Berlin zwischen Party und Demons­tra­tion

Datum
08. Mai 2019
Autor*in
Saad Yaghi & Qasim Alqasim
Thema
#yma19
Berlin-Kreuzberg /am 1. Mai  Foto: Mohamad Rajab/Tarek Bunni

Berlin-Kreuzberg /am 1. Mai Foto: Mohamad Rajab/Tarek Bunni

Berlin-Kreuzberg /am 1. Mai Foto: Mohamad Rajab/Tarek Bunni

Der Begriff Demons­tra­tionen“ löst unter­schied­liche Vorstel­lungen aus – je nachdem, aus welchem Land man kommt. Qasim Alqasim und Saad Yaghi kommen aus Syrien. Sie haben sich am 1. Mai in Berlin auf dem MyFest und bei der Revo­lu­tio­nären Demons­tra­tion umge­sehen und ihre Beob­ach­tungen fest­ge­halten.

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MyFest in Berlin-Kreuzberg / Foto: Saad Yaghi

Der Geruch von gegrilltem Fleisch am Orani­en­platz in Berlin-Kreuz­berg hängt uns noch immer in der Nase, wie die Musik, die die Wände unserer Gehirne zum Vibrieren brachte – und ihr Echo, welches meine Erin­ne­rung aufge­rufen hat. Lächelnde Gesichter überall. Migran­tinnen nutzen den Tag der Arbeit, indem sie türki­sche Köfta verkaufen, um etwas Geld zu verdienen. Auf beiden Seiten der Straße finden sich präch­tige Gebäude. Alle Straßen sind mit Menschen über­füllt, und je weiter wir laufen, desto tiefer tauchen wir in die Details. Man sieht Menschen, die glück­lich tanzen und feiern. Dazwi­schen Liebende, die sich küssen. Man merkt, dass der Erste Mai, Tag der Arbeit, hat ein inter­na­tio­nales Gesicht. Die Viel­falt der Menschen auf dem Gelände des MyFests in Berlin-Kreuz­berg ist ein typi­scher Anblick an diesem Tag. Unter den Feiernden finden sich inter­na­tio­nalen Studen­tinnen und Studenten sowie Menschen aus der ganzen Welt. Alle treffen sich um Spaß zu haben.

Ein Schrei für die Rechte der Arbei­te­rinnen und Arbeiter

Einen Gegen­satz zur freu­digen Atmo­sphäre am Orani­en­platz bilden laute Stimmen in verschie­denen Teilen Berlins. Ein pulsie­render Schrei am Wismar­platz in Fried­richs­hain steht für den Tag der Arbeit und den Kampf für die Rechte der Arbeiter und Arbei­te­rinnen. Die Demons­tranten und Demons­tran­tinnen wollen, dass die Gehälter steigen und sich die allge­meine Lebens­si­tua­tion verbes­sert. Sie wollen keine Angst mehr davor haben, auf die Straße zu gehen und für ihre Rechte zu kämpfen. Ich möchte die Gesell­schaft verän­dern“, sagt uns ein Teil­nehmer der Demons­tra­tion. Ein anderer erklärt: Das Ziel ist, den Kapi­ta­lismus abzu­schaffen.“ Am Wismar­platz erheben sich die Stimmen der Teil­neh­menden. Sie halten Trans­pa­rente in die Höhe und singen dazu ein revo­lu­tio­näres Lied, das aus Paläs­tina stammt. Der Text des Liedes handelt von Frei­heit, der Liebe zum Wider­stand und der Vertei­di­gung der Rechte. Alle haben Panzer und wir haben nur Steine“, heißt es im Text. Die Lieder aus unter­schied­li­chen Regionen der Welt zeigen aus unserer Sicht, wie viel­fältig die Demons­tra­tion ist. Wir denken, dass das eine eine starke Botschaft an die deut­sche Regie­rung sendet. Die Banner thema­ti­sieren die Einheit der Arbeiter und Arbei­te­rinnen in verschie­denen Teilen der Welt und fordern, gemeinsam für soziale Gleich­heit und Soli­da­rität zu kämpfen.

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Demo am 1. Mai in Berlin / Foto: Foto: Saad Yaghi

So viel Polizei, dass sie eine bela­gerte Stadt befreien könnte

Bei der Feier und der Demons­tra­tion sind Poli­zis­tinnen und Poli­zisten anwe­send. Am Orani­en­platz in einer Anzahl, die uns akzep­tabel erscheint. Ihre Aufgabe es ist, die Sicher­heit zu wahren und für Passanten und Passan­tinnen ansprechbar zu sein. Aber am Wismar­platz ist genug Polizei, um eine von Eindring­lingen eroberte Stadt befreien zu können. Die Polizei hat Helme, Gummi­stöcke und eine große Anzahl von Fahr­zeugen dabei. Diese Fahr­zeuge bilden Wände, damit niemand hindurch­laufen kann. Auf den Straßen und den Gehwegen, in denen die Menschen gefeiert haben, liegt eine große Menge von Müll sowie leere Flaschen und Essens­reste. In der späten Nacht wird das die Reini­gungs­kräfte der Stadt viel Kraft und Mühe kosten. Für mich war dieser Erste Mai in Berlin eine neue Erfah­rung. Wenn ich das Wirt Demons­tra­tion höre, denke ich sofort an Feuer­waffen, Muni­tion und zivile Opfer. Wir Syre­rinnen und Syrer können nicht einfach so auf die Straße gehen und demons­trieren, denn das könnte unser Leben kosten.


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