#BTW21: So offen war eine Bundes­tags­wahl noch nie – poli­ti­ko­range berichtet aus ganz Deutsch­land

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Foto: Leon Seiber / Unsplash

Deutsch­land. Alles ist drin.“ Als die Grünen im Sommer so ihr Wahl­pro­gramm über­schrieben, meinten sie damit eigent­lich eine grüne Kanz­lerin. Seitdem ist so viel passiert, dass es unmög­lich scheint, eine seriöse Prognose über das Wahl­er­gebnis, Sondie­rungen und die Wahl zur Kanz­lerin oder zum Kanzler zu machen. Unsere poli­ti­ko­range-Redak­tion berichtet aus junger Perspek­tive.

Alles ist drin. Statt grüner Selbst­be­schrei­bung ist das nun das Motto der #BTW21.

Zunächst sah es nach einem Zwei­kampf zwischen Armin Laschet und Anna­lena Baer­bock aus, inzwi­schen hat Olaf Scholz in Umfragen die Nase vorn – der Kandidat der SPD, die ange­sichts von Umfra­ge­werten um die 14% im Früh­jahr kurz­zeitig damit haderte, über­haupt offi­ziell jemanden für das Kanz­leramt ins Rennen zu schi­cken. Dieser Trend­wechsel hat sicher mit indi­vi­du­ellen Fehlern von Laschet und Baer­bock zu tun. Viel­leicht gibt es aber auch einen tiefer liegenden Grund für die Unbe­re­chen­bar­keit der partei­po­li­ti­schen Vorlieben und perso­nellen Präfe­renzen der Menschen in Deutsch­land.

Welche Partei gibt über­zeu­gend Orien­tie­rung?

Diese Wahl ist eine Rich­tungs­wahl. Dass Politiker*innen aller Parteien nicht müde werden, diese Phrase zu wieder­holen, macht sie nicht falsch. Wohl aber kann der Eindruck entstehen, die Parteistrateg*innen würden die rele­vanten, rich­tungs­wei­senden Themen nicht kennen, bewusst umschiffen oder schlecht adres­sieren. Es geht beispiels­weise über­ra­schend wenig um Gene­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit. Die Folgen des bereits verur­sachten Klima­wan­dels sowie die stetig düster werdenden Szena­rien der Klimaforscher*innen, die Auswir­kungen der andau­ernden Corona-Pandemie, die auch und beson­ders auf dem Rücken von Kindern und Jugend­li­chen ausge­tragen wird, und Lösungen für ein zuver­läs­siges Renten­system für die alternde Gesell­schaft werden nicht ange­spro­chen. Über­haupt fehlen Visionen für die Zukunft in einer Welt, die sich schnell ändert – und ändern muss. Die Menschen spüren, dass sich ihr Leben dras­tisch ändern wird. Wer aber Orien­tie­rung in der poli­ti­schen Führung sucht, findet unter anderem (mittel)alte Männer konser­va­tiver Parteien, die behaupten, alles könne im Wesent­li­chen so bleiben, wie es ist. Die Krise der Laschet-Union zeigt, dass diese Erzäh­lung keine Strahl­kraft (mehr) hat. Baer­bock und die Grünen verpassen bislang die Chance, ihre Themen zu setzen und die rela­tive Stärke der SPD könnte gerade darin bestehen, einer­seits moderner als andere zu wirken, ande­rer­seits die Wähler*innen aber auch nicht mit zu konkreten Vorschlägen zu belasten.

Im Kopf ersetzen wir komplexe Fragen durch einfache – und reden deshalb so viel über Kandidat*innen

Bundes­tags­wahl ist Kanzler*innenwahl“, noch so eine Phrase, die Wahlkämpfer*innen nach jeder Umfrage twit­tern und in Mikro­fone spre­chen. Auch an dieser Phrase ist etwas dran, denn unsere Hirne sind einfach gestrickt. Der Psycho­loge Daniel Kahneman beschreibt in seinem welt­be­kannten Best­seller Thin­king – fast and slow“ einige Denk­fehler, die unser Gehirn macht. Es ersetzt komplexe Fragen, die wir nur durch kräf­tiges Nach­denken oder gar nicht beant­worten können, durch andere, leich­tere Fragen, für die wir intuitiv und unmit­telbar eine Antwort haben. Statt also in die Tiefen der Wahl­pro­gramme einzu­steigen, die Argu­men­ta­tionen nach­zu­voll­ziehen und Konzepte zu verglei­chen, beant­worten wir die Frage: Wen mag ich am liebsten – Lindner, Scholz, Baer­bock oder Laschet? 

Bundes­tags­wahl ist Kanzler*innenwahl. Und die Kanz­lerin tritt nicht mehr an. Keiner der Kandidat*innen schafft(e) es, diese Lücke zu füllen. Bis jetzt besetzt Olaf Scholz die Merkel-Rolle am besten – viel­leicht ist das der Haupt­grund für seine guten Umfra­ge­werte.

poli­ti­ko­range berichtet aus (fast) allen Ecken des Landes

Das ist die Ausgangs­lage, in der ein 16-köpfiges poli­ti­ko­range-Redak­ti­ons­team in die Arbeit startet. Von jetzt an bis zur Wahl nehmen wir euch mit auf eine poli­ti­sche Reise durch Deutsch­land: Wir fragen junge, konser­va­tive Politiker*innen aus Bayern nach ihrer Vision für Deutsch­land, wandeln auf den Spuren von Olaf Scholz in Hamburg und berichten über rechte Wahl­wer­bung in Thüringen. Wir fragen, warum so viele Wähler*innen diesmal unent­schlossen sind, warum Wahl­pla­kate auch im Jahr 2021 noch sinn­voll sind und welche Rolle das Thema Gender’ in den Wahl­pro­grammen der Parteien spielt. 

Wir blicken auf die Situa­tion im bran­den­bur­gi­schen Wahl­kreis von Anna­lena Baer­bock und Olaf Scholz und wollen heraus­finden, warum das Thema Inte­gra­tion und Migra­tion’ in Sachsen so eine große Rolle spielt, prüfen am Beispiel von Biele­felds auto­freier Altstadt und Berlins (vorerst) geschei­tertem Mieten­de­ckel poten­ti­elle Zukunfts­mo­delle für ganz Deutsch­land. Wir beob­achten den Wahl­kampf im länd­li­chen und digi­talen Raum, spre­chen mit jungen Menschen, die sich mit und ohne Erfolgs­aus­sichten für ein Bundes­tags­mandat bewerben. Und wir stellen die Partei der dänisch-frie­si­schen Minder­heit in Schleswig-Holstein vor, die bei dieser Wahl das erste Mal seit 68 Jahren wieder in den Bundestag einziehen könnte.

Die Wahl wird so span­nend wie nie – wir berichten aus junger Perspek­tive 

Der Wahl­abend – und durch die erwartet große Zahl an Briefwähler*innen mögli­cher­weise auch die Zeit danach – wird so span­nend wie nie. Deswegen begleiten wir mit poli­ti­ko­range auch das Wahl­wo­chen­ende in Berlin aus junger Perspek­tive. Wir treffen Entscheider*innen, spre­chen mit Expert*innen, saugen die Stim­mung auf den Wahl­partys auf. Und natür­lich disku­tieren wir mit euch, den Leser*innen dieses Blogs. Wir freuen uns über eure Rück­mel­dungen, Kommen­tare und lebhafte Diskus­sionen – auch und gerade auf Twitter und Insta­gram!

Alles ist drin. Das ist auch unser Motto für die nächsten Wochen.


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