkung des Wahl­al­ters bis jetzt gebracht hat. Ein Kommentar

Ich stehe auf der Bühne und klam­mere mich an das Mikrofon, um das Zittern meiner Hände zu kaschieren. Vor mir türmt sich ein Publikum von Jugend­li­chen auf, hinter mir erstreckt sich eine Sitz­reihe an vornehmen Sesseln, geschmückt mit Politiker*innen. Sie lehnen sich in ihre gepols­terten Sitz­gar­ni­turen zurück und lassen ihre Blicke über die jungen Gesichter schweifen, während ich ihnen Fragen stelle. In solchen Momenten fühle ich mich klein. Die Land­tags­wahlen stehen an und wie jedes Jahr hat unsere Stadt eine Podi­ums­dis­kus­sion für Jugend­liche orga­ni­siert, die ich mit zwei anderen mode­rieren soll.

In solchen Momenten fühle ich mich klein.“

Unter­schied­lich gehalt­voll antworten die Redner*innen auf unsere Fragen. Mit einer gekonnten Akro­batik hangeln sie sich an einzelnen Schlag­worten von Frage zu Frage und umgehen mehrere von ihnen. Ich staune ein wenig. Dann fällt mir ein, dass das Reden der Beruf eines Poli­ti­kers ist und ein Poli­tiker ohne Rede­ge­wandt­heit wäre wie ein Friseur ohne Schere. Das ist das Hand­werks­zeug der Politiker*innen. Das Einmal­eins der Redner*innen.

Mein Blick wandert in das Publikum. Ich finde mich selbst in den Gesich­tern der Schüler*innen wieder, aller­dings nicht, weil auch ich noch Schü­lerin bin, oder ich einige von ihnen sogar kenne, sondern, weil ich ganz genau weiß, wie sie sich fühlen. Ich fühle es ja in diesem Moment auch.

Wenn die Macht­lo­sig­keit ein Schleier wäre, dann läge er über dem gesamten Publikum. Klar, denn wir sind schließ­lich alle minder­jährig und somit noch immer ausge­schlossen von den wich­tigsten Wahlen des Landes. Für uns ist Politik etwas Entferntes. Etwas, dass sich auf Bühnen abspielt und nicht dahinter. Doch ich wundere mich, warum auch ich mich so machtlos fühle in einem Moment der totalen Ausschöp­fung meiner Macht. Ich stelle die Fragen, ich habe das Mikrofon, ja ich habe sogar mitbe­stimmt, wer hier heute bei der Podi­ums­dis­kus­sion mit dabei ist. Ist mir all das nicht genug?

Für uns ist Politik etwas Entferntes…“

Dann kommt die Frage, auf die das Publikum insge­heim gewartet hat. Die Frage nach der Senkung des Wahl­al­ters. Ich bin froh, diese Frage nicht arti­ku­lieren zu müssen und schaue meiner Mitmo­de­ra­torin dabei zu, wie auch ihr es schwer­fällt den Ton zu vertu­schen, der ihre Müdig­keit verrät. Die Debatte muss mindes­tens so alt sein, wie ich selbst“ , denke ich, als die Redner*innen ihre Arme heben und mit den gefärbten Farb­karten ihre Posi­tion zur Frage: Sollte das Wahl­alter auf 16 gesenkt werden?“, ganz ohne Worte darstellen (eine kluge Methode, die die Poli­tiker zwingt ihre Posi­tion auf den Punkt zu bringen). Es gibt Grün, für stimme zu“, Gelb für bin mir unsi­cher“ und Rot für stimme nicht zu“.

In der Luft schwingen jetzt über­wie­gend grüne Papiere und lange Arme von Menschen, die versu­chen sich daran zu erin­nern, wie es ist 16 und machtlos zu sein.

Aber was sie nicht wissen ist, dass genau diese Frage und genau diese Reak­tion das Frus­trie­rendes an sowohl der ganzen Debatte, als auch der ganzen Politik ist. Es ist immer so, dass die Mehr­heit für eine Jugend­be­tei­li­gung an Wahlen ist. Aber warum gibt es keine?

Es ist immer so, dass die Mehr­heit für eine Jugend­be­tei­li­gung an Wahlen ist. Aber warum gibt es keine?“

Ich schaue in leere Gesichter, viel­leicht in mein eigenes, das überall im Publikum sitzt. Die Jugend­li­chen schauen erwar­tungs­voll nach vorne. Es ist toll, wenn sich die Jugend enga­giert“, schmei­cheln sich die Sesselsitzer*innen bei ihnen ein.

Ja, es ist toll, wenn sich die Jugend enga­giert. Aber wie noch viel toller“ wäre es wenn unsere Stimme tatsäch­lich einmal zählen würde?

Der Fakt, dass seit den letzten 5 Podi­ums­dis­kus­sionen alle wech­selnde Sesselsitzer*innen mit ich stimme zu“ auf die Frage nach der Senkung des Wahl­al­ters geant­wortet haben, sich aber noch immer nichts geän­dert hat, ist ein Exempel für die Verwor­ren­heit der Politik, die die Jugend abschreckt. Ein solches Vorgehen fördert den Glauben, Politik sei zu schwer­fällig und zu kompli­ziert.

Vor zwanzig Jahren hätten junge Menschen sich ihrem Schicksal viel­leicht hinge­geben, wären zur Schule gegangen und hätten sich irgend­wann dann poli­ti­siert, wenn der erste Wahl­schein in ihren Brief­kästen einge­tru­delt wäre. Aber ange­sichts des Glatt­eises, auf dem wir stehen und dass sich frei von Schnee geschau­felt als Funda­ment unserer Gesell­schaft entpuppt, musste jeder von uns erfahren, dass wir, wenn es so weiter geht auf fragilem Grund bauen. Und Niemand will seine Zukunft auf Eis bauen. Gerade in diesen Zeiten beein­flussen die Entschei­dungen von heute unsere Zukunft von morgen so enorm, wie noch nie. Deswegen gingen, gehen und werden wir demons­trieren gehen.

Niemand will seine Zukunft auf Eis bauen.“

Doch auch, wenn Demons­tra­tionen auf die Politik einwirken und zeigen, dass die Jugend da ist und ihre Meinung vertritt, in den VIP Club der Privi­le­gierten, die Entschei­dungen treffen dürfen kommt man erst rein, wenn man wählen darf, sprich voll­jährig ist.

Das ist nicht richtig.

Wir sind da und mündig und bereit die Welt im Sturm zu erobern. Die Land­tags­wahlen beweisen es: In NRW betei­ligten sich fast 45.000 junge Wähler*innen an der U18-Land­tags­wahl 2022. 2017 waren es noch 35.000 Kinder und Jugend­liche in NRW.

Wenn die Gene­ra­tion Greta bereits 2022 hätte wählen dürfen, dann sähen die Wahl­er­geb­nisse der Land­tags­wahlen anders aus. Die stärkste Kraft bei den jungen Menschen war mit Abstand die SPD mit 25 %, gefolgt von den Grünen. Erst nach den Grünen folgt die CDU mit 18%*(Zahlen gerundet).

Seit Jahren schafft es die Politik die Jugend von Parteien und dem Wahl­pro­zess abzu­schre­cken.

Diese schießen sich damit jedoch ein Eigentor, zumin­dest die Meisten von ihnen. SPD, Grüne und vor allem FDP, die bei den Land­tags­wahlen in NRW ein histo­risch schlechtes Ergebnis mit nur 5,6 % erzielte, würden profi­tieren von der jungen Wähler­schaft. Gerundet 12% der Jugend­li­chen gaben der FDP ihre Zweit­stimme.

Einzig die CDU, die es gewohnt ist, stärkste Kraft bei Landes­wahlen zu sein, über­zeugt die Jugend weniger.

Eine souve­räne Politik, die die Mehr­heit entscheiden lässt

Es wäre für die poli­ti­schen Parteien, die einen Mangel an Nach­wuchs beklagen, aus mehreren Perspek­tiven von Vorteil, das Wahl­alter jetzt und unmit­telbar grei­fend auf 16 zu senken. Nicht nur würde dies ernst­haftes Inter­esse an der Jugend wider­spie­geln, sondern auch das Bild einer souve­ränen Politik zeichnen, die die Mehr­heit entscheiden lässt und nicht zurück­ge­halten ist von Parteien, die aus der Angst heraus, Jugend­liche könnten tatsäch­lich in der Politik etwas am Status-Quo ändern, die Entschei­dung hinaus­zö­gern und zurück­halten.

Mit einem imagi­nären Augen­rollen an die CDU, die mit der AfD als einzige Partei das gelbe Papier in die Luft ragt, frage ich das Publikum, wie sie zur Wahl­alter Senkung stehen. Plötz­lich erhebt sich der ganze Saal. Ausnahmslos.

In solchen Momenten fühle ich mich groß und verstanden und so, als könnten wir Jugend­liche für einen Augen­blick unseren Schleier der Macht­lo­sig­keit ablegen, immer dann, wenn wir alle zusammen für das aufstehen, was wir für richtig halten. Ich drehe mich um und sehe wie sich auch in den Gesich­tern der Sesselsitzer*innen etwas regt.

Ich wünschte, ich könnte ihnen in diesem Moment zurufen: Liebe Parteien, hört auf uns zu sagen wir seien noch nicht bereit für poli­ti­sche Entschei­dungs­pro­zesse, es scheint eher als wäret ihr noch nicht bereit für uns Jugend­liche.

Aber anstatt ihnen zuzu­rufen schreibe ich diesen Kommentar.


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